Wer Wolfgang Stresemann persönlich kannte, beschreibt ihn als einen "Herrn", etwas verlegen ob dieses veralteten Wortes und des eigenen Ungeschicks, ein besseres zu finden, aber dann doch sich selbst bestätigend: Wolfgang Stresemann war ein Herr. Hoch gewachsen, bestimmend, aber vornehm, von hohem Pflichtgefühl, doch nicht Knorrigkeit und künstlerischer Angriffslust, wie es Elmar Weingarten am Sonabend in einem Nachruf auf seinen Amtsvorgänger sagte. Von 1959 bis 1978 war Stresemann Intendant der Berliner Philharmoniker gewesen, der "Mann hinter Karajan", dem er später ein Buch mit dem Titel "Ein seltsamer Mann" widmete. Er ermöglichte, die beiderseitigen Empfindlichkeiten auffangend, Karajan die Arbeit mit den Philharmonikern, er machte die Programmarbeit für die Konzerte, suchte nach neuen Begabungen und setzte sich immer wieder für die moderne Musik ein. Der 1904 in Dresden geborene Stresemann, der Jura und Musik studiert hatte, emigrierte 1939 nach Amerika. Nicht nur war sein Vater, Außenminister und Reichskanzler der Weimarer Republik, im nationalsozialistischen Deutschland keine Empfehlung; die Mutter war Jüdin. In den USA arbeitete Stresemann als Assistent Bruno Walters und als Chefdirigent des Orchesters von Toledo (Ohio), dazu auch als Musikkritiker. Seit 1956 lebte er wieder in Deutschland. Von 1956 bis 1959 war er Intendant des Radio-Sinfonieorchesters Berlin, dann wechselte er zu den Philharmonikern. Bald begann der Streit um einen neuen Konzertsaal. Stresemann und Karajan kämpften für die Pläne Scharouns, ihnen ist der Bau von Philharmonie und Kammermusiksaal wesentlich zu verdanken.Einen "Patriarchen im besten Sinne" nennt Rudolf Watzel, Mitglied des Orchestervorstands, den früheren Intendanten: beherrscht von Loyalität und diplomatischem Talent, die Wünsche und Energien seines Orchesters bündelnd und lenkend. Dessen Geschichte und die seine hat er in zwei Büchern aufgezeichnet: "Und abends in die Philharmonie" und "Zeiten und Klänge". Am vergangenen Freitag ist Wolfgang Stresemann im Alter von 94 Jahren in Berlin gestorben. (ku.)