Während auf der Erde die Schornsteine qualmten, erst wenige Familien ein Auto besaßen und in manchen DDR-Bezirken die Wartezeit auf einen Kühlschrank noch zwei Jahre betrug, spielte sich in der Phantasie junger Menschen zwischen Suhl und Rostock Abenteuerliches ab: Der Kommunismus hatte gesiegt, die Probleme der Menschheit - Hunger, Krankheiten, Kriege - waren beseitigt, die Schranken der Nationen überwunden, man flog im Weltall umher, wie andere Fahrrad fahren. Alles schien möglich in jenem Jahr 1967.Sechs Jahre zuvor war der erste Mensch ins Weltall geflogen - ein Russe namens Gagarin. Zwei Jahre lag es zurück, dass der erste Mensch aus seinem Raumschiff ausstieg - ein Russe namens Leonow. Die Zukunft schien in den Händen einer befreiten, geeinten Menschheit zu liegen, deren Vorhut der Sozialismus war. So fühlte es wohl auch der 39-jährige Autor Karl-Heinz Tuschel, ein ehemaliger Chemiewerker aus Magdeburg, der nebenbei Naturwissenschaften studiert, das Leipziger Literaturinstitut Johannes R. Becher besucht hatte und Dramaturg des Kabaretts "Die Kneifzange" war. "Ein Stern fliegt vorbei" hieß sein erster, 1967 beim Verlag Neues Leben erschienener Roman: Die Erde wird von einem Planetoidenfeld bedroht, und die Menschheit muss gemeinsam einen Weg finden, um sie zu retten.Mit mehr als 15 Romanen und einer Reihe von Erzählungen wurde Karl-Heinz Tuschel zum produktivsten Vertreter einer eigenständigen Literaturströmung: der Science-Fiction-Literatur der DDR, auch "DDR-SF" genannt. Von 1967 bis 1990 veröffentlichte er alle zwei Jahre ein neues Buch, darunter: "Der purpurne Planet" (1971), "Das Rätsel Sigma" (1974), "Zielstern Beteigeuze" (1982), "Kurs Minosmond" (1986) oder "Unternehmen Three Cheers" (1989). Karl-Heinz Tuschel starb - wie am Wochenende bekannt wurde - bereits am 12. Februar in Berlin, kurz vor Vollendung seines 77. Lebensjahres. Er hinterlässt zwei unvollendete Romane.Wissenschaftliche PhantastikZu den Autoren, die zeitweilig oder ausschließlich "wissenschaftlich-phantastische" oder "utopische" Bücher schrieben, gehörten Klaus Frühauf, Alexander Kröger, Günther Krupkat, Gert Prokop, Wolf Weitbrecht oder Angela & Karlheinz Steinmüller, die sich 1995 unter dem Titel "Vorgriff auf das Lichte Morgen" mit der Entwicklung dieser Strömung befassten - als einer Literatur, die ein durchgängig optimistisches Zukunftsbild zeichnet.Alles wird gut! Oder: Alles geht den Bach runter! So lautet - vereinfacht - die Alternative für Science-Fiction-Autoren. Dem Geschichtsbild ihrer Gesellschaft entsprechend, entschied sich die "DDR-ZF" für die optimistische Variante. Probleme waren da, um gelöst zu werden. Technikvertrauen spielte eine große Rolle, nicht zuletzt, weil studierte Naturwissenschaftler, Mathematiker oder "Kybernetiker" am Werke waren. Zugleich wurden menschliche Handlungen psychologisch motiviert. Der Mensch war fähig zu lernen und moralisch zu reifen.Berlin nach dem "overturn"Große Literatur sind die meisten von Tuschels Geschichten nicht - Anhänger bezeichnen sie als "gute Unterhaltung" oder "spannende Abenteuer". In "Kommando Venus 3" (1980) geht es zum Beispiel um eine von Robotern betriebene Fabrik, die sich weigert, ihren Betrieb einzustellen, so dass eine militärische Einheit versuchen muss, sich bis zum Zentralgehirn durchzuarbeiten. Im Band "Inspektion Raumsicherheit" (1984) müssen die Helden Jana und Pit Holland Zwischenfälle im kosmischen Alltag bewältigen. Liebe und Eifersucht spielen eine Rolle, manchmal wird's kriminell, mitunter auch satirisch.Die "DDR-SF" wird nach der Wende zum "abgeschlossenen Sammelgebiet". Tuschel nutzt - nach längerer Pause - die Gelegenheit, Grenzen zu überschreiten, die ihm einst verschlossen waren, etwa in der Beschäftigung mit der drohenden Klimakatastrophe. In seinem Buch "Der Mann von IDEA" (1996) schildert er die Gegend um Berlin nach dem "overturn", einer Katastrophe, durch die sich die Weltbevölkerung auf ein Fünftel reduziert hat. Seitdem gibt es drei Tabus: Kohlenstoffverbrennung, Funk und unzyklische Technologie. Die Verkehrswege zwischen den Städten sind unterbrochen, die vereinzelten Bauernhöfe versuchen, UV-resistente Pflanzen zu kultivieren. Ross Bernard, der Mann von IDEA, macht sich an die Aufgabe, die Regionen wieder miteinander zu vernetzen. Alles geht den Bach runter! Aber vielleicht wird's am Ende ja doch noch gut.------------------------------Foto: Der Berliner Autor Karl-Heinz Tuschel (1928-2005)