Jerusalem - Es war ein schleichendes Sterben, ein Tod auf Raten. Auf diese Weise dahin zu scheiden, nach jahrelangem Siechtum ohne Bewusstsein, ernährt über einen Schlauch und beatmet von einer Maschine, passte so überhaupt nicht zu Ariel Scharon. Zu Lebzeiten kannte man ihn als Premier, der ein Macher war und nie viele Worte verlor.

Ob einst als kühner Held im Sechs-Tage-Krieg von 1967, als rücksichtsloser General, als eigenmächtiger Verteidigungsminister im Libanon-Feldzug 1982 oder später als geläuterter Staatsmann – er war eine Art Patriarch der Nation. Am vergangenen Sonnabend ist der 85-Jährige auf der Pflegeintensivstation des Scheba Medical Center in der Nähe von Tel Aviv gestorben.

Als Scharon am 4. Januar 2006 in der Folge massiver Hirnblutungen ins Koma gefallen war, hatte diese Nachricht die Israelis noch wie ein Schock getroffen: Er wirkte damals unersetzbar. Doch das Machtvakuum füllte sich schneller und reibungsloser, als viele gedacht und manche befürchtet hatten. Nach Scharons Sturz ins Koma konnte seine Kadima-Partei – eine Abspaltung vom Likud – mit Ehud Olmert und Zipi Livni zunächst noch imposante Erfolge verbuchen. Bei den Wahlen 2013 versank sie jedoch in der Bedeutungslosigkeit.

Platz in den Geschichtsbüchern

In der Zwischenzeit ist viel passiert: 2006 gab es einen weiteren Libanonkrieg, der arabische Frühling weckte Hoffnungen auf Veränderungen in der arabischen Welt. Die Frage, was Scharon zu diesen Entwicklungen gesagt hätte, wurde in Israel immer seltener gestellt. Die Israelis dachten eher voller Mitleid an ihn, diesen Patienten im Dämmerzustand, der mittels moderner Gerätemedizin und Krankenschwestern rund um die Uhr künstlich am Leben gehalten wurde.

Sein Tod löst landesweit jetzt nicht nur Trauer aus, sondern es wird auch mit einem Gefühl von Erleichterung aufgenommen, dass man ihn endlich sterben ließ. Es habe bislang nicht die Chance gegeben, so drückt es der Politologe Gadi Taub aus, „uns von ihm mit einem richtigen Staatsbegräbnis zu verabschieden“. Das sollte an diesem Montag nun nachgeholt werden.

Wie Ariel Scharon in die Geschichtsbücher eingehen wird, und wohin Israels so bewunderter wie auch gehasster Regierungschef das Land zu steuern gedachte, hat die Gemüter schon beschäftigt, als er 2001 auf dem Höhepunkt seiner Karriere war. In dem Jahr hatte ihn eine Mehrheit der Israelis zum ersten Mal zum Ministerpräsidenten gewählt. Zwei Jahre später wurde er mit großer Mehrheit im Amt bestätigt.

Ungeahnte Höhen wie Tiefen prägten bis dahin das Leben des Kämpfers, Strategen und Politikers. Israel hatte sich 1982 unter Scharon als Verteidigungsminister in den libanesischen Bürgerkrieg eingemischt, seine maronitisch-christlichen Verbündeten verübten die Massaker in den Beiruter Palästinenserlagern Sabra und Schatila.

Eine israelische Kommission verurteilte das Verhalten insbesondere von Verteidigungsminister Ariel Scharon: Er habe die Massaker zumindest geduldet. Scharon musste sein Amt abgeben.

Seinen Aufstieg hat der Vorfall letztlich nicht behindert. „Nur wenige Führer dieses Landes besaßen das Selbstvertrauen, die Nerven aus Stahl und die Courage, die Scharon in seinen zwei Amtszeiten als Premier bewiesen hatte“, schrieb Nahum Barnea, Israels bekanntester Kommentator. Die Israelis kannten Scharon als Militär, Haudegen und rechten Hardliner. Seine 1989 erschienene Autobiografie hieß denn auch „Krieger“. Dass so einer zum Friedensstifter werden könnte, bezweifelten viele.

Scharon entschied sich für einen dritten Weg: Er ordnete den Abzug der israelischen Truppen und Siedler aus dem Gazastreifen an, einseitig und ohne Verhandlungen. In der Konsequenz verhalf dieser Schritt – bei seinem Vollzug lag Scharon bereits drei Wochen im Koma – der islamistischen Hamas zur absoluten Mehrheit bei den palästinensischen Parlamentswahlen 2006. Aber der Abzug markierte auch einen Meilenstein, der einen Anfang vom Ende der israelischen Besatzung verhieß.

Ausgerechnet Scharon, der auf diversen Posten in diversen Regierungen den Ausbau jüdischer Siedlungen massiv vorangetrieben hatte, schuf mit der Auflösung der Siedlungen im Gazastreifen einen Präzedenzfall. Seine Erklärung dieses Sinneswandels lautete: „Was man von hier sehen kann, sieht man nicht von dort.“ Mit hier war der Überblick an der Regierungsspitze gemeint. Dort, das war nur ein vergleichsweise kleiner, ideologisch gerahmter Ausschnitt.

Aber was erkannte er auf seinem Chefposten im Premierbüro? Er war kein Yitzhak Rabin, der sich mit alten Feinden versöhnte. Scharon war gegen den Madrider Friedensprozess von 1991 gewesen, gegen die „Osloer Verträge“ 1993, auch gegen das Abkommen mit Jordanien. Er wollte raus aus Gaza, um Fronten zu verkürzen und den Zugriff auf das besetzte palästinensische Westjordanland zu verbessern.

Der Respekt, den er sich international erwarb, als er 8 000 Gaza-Siedler im August 2005 zwangsräumen ließ, nützte ihm auch politisch. Die Welt bewunderte fortan Scharon und hielt sich mit Kritik zurück. Von US-Präsident George W. Bush hatte er sich 2004 eine Bestandsgarantie für große Siedlungsblöcke im Westjordanland geben lassen. Das wird bei einer Friedenslösung berücksichtigt werden müssen.

Doch die Groß-Israel-Träume der national-religiösen Ideologen hatte der mächtige Likud-Boss gestutzt. Es wird gesagt, dass nur ein rechter Pragmatiker von seinem Kaliber dazu in der Lage war. Die Gaza-Siedler protestierten zwar vehement, doch hinter Scharon stand eine Mehrheit der israelischen Bürger. Selbst Anhänger der Arbeitspartei waren in den Jahren des palästinensischen Aufstandes und der Bombenattentate auf Busse und Cafés zu Scharon-Fans geworden. Mit seiner ganzen Leibesfülle verkörperte er nun den Vater der Nation. Scharon schielte nicht auf Meinungsumfragen, sondern folgte seinem eigenen politischen Kompass. Nach dem Abzug aus Gaza umgab ihn eine staatsmännische Aura, die Libanon-Massaker hingen ihm nicht mehr an. „Wir Israelis haben ihm seine Vergangenheit vergeben, weil er uns eine Zukunft versprach“, bilanzierte Jair Lapid, der frühere Fernsehmoderator und jetzige Finanzminister.

Für die Palästinenser blieb Scharon hingegen das Feindbild schlechthin. Mit seinem Namen blieben für sie die Massaker von Sabra und Schatila verbunden sowie die Aktionen der berüchtigten Einheit 101. Unter Scharons Kommando verübte diese Truppe Racheakte für palästinensische Angriffe. So sprengten seine Männer 1953 alle Häuser im Westbank-Dorf Kibbija, das damals noch unter jordanischer Verwaltung stand. 69 Zivilisten starben.

Zuschlagen statt verhandeln

Provokativ verhielt er sich bei seinem Besuch im September 2000 auf dem Haram al-Scharif in Jerusalem – der ehemalige jüdische Tempelberg und eine der wichtigsten Stätten des Islams, wo sich heute der Felsendom und die Al Aksa Moschee befinden. Sein Auftritt löste den Aufstand, die Al-Aksa-Intifada, aus. An die tausend Israelis und weit über 2 000 Palästinenser kamen seitdem durch Attentate und Militäraktionen ums Leben. Scharon ließ schließlich als „Anti-Terror-Maßnahme“ den Sperrwall zum Westjordanland bauen, der mit weiterem Landraub einherging. Vieles spricht dafür, dass der Verlauf einer einseitig definierten Grenzziehung gleichkommt. In seiner Biografie beschreibt er das als Fakten schaffen, ohne nach einer Erlaubnis zu fragen.
Von Verhandlungen hielt Scharon im Grunde wenig. Die alte Hamas-Führung hatte er 2004 mit gezielten Luftangriffen töten lassen. PLO-Chef Yassir Arafat starb ein halbes Jahr später. Auch dessen Nachfolger Mahmud Abbas war für ihn kein Partner. „Scharon ignorierte die Palästinenser“, schrieb der linke Journalist Gideon Levy. „Er versuchte gar nicht, einen Frieden mit ihnen zu erlangen, weil er keinen Moment lang glaubte, dass dies möglich sei.“