Anfang der achtziger Jahre galt Flamenco hier zu Lande ungefähr so viel, beziehungsweise: so wenig wie Seemannslieder von der Waterkant oder Volksmusik aus Bayern in Spanien: Es war die Behauptung lebendig erhaltener Tradition, bei deren Darbietung sich der Tourist zwar zumeist leidlich unterhalten fühlte, aber zugleich auch geneppt wähnte: Würden die Ureinwohner nicht, sowie man ihnen den Rücken kehrte, ihre Kostüme ablegen und das Radio mit den größten Hits des Jahrzehnts wieder erleichtert voll aufdrehen? Dass Folklore fest im Alltag verankert sein kann und sich nicht im Heraufbeschwören traditioneller Formen und Formeln erschöpfen muss - diesen Beweis hat vor allen anderen lokalen Spielarten der Flamenco erbringen können, und das grundsätzlich erst einmal durch die Arbeit eines einzigen Mannes: Als der Choreograf und Tänzer Antonio Gades im Jahr 1983 "Carmen" in die Kinos brachte - ein Film, bei dem Carlos Saura Regie geführt hatte -, da sah man Flamenco endlich ohne kokette Rüschenkleider, ohne steife schwarze Boleroanzüge, also ohne jede Verzierung, die zuvor so oft die Bedeutung vieler kaum wahrnehmbarer kleiner Gesten verdeckt hatte. Stattdessen probte die Truppe, die da Prosper Mérimées Oper vertanzen wollte, in speckigen Jeans und durchgeschwitzten Trikots: weil man nämlich nicht wie die Püppchen auf einem Hochzeitskuchen aussehen sollte, wenn es um Leidenschaft geht, die so stark aufbrausen kann, dass sie das Leben der Liebsten zuletzt nimmt.Antonio Gades kam am 16. November 1936 in Elda in der Provinz Alicante als Sohn eines republikanischen Soldaten zur Welt und wurde zunächst von einem Gesellschaftsfotografen ausgebildet. Tänzer, so hat er einmal gesagt, nachdem er während der Franco-Zeit vor allem im Ausland gearbeitet hatte - sei er "weder aus Berufung noch aus brennender Liebe zum Tanz, sondern aus Hunger" geworden. Dennoch nahm er schon recht früh private Tanzstunden, später ließ er sich bei einer der damals Besten des Flamencos, Pilar López, ausbilden, von 1963-99 unterhielt er dann seine eigene Compagnie. 1988 hat er, als erster Tänzer überhaupt, den spanischen Nationalpreis erhalten; vor allem wegen des Erfolgs von "Carmen" galt er damals als wichtigster Kulturbotschafter seines Landes.Doch das Ballet Nacional de España, das er von 1979-80 leitete (der Kulturminister de la Cierva, ehemals Zensurchef Francos, entließ ihn ziemlich rasch) - nahm erst im Jahr 2001 wieder eine seiner Originalinszenierungen in den Spielplan auf. "Fuenteovejuna", basierend auf einem Drama Lope de Vegas, stellte sich die - wieder ganz universale, also aktuelle - Frage, ob ein Dorf sich seine eigene Moral definieren darf, um einen Tyrannen los zu werden. Im letzten Sommer erst war dieses Stück in Berlin zu sehen, kurz bevor Gades nach Kuba segelte, um sich einen Traum zu erfüllen: Der überzeugte Kommunist wollte endlich einmal seinen Freund Fidel Castro treffen.Gestern wurde über den spanischen Rundfunk bekannt, dass der krebskranke Gades mit 67 Jahren in einem Madrider Krankenhaus verstorben ist.------------------------------Foto: Tradition trifft auf Moderne: Antonio Gades (1936-2004) auf einer Fotografie aus dem Jahr 1970.