Heute sehen die Buchumschläge einander zum Verwechseln ähnlich: Immer wieder dieselben präraffaelitischen Frauen in edlem Dekor, austauschbare im- und expressionistische Schönheiten, die warme Emotionen wachrufen sollen und doch in jeder Geste, jedem Buchstaben das kalte Kalkül verraten. Die Bücher, die der Schweizer Grafiker Celestino Piatti für den dtv-Verlag gestaltete (mehr als 6 300 mit einer Gesamtauflage von 216 Millionen), waren auf den ersten Blick wiederzuerkennen und dabei immer individuell, den Geist des Buches in starken grafischen Zeichen einfangend.Heute heißt es Art DirectorDie schnörkellose Typografie (Akzidenz-Grotesk), schwarz auf weißem Grund, die ins Symbolhaft-Abstrakte ausgreifenden Motive verrieten den puristischen Geist der späten Moderne - und die Handschrift eines Mannes, der die Bücher, die er illustrierte, noch las.Piatti entwarf von 1961 bis Mitte der 90er-Jahre für den Deutschen Taschenbuchverlag (dtv) nicht nur alle Cover, sondern auch Signets, Briefköpfe und Plakate. Damals gab es noch keine Corporate Identity und kein "Markenbewusstsein". Piatti war das, was man heute Art Director nennt, und sein Beispiel sollte Schule machen: Die strenge, karge Schönheit von Willy Fleckhaus' Umschlägen für die Edition Suhrkamp ist ohne Piatti kaum denkbar.Piatti wurde am 5. Januar 1922 in Wangen bei Zürich geboren. Nach der Kunstgewerbeschule absolvierte er eine Grafikerlehre, dann ging er mitten im Krieg für zwei Jahre nach Paris; gleich eine seiner ersten Arbeiten nach seiner Rückkehr nach Basel, der "Märkli-Hamster", machte ihn bekannt. Viele seiner über fünfhundert Plakate wurden später zum "Besten Schweizer Plakat des Jahres" gewählt. Aber Piatti entwarf nicht nur Plakate und Buchumschläge, sondern auch Briefmarken, Eisenskulpturen, Wandbilder und Kunstuhren; für die Satirezeitschrift "Nebelspalter" arbeitete er auch als Karikaturist.Er verfügte über ein breites Repertoire an Techniken: Aquarelle, Öl- und Glasmalereien, Zeichnungen, Gouachen, Holz- und Linolschnitte, Collagen; aber bei aller Vielfalt blieb Piattis Stil immer unverwechselbar: kraftvoll die Farben, schwarz die Konturen, lakonisch und lapidar die Aussage. Viele Leser (und große Autoren von Heinrich Böll bis Gabriel Garcia Marquez) haben ihm diese Klarheit und Zurückhaltung gedankt; 1985 bekam er den Preis des Schweizer Buchhandels.Die Eule war Piattis Lieblingsmotiv und so etwas wie sein Markenzeichen: Nicht der Toten- und Unglücksvogel, sondern die Eule der weisen Minerva, die ihren Flug in der Dämmerung beginnt, der komische Kauz, der Uhu mit dem skeptischen, boshaften, stechend-unbestechlichen Blick. "Man kann eine Eule tausend Mal zeichnen", sagte der Autor des Kinderbuchs "Eulenglück" einmal, "an ihr Geheimnis kommt man nicht heran".Immer näher an der KulturPiatti war Werbe- und Gebrauchsgrafiker. Er arbeitete für Zigarettenfirmen und Antiraucher-Kampagnen und entwarf Rolex-Uhren; aber er fühlte sich der Natur und Kultur immer näher als dem nackten Kommerz. Im Alter engagierte er sich leidenschaftlich für karitative Organisationen, Tier- und Umweltschutz.Am Montag dieser Woche ist Celestino Piatti, wie erst jetzt durch eine Todesanzeige in der Basler Zeitung bekannt wurde, im Alter von 85 Jahren gestorben.------------------------------Foto: Die Eule war das Markenzeichen von Piatti (5. 1. 1922 - 17. 12. 2007).