1993 fragte die "Berliner Zeitung": "Ist das Theater verkommen?" Adolf Dresen antwortete: "Leider. Davon bin ich fest überzeugt. Es gibt immer wieder gute Inszenierungen, gute Leistungen von Schauspielern. Aber das ändert nichts daran, dass das System als ganzes nicht mehr funktioniert." Die Stimme, die solch bittere und schmerzhafte Diagnosen in die Debatten warf, gibt es nicht mehr. Adolf Dresen ist am Mittwoch gestorben. Der 1935 als Sohn eines Ingenieurs in Eggesin geborene Dresen kämpfte sein Leben lang gegen die Verkommenheit des Theaters, aber nicht nur gegen die. Seine Liebe galt Deutschlands Kultur, er litt unter der Teilung und bekam sie in der DDR auch zu spüren. In einem Brief an die SED-Parteileitung des Deutschen Theaters trat er mit marxistischen Argumenten, wie er meinte, für die deutsche Einheit ein: "Ein Akzeptieren der deutschen Teilung, ein Verzicht auf den nationalen Anspruch scheint mir ein Verlust an revolutionärer Offensive. Ich sehe da einen Zusammenhang zu der immer mehr um sich greifenden Identifizierung von Kommunismus und Konsumismus. Saturierung tritt an die Stelle von Emanzipation, Reichtum an die Stelle des Reichs der Freiheit, Fettlebe an die Stelle wahrer Lebendigkeit. Ich bedanke mich für das Paradies der Autos, Kühltruhen und Farbfernseher, ich wäre stolz auf eine Armut, die sich mit menschlicher Würde deckt."Adolf Dresen zitierte diesen Brief in seiner Rede "Zur Sache: Deutschland" in Dresden im Februar dieses Jahres. Darin nannte er seinen Kampf "Donquichotterie". Die deutsche Einheit, wie er sie dann erlebte, sei im Zeichen der Autos und Kühltruhen zu Stande gekommen. Sie habe ihn genauso wenig zufrieden gestellt, wie seine "private Lösung der nationalen Frage": die Ausreise in den Westen im Jahr 1977 nach seiner 13-jährigen Tätigkeit im Deutschen Theater. Er behielt seinen Pass und galt weiter als DDR-Bürger, der zunächst in Wien arbeitete. Dort sei es ihm nicht schlecht gegangen, nur sei ihm die Motivation abhanden gekommen: "Ich sah nicht mehr, warum ich diese Arbeit überhaupt machen musste." Österreich ist der falsche Ort für einen, dem die nationale Frage Deutschlands unter den Nägeln brennt. Die Einladung, das Schauspiel Frankfurt am Main als Direktor zu übernehmen, sah er als Chance, dem Zug seines Herzens zu folgen, das auf der Suche nach der Nationalkultur war, nach der "eigentlichen Seele jeder wünschbaren deutschen Einheit". Er berief sich mit seinen Ideen auf Lessing und dessen Konzeption eines Deutschen Nationaltheaters. Denn Lessing laborierte an ähnlichen Problemen wie Dresen und zog eine traurige Bilanz mit folgendem Titel: "Über den gutherzigen Einfall, den Deutschen ein Nationaltheater zu verschaffen, da wir Deutsche doch keine Nation sind!"Dresen saß, wie er in seiner Rede bekannte, einem Selbstbetrug auf: "Ich redete mir damals ein, dass es ja eigentlich auch völlig normal sei, dass ein Deutscher mit DDR-Pass Direktor eines BRD-Theaters war. Es hatte sich in Frankfurt als ziemlich gleichgültig erwiesen, ob da nun ein Ostdeutscher, ein US-Amerikaner oder ein Türke das Theater leitete." Wieder sah Dresen seine Suche gescheitert, er "emigrierte" erneut und verließ das Sprechtheater, um Musiktheater in Szene zu setzen. "Als Opernregisseur konnte ich auch im Ausland arbeiten, und so verließ ich auch Deutschland. Ich konnte mich nicht vergleichen mit den Emigranten der Nazizeit. Mindestens aber war es in Deutschland nichts Neues, dass man sein Land verlässt, weil man es liebt."Adolf Dresen, der nie zufrieden sein durfte, schenkte Deutschland sein Herz, seine Arbeit und sein ungeheures literarisches und historisches Wissen. In seinen Inszenierungen schlug er mit sicherer Hand den Bogen vom klassischen Stoff zum aktuellen Bezug. Auf der Suche nach der Seele Deutschlands öffnete er seine eigene für das Publikum und bescherte den Menschen die darin enthaltenen Schätze.Adolf Dresen: "Hatte ich da nun zwei Vaterländer oder keines?"