Erst jetzt kam die Nachricht vom Tode Manfred Böttchers. Er starb in der Nacht zum zweiten Januar. Es ist ein Maler gestorben, dem man seine hohen Gaben schon mit siebzehn Jahren ansah, in Dresden 1950: Die Zigarette in der Hand wartete ein Mensch am Hochschulbüro (Ort der Registratur und Stipendienauszahlung), wie man ihn bei Maupassant oder Balzac hätte finden können. Dort, wo der junge Graf Rastignac am Ende auf die Straße herabsehend sagt: Und nun zu uns, Paris. Damals war alles Erwartung, und diese Erwartung, immer wieder in ihrer Richtigkeit bestätigt, ist 51 Jahre lang geblieben.Jetzt scheint für viele in Berlin, der Stadt, in der Manfred Böttcher seit 1955 lebte, etwas zusammenzustürzen. Eine Säule etwa, eine tragende Wand. Aber die Stadt seines Farbeauftragens, seiner Schachspiele, seiner Begegnungen wankt nicht, führt andere Schachspiele, anderes Farbeauftragen und andere Begegnungen fort. Aus Oberdorla in Thüringen stammend, früh gefördert, in eine Eliteschule, aber auch in ein Internat gesteckt, sprang er vor dem Abitur ab und kam an die Dresdener Kunsthochschule. Sein Wesen, seine Gaben lichteten die grauen akademischen Hallen auf. Sein wesentlicher Lehrer war Wilhelm Lachnit.Manfred Böttcher hatte das Glück, in seinem zweiten Lehrer Heinrich Ehmsen an der Akademie der Künste am Pariser Platz Berlin einen großartigen, exzentrischen Lehrer zu finden. Ehmsen trug einen Hörapparat, sprach laut und verstand schwer; er zeigte, wie die Welt nun sein würde: Sie spricht laut und hört uns nicht. Ehmsen führte das vor. Er war ganz gegenwärtig - aber fern. Ein Lehrer bringt immer Gleichaltrige zusammen. Dort, an der Akademie, entstanden Bilder, die die Lehrer erstaunt, aber mit Wohlwollen betrachteten. Sie verstanden sie nicht, nicht nur, weil darauf alles so schwarz war.Malend die Nähe bestimmen: Sie entstand am "Weinberg", gleich bei der Brunnenstraße. Bäume vor dem Arbeitsraum, ein richtiger Hang mit Teich und Büschen, Rosen sogar, und im Eckladen der freischaffende Künstler. Später lag der Arbeitsraum im Hochhaus Frankfurter Allee/Ecke Warschauer Straße. Sah man hinunter, schien die Nähe nicht mehr da zu sein. Eine Kreuzung erkannte man unten, die in vier Himmelsrichtungen wies - nicht Nähe, nicht Ferne, und wenn auf die Ferne weisend, so doch durch diese auch noch endgültig hindurchgehend. In rastlosen Bildern laufen diese Profile der Straßenschluchten aus dem Bild heraus. Ich sage nicht, hinaus, weil diese Linien den Betrachter treffen, weil sie auf ihn zukommen, bis heute. Die Nähe war die vielen Stockwerke hinaufgestiegen und befestigte sich und beglaubigte sich, wenn er in den Spiegel sah und malte, das was von der bildschaffenden Potenz sichtbar ist. In diesen Leinwänden liegt auch die Balzac sche Herausforderung gut begründet, und es ist an den Lebenden, diese Rechnung zu begleichen.Unser Autor Harald Metzkes war zusammen mit Manfred Böttcher Meisterschüler an der Akademie der Künste.KATALOG M.B. 1999: "Gebeugter Mann".