Wilde Orchideen und Trotzki", so überschrieb Richard Rorty einen Text über seinen philosophischen Bildungsweg. "The Case of Leon Trotsky" - Teil des Berichts der Dewey-Kommission über die Untersuchung der Moskauer Schauprozesse - nahm einen Ehrenplatz im Bücherregal der Eltern ein, die 1932 aus der Kommunistischen Partei ausgetreten und in der Gewerkschaftsbewegung aktiv waren. Und selbst wenn ihn Trotzkis "Geschichte der Russischen Revolution" weniger faszinierte als die schwierigen Worte in Krafft-Ebings "Psychopathia sexualis", war es für den New Yorker Jungen klar, dass das Herz der Menschheit links schlägt und der Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit zu führen sei.Doch gab es da noch eine andere Leidenschaft, für wilde Orchideen nämlich, die in den Bergen des nordwestlichen New Jersey zu finden waren, wo die Familie einen Teil der Zeit verbrachte. Diese ästhetische Obsession, die offensichtlich nicht auf der Linie der politischen Genossen lag, sollte sich doch irgendwie mit dem politischen Engagement vereinbaren und letzteres sich obendrein als vernünftig nachweisen lassen, nicht bloß zufälliger Neigung entspringend: "In meinem fünfzehnten Sommer" - 1946 am Hutchins College der Universität von Chicago angekommen - "las ich alles von Platon und kam zu der Überzeugung, dass Sokrates Recht hatte: Tugend war tatsächlich Erkenntnis." Ein Pragmatismus à la Dewey, wie ihn Rorty aus dem Milieu seiner Eltern gut kannte, reichte offenbar nicht aus, um ein solches Wahrheitsfundament für die richtigen moralisch-politischen Entscheidungen zu legen. Es galt, sich der Philosophie zu verschreiben.Diese Entscheidung hat Rorty nie revidiert, aber sie lief darauf hinaus, ihn zum entschiedenen Anti-Platoniker zu machen, der auch eine Renaissance des amerikanischen Pragmatismus einleitete. Statt dem platonischen Einheitsversprechen ging es letztlich um die strikte Trennung zwischen privater Selbstverwirklichung und der Teilnahme an öffentlich-politischen Debatten. Und an die Stelle der Vorstellung einer Annäherung an "die Sachen selbst" und an "Fundamente" der Erkenntnis trat die Betonung der Kontingenz und der offenen Zukunft unserer Weltbewältigungen.Das Buch "Philosophie und der Spiegel der Natur" (1979) nahmen manche seiner Princetoner Kollegen bereits als Abschiedsgeste von der soliden Philosophie. In ihm wird die Entstehung des philosophischen Projekts "Erkenntnistheorie" nachgezeichnet: Diesem Versuch, der Philosophie jenseits der empirischen Wissenschaften einen privilegierten Kanon zu sichern, stellte Rorty die Diagnose, der Verführungskraft einprägsamer Metaphern und Bilder erlegen zu sein. Statt abschließende Einsichten zu erreichen, sollten wir nach Rorty die Philosophie besser als eine der Möglichkeiten begreifen, neue Beschreibungsweisen unseres Selbst und der Welt zu entwerfen. "Kontingenz, Ironie und Solidarität", Ende der Achtzigerjahre veröffentlicht und wohl sein bekanntestes Buch, führt diese Ausrichtung vor Augen.Dem Philosophen und entschieden engagierten Intellektuellen standen verschiedene Schreibweisen zu Gebote. Neben eher holzschnitthaften programmatischen Essays stehen die Aufsätze, die ihn als umsichtigen Interpretationsarbeiter an Texten der analytischen wie kontinentalen Philosophie zeigen, deren Auftrennung er nie akzeptierte. Souverän und mit gewitzter Bricolagetechnik verknüpfte er Autoren und Ansätze zu immer anregenden Kartografien des philosophischen Terrains. Der manchmal bemängelte fehlende philosophische Tiefgang seiner Zusammen- und Gegenführungen war gerade die Pointe von Rortys nüchtern pragmatischer Positionsbestimmung. Manche Kritiker sahen da einen allzu beherzten Ironiker am Werk. Doch Rorty ist heute einer der am intensivsten diskutierten Philosophen der Gegenwart und wirkt weit über die Grenzen seines Fachs.1982 war er den strengen Kollegen am Princetoner Philosophiedepartment mit einer Professur für Humanities an der University of Virginia entkommen.Vor zehn Jahren nahm er noch einmal einen Ruf an die University of Stanford an, als Professor of Comparative Literature. Vor wenigen Wochen erschien der vierte Band seiner "Philosophical Papers: Philosophy as Cultural Politics". Am vergangenen Freitag ist Richard Rorty im Alter von 75 Jahren in Stanford gestorben.------------------------------Foto: Richard Rorty (4. Oktober 1931 - 8. Juni 2007)