Berlin - Anja Niedringhaus’ Einträge auf Twitter sind alle noch da. Da ist das so heiter wirkende Foto, das sie am Montag von ihrer Kollegin Kathy Gannon gemacht hat, die nun schwer verletzt im Krankenhaus liegt, und da ist jener letzte Tweet vom Dienstag, den man jetzt fast ungläubig liest: Anja Niedringhaus empfiehlt den Bericht eines jungen Afghanen, der in der New York Times über den Tod eines Freundes schreibt, Journalist wie er.

Der Freund ist am 21. März bei einer Schießerei in Kabul gestorben und Habib Zahori, so heißt der Autor, erzählt, wie mutlos er sich fühlte, wie verzweifelt. Dass er aber beschlossen habe, weiter für die Wahrheit zu kämpfen, auch wenn es ihn ebenfalls das Leben kosten sollte.

Drei Tage später liest sich dieser Text wie eine Botschaft. Die Fotografin Anja Niedringhaus, die am Freitag erschossen wurde, als sie mit der Reporterin Kathy Gannon für die Nachrichtenagentur AP im Osten Afghanistans unterwegs war, hat ihre Arbeit immer trotz der Gefahr gemacht. Mit der Frage, warum sie immer in Kriegsgebiete fährt, konnte sie nie so richtig etwas anfangen.

Sie hat dann mit ihrer ruhigen Stimme gesagt, dass es ihr um die Menschen gehe, dass sie es als ihre Pflicht empfinde, so gut und ehrlich wie möglich zu dokumentieren, was der Krieg mit ihnen macht. Das sei für sie die Essenz von Journalismus. Sie konnte es so schlicht klingen lassen, als mache sie nicht eine Arbeit, der die meisten Menschen, und auch die meisten Journalisten, nicht gewachsen wären.

Sie war 26, eine ehemalige Literaturstudentin aus Höxter in Westfalen, die seit Kurzem bei einer Fotoagentur arbeitete, als sie diese Aufgabe für sich entdeckte. Sie hörte im Radio vom Ausbruch des Jugoslawien-Kriegs und drängte ihren Chef, hinfahren zu dürfen. Sie durfte. Seitdem hat sie die meisten Krisengebiete bereist, gewann den Pulitzer-Preis, wurde eine der bekanntesten Kriegsfotografinnen – ein Wort, das sie nicht leiden konnte.

Direkt da, wo gekämpft wurde, hielt sie sich auch selten auf, sie fand, die besten Bilder entstünden etwa fünfzig Meter von der Front entfernt. Sie zeigte das Grauen des Kriegs in den Gesichtern der Menschen. Ihr Bilder können schonungslos direkt sein, aber ebenso von fast absurder Poesie. Sie hat auch immer wieder bei Sportereignissen fotografiert. Ein nötiger Gegenpol, wie das Forstamt bei Kassel, das sie gemeinsam mit ihrer Schwester und deren Familie umgebaut hat. Es gibt einen kurzen Film im Internet, aufgenommen im vergangenen Jahr. Wenn man spüre, dass man seine Kreativität verliert, müsse man aufhören zu fotografieren, sagt Anja Niedringhaus da. Aber bei ihr sei das nicht so, im Gegenteil: „Ich finde, das sind jetzt meine besten Jahre.“