Seine letzten öffentlichen Sätze waren ein Lob auf Gerhard Schröder. "Danke, Kanzler," stand in "Bild" über einem Kommentar, in dem Peter Boenisch am 1. Juli den sozialdemokratischen Regierungschef für seinen Entschluss pries, den Weg für Neuwahlen frei zu machen. Das Grundgesetz, so hielt Boenisch verfassungsrechtlichen Bedenkenträgern entgegen, sei schließlich keine heilige Kuh. Vielmehr sei es eine patriotische Tat, das Volk über den künftigen politischen Kurs entscheiden zu lassen, "bevor der Karren mit allen Insassen an die Wand gefahren wird."Engagiert und streitbar, meinungsstark und temperamentvoll - so haben ihn die Menschen erlebt. Seine Freunde und seine Gegner, seine Bewunderer und seine Kritiker. Peter Boenisch, der am Freitag im Alter von 78 Jahren gestorben ist, war einer der großen Publizisten dieses Landes. Ein eigenwilliger und unabhängiger Kopf. Einer, der Helmut Kohl gedient hat. Und sich doch nicht dauerhaft hat vereinnahmen lassen. Einer, der als Chefredakteur der Bild-Zeitung die Studentenrevolte in den sechziger Jahren vehement bekämpfte. Und der im Alter den Mut fand, offen und selbstkritisch über seine Fehleinschätzungen zu reden. Einer, der dem Springer-Konzern über viele Jahre in leitender Position diente. Und dem doch die publizistische Freiheit wichtiger war als die Verbundenheit mit einem Verlagshaus.Er hasste GewaltBoenisch, als Sohn eines Ingenieurs 1927 in Berlin geboren, gehörte jener Hitlerjungen-Generation an, die in Uniform das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebte. Das Gewaltpotenzial seiner Generation sei von den Nazis missbraucht worden, sagte er in einem Interview. Deshalb hasse er nichts mehr als Gewalt, "ganz gleich aus welcher Ecke sie kam." Ein Schlüsselsatz, der seine Gegnerschaft zu gewaltbereiten APO-Aktivisten erklärt.Der junge Mann macht nach Kriegsende schnell als Journalist Karriere. Sportreporter bei der Allgemeinen Zeitung in Berlin. Redakteur in der Münchner Zentralredaktion der Neuen Zeitung. Chefredakteur der Schleswig-Holsteinischen Tagespost in Rendsburg. Leiter der Illustrierten Revue. Mitbegründer des Teanager-Magazins Bravo. Mit 33 Jahren steht "Pepe", wie ihn Freunde nennen, an der Spitze der "Bild". Er treibt die Auflage mit knalligen Schlagzeilen ("Der Mond ist jetzt ein Ami") in die Höhe und drischt, als die 68er-Unruhen losbrechen, auf "Linksfaschisten" und "rote Nazis" ein. Heinrich Böll hat 200 Boenisch-Kolumnen gelesen und in dem Buch "Bild Bonn Boenisch" verarbeitet. "Ich fürchte," heißt es da, "dass Boenisch manches, was er so dahin geschrieben hat, wirklich gemeint, vielleicht sogar geglaubt hat.Der gescholtene Publizist, der nach Bild und Bild am Sonntag auch Die Welt leitet, hat dies später bestätigt. "Ich habe aus Überzeugung gehandelt," sagte er 2001 der Berliner Zeitung. "Wir glaubten Demokratie und Freiheit gefährdet von Demonstranten, die die verfassungsmäßige Ordnung stürzen wollten." Aus heutiger Sicht sei zwar manche scharfe Formulierung zu verurteilen, aber man müsse sie aus der Situation heraus zu verstehen. In dem Interview nimmt Boenisch auch den 68er Joschka Fischer vor Angriffen in Schutz: Dieser sei als Außenminister und Grünen-Politiker inzwischen dort angekommen, "wo wir, die ältere Generation, damals schon standen."1983 ernennt Helmut Kohl Boenisch zum Regierungssprecher. Der Journalist kommt mit seinem lockeren Auftreten und saloppen Formulierungen bei den Kollegen gut an. Auch Medienleute, die der Unionsregierung kritisch gegenüber stehen, werden von ihm gut behandelt. Aber die Zunft bekommt auch mit, dass Boenisch nicht zu den engsten Beratern des Kanzlers zählt und sein Insiderwissen begrenzt ist. 1985 tritt Boenisch wegen einer Steueraffäre zurück.Als Publizist bleibt Boenisch ein unabhängiger, liberaler Geist. Vieles, was er sagt und schreibt, passt manchen Konservativen nicht. Etwa: "Ich habe Respekt vor Atomkraftgegnern." Oder: "Es war gut, dass es die Apo gab." Als Altersmilde, wie manche Kollegen meinen, will er die Wandlung von Eiferer zum abgeklärten Zeitgenossen freilich nicht gelten lasse. "Schwachsinn," sagt er dann. Aber dass es sich um einen Lernprozess handelt, mag er nicht bestreiten. "Ich stehe nicht zwischen den Fronten. Ich denke vielleicht zwischen den Fronten. Und das sollte jeder tun."Um eine Mittlerrolle geht es Boenisch auch, als er, dessen Mutter Russin jüdischer Abstammung war, sich im "Petersburger Dialog", einem Gesprächskreis von Deutschen und Russen aus Politik, Wirtschaft und Kultur, engagiert. Die in der Union weit verbreitete Kritik, Kanzler Schröder sei gegenüber Putin wegen dessen Verletzung der Menschenrechte zu nachsichtig, lässt Boenisch nicht gelten. "Wir sind wirklich die Letzten, die die Russen zu belehren hätten."Alleinerziehender VaterAls vor einem Jahr seine dritte Ehefrau Julia stirbt, steht Boenisch vor einer ungewohnten Situation. Er muss als alleinerziehender Vater zwei kleine Töchter versorgen. Das nimmt ihn so Anspruch, dass er sich aus dem Beruf weitgehend zurückzieht. Ob er an die Zeit denkt, wenn seine Mädchen Waisen sein werden, hat ihn der "Stern" 2004 gefragt. "Nein," hat er geantwortet. "Da würde ich doch wahnsinnig werden. Ich bekomme Magengeschwüre und die Kinder werden traurig. Für mich zählt das Heute."------------------------------"Ich stehe nicht zwischen den Fronten. Ich denke vielleicht zwischen den Fronten. Und das sollte jeder tun."Peter Boenisch------------------------------Foto : Peter Boenisch, nicht zuletzt ein Charmeur von Format