Nach dem Tod von Manfred Geist trauern seine Redaktion und der Verlag nicht nur um einen Journalisten. Sie trauern um einen Chefredakteur. Dies, weil er einen Typus von Chef verkörperte, wie er selten geworden ist. Vorgesetzter sein, so sagen Menschen, mit denen er gearbeitet hat, war ihm eine Verpflichtung im friedrizianischen Sinn: Erster Diener sein.Geist wurde am 23. September 1939 in Harheim bei Frankfurt geboren. "Seiner Heimat blieb er auf anrührende Weise verbunden", schreibt sein Weggefährte Peter Gillies im Nachruf der "Welt". In nur drei Jahren brachte er es vom Volontär zum stellvertretenden Chefredakteur des Handesblattes, saß in der Chefredaktion der Illustrierten "Bunte". 1979 wurde er zum Chefredakteur der "Welt am Sonntag" berufen und leitete seitdem ununterbrochen die Redaktion.1994/95 wurde ihm gleichzeitig auch die Leitung des Schwesterblattes "Welt" übertragen. Er stellte sich dieser schier unlösbar scheinenden Aufgabe so, wie er es bei vielen Anlässen vorher gehalten hatte: Er arbeitete hart und ohne große Rücksicht auf sich selbst. Diese ständige harte Anforderung an sich selbst war vielleicht einer der Gründe, warum sein Herz plötzlich still stand.Geist war ein Mann, der auf Werte setzte und nach Prinzipien lebte. Bekennender Katholik, gradlinig in Auseinandersetzungen mit Redaktion und Verlag, begeisterter Soldat. Wenige Monate vor seinem Tod sprang er noch mit dem Fallschirm ab. In seiner "WamS" begann er, konsequenterweise, ein regelmäßig erscheinendes Bundeswehr-Forum. Dafür wurde Geist mit dem Goldenen Ehrenzeichen der Bundeswehr ausgezeichnet. Er hat diese Ehrung in den "Pöseldorfer Bierstuben" mit Freunden begossen, doch er hat es nie herausposaunt. Auch einer der typischen Charakterzüge des Manfred Geist.Aus Redaktionskonferenzen berichteten WamS-Kollegen von Bemerkungen des Chefredakteurs, bei denen die Adressaten nicht wußten, ob sie weinen oder lachen sollten. Er war für seine Ironie und seinen Biß gleichermaßen bewundert und gefürchtet.Die andere, geistreiche, sensible Seite des Manfred Geist, bekam zu spüren, wer mit ihm stritt oder hilfesuchend zu ihm kam. Wieder sei hier Gillies· Nachruf zitiert: "Aber viele Kollegen wissen, daß sie in ihm einen verläßlichen Beistand hatten, wenn berufliche oder persönliche Probleme sie zu erdrücken drohten."Diese Geisteshaltung entsprach seiner religiös-soldatisch geprägten Lebenseinstellung. Loyal sein, die Pflicht tun, dies auch von anderen einfordern ­ jedoch immer ein Ohr und ein Herz für den Nächsten haben.Manfred Geist machte die Welt am Sonntag zur Institution. Mit 400 000 verkauften Exemplaren ist sie Deutschlands führende Sonntagszeitung und setzte mehr als einmal die politischen Themen des Wochenendes.Kollegen bewunderten den Instinkt und die Intensität, mit denen Geist Themen erkannte und umsetzte. Der Verlag würdigte seine Arbeit, in dem er Geist gleichzeitig zum Herausgeber des Blattes machte.Ein immer wieder kolportierter Satz Geists war "am Sonntag liest der Chef selber". Er umschrieb damit den Anspruch, eine Zeitung zu präsentieren, die auf der einen Seite seriös informiert, nachrichtlich Zeichen setzt, auf der anderen Seite aber auch um die Zeit seiner Leser buhlt, die am Wochenende für die Konsumierung leichter und bunter Geschichten vorhanden ist. Diesen Spagat zwischen Information und Unterhaltung meisterte Geist in nahezu perfekter Weise.Die Strophe eines Liedes, geschrieben 1894 von Cäsar Flaischlen, mag als Epitaph dienen, weil sie, wenn auch in altväterlichem Duktus, aber vielleicht gerade deshalb so treffend, die Lebenseinstellung Manfred Geists beschreibt: "Nicht der Pflicht nur zu genügen, was sie fordert und verlangt, nicht der Stunde nur zu leben, was die nimmt und was sie dankt, ­ Freunde, einem stolzen Wollen gelte unseres Tages Lauf..."Ulf C. Goettges