Als Gerd Preusche mal einen Cowboy spielte, da sagte nach der Vorstellung beim Verlassen des Saales eine Zuschauerin zu ihrem Begleiter: "Der war ja wie Dschon Wayne." Und als Gerd Preusche dieses zufällig aufgeschnappte Kompliment zu seinem Auftritt in Sam Shepards "The Unseen Hand" dann wenig später in der Theaterkantine zugetragen wurde, da lachte er. So in sich hinein, sehr würdevoll überm Schnapsglas; wie ein Kind, das es gerade so eben noch schafft, mit etwas hinter dem Berg zu halten, der Freude in diesem Fall, dem Erkanntwordensein. John Wayne, eine Ewigkeit lang seine Fingernägel betrachtend. Cowboy des Ostens. Jetzt bist du doch tatsächlich in den Sonnenuntergang geritten."Was weißt denn Du von meiner Einsamkeit?" Mit ironischem Zeigefinger und daumendick hatte er sich das Brunhild-Zitat aus Hebbels "Nibelungen" in einen seiner Auftritte als Vater Vockerat in Hauptmanns "Einsame Menschen" hineinmontiert und es bis zur letzten Aufführung gegen alle Einwände verteidigt. Gerd Preusche war nichts zu dick, schon gar nicht die einfache Wahrheit, ganz direkt. Und dass die anderen ihn in aller Freundschaft "den Knödler" nannten, liebkoste ihn am Kantinentisch mindestens so sehr, wie es ihn vielleicht auch gestört haben mag. Es ging ihm selten um subtile Bedeutungshuberei, immer aber ums Herz. Er hatte ziemlich viel davon.Wer Gerd Preusche hingegen mit Sachen kam wie "Ich bin die Fähre zwischen Eiszeit und Kommune", der musste sich schon mal blöde Nachfragen gefallen lassen: "Was bist du? Ne Fähre? Was n für ne Fähre?" Und mit diesem legendär gewordenen verbalen Schlagabtausch 1986 in Karl-Marx-Stadt, als Barka in Heiner Müllers "Der Bau", wurde er Protagonist beim damals noch staatlich inkriminierten Regisseur Frank Castorf, dem er kurze Zeit später an die Berliner Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz vorauseilte. Castorf wurde der wichtigste Regisseur in Preusches Theaterlaufbahn: bei ihm spielte er unter anderem den deutschen Proletarier- und Räuberhauptmann Karl Moor in "Räuber von Schiller", den Germanenkönig Gunter in "Die Nibelungen - Born Bad I und II", in "Golden fließt der Stahl" oder als "Schmied Wittig" in "Hauptmanns Weber".Geboren am 4. 6. 1940, arbeitete er seit 1974 in Karl-Marx-Stadt vor allem mit den Regisseuren Siegfried Höchst, Hartwig Albiro und Irmgard Lange, in Berlin ab 1990 außer mit Castorf insbesondere mit Andreas Kriegenburg - sowie mit Leander Haußmann, Jürgen Kruse, Johann Kresnik und Sebastian Hartmann. Er drehte außerdem zahlreiche Fernsehfilme und fuhr im Urlaub auf den Campingplatz. In den letzten Jahren mögen seine Kondition und sein Tempo nachgelassen haben - sein Witz und seine Wärme, sein Engagement und seine Wut blieben stets auf der Höhe. Gestorben ist er gestern.Als Gerd Preusche mal König von Deutschland war, floss das Bier direkt von der Decke in die Gläser, kriegten selbst die klapprigsten Stammtischgenossen ein knackiges Mädel aus dem Süden ab, klangen Gewerkschaftsfahrpläne wie Gesangseinlagen. Da wusste das Volk noch, wo der Hammer hängt und wer ihn schwingt: ne Fähre. Ne breite und brummige. Die alle trägt, von und nach hüben wie drüben.

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