Neben Adenauers Kanzleramtsminister Hans Globke, einem der Kommentatoren der Nürnberger Rassegesetze, symbolisierte vor allen anderen Theodor Oberländer die braunen Traditionslinien der alten Bundesrepublik. Er starb am Montag in Bonn, wenige Tage nach seinem 93. Geburtstag.Im Jahr 1960 hatte Adenauer Theodor Oberländer, seinen Flüchtlingsminister, zum Amtsverzicht "aus gesundheitlichen Gründen" gedrängt, nachdem ihn das Oberste Gericht der DDR zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt hatte. Die Urteilsgründe lauteten: "Fortgesetzter Mord, fortgesetzte Anstiftung zum Mord." Da sich die Ostberliner Justiz nicht sicher sein konnte, ob "Oberländer Theodor, geb. am 1. Mai 1905 in Meiningen, wohnhaft: Bonn, Husarenstraße 30" das Urteil auch wirklich erhalten hatte, beschritt sie den Weg der "öffentlichen Zustellung" mittels Abdruck in der "Berliner Zeitung". Das Urteil war aus zwei Gründen gefällt worden: theoretische und propagandistische Vorbereitung der deutschen Ostexpansion, Beteiligung an Kriegsverbrechen während des Vormarsches in die Sowjetunion. Es wurde 1993 vom Landgericht Berlin kassiert, nicht weil die Anschuldigungen falsch, sondern weil "die Hauptverhandlung gesetzwidrig in Abwesenheit des Betroffenen geführt" worden war. Einer der beiden Prozeßbevollmächtigten Oberländers im Kassationsverfahren war Friedrich Wolff, den das Ostberliner Gericht 1960 zum Pflichtverteidiger Oberländers bestellt hatte, und der damals auf "die erwiesene Schuld des Angeklagten" plädiert hatte. Aber auch damit gelang Oberländer seine Rehabilitierung nicht. Die Staatsanwaltschaft Köln prüfte die DDR-Akten und eröffnete ein neues Verfahren, das nun durch den Tod des Beschuldigten eingestellt wird.Theodor Oberländer gehörte zu den Nazi-Puschisten der ersten Stunde. Am 9. November 1923 nahm er an Hitlers Marsch zur Münchner Feldherrenhalle teil. Aber das ist nur die eine Seite seiner Biographie. Als Professor für Osteuropakunde und Landwirtschaft verteidigte er in den dreißiger Jahren die gewalttätige Kollektivierung in der Sowjetunion als "objektive Notwendigkeit", und begrüßte, daß sie das Problem der Überbevölkerung auf dem Lande "radikal gelöst" habe. Wegen solcher Sätze bezichtigten ihn Greifswalder Studenten 1938 einer "bolschewistischen Einstellung". Auch wenn das Parteigericht der NSDAP das Verfahren einstellte, so zeigt es doch, daß Theodor Oberländer für mehr stand als die "braune Barbarei". Er repräsentiert unzählige intellektuelle Weltverbesserer des 20. Jahrhunderts, denen der Zweck die Mittel heiligte.