Die Szene zeigte schon die ganze Schwierigkeit ihres Verhältnisses: Kurz vor Beginn seiner Lesung im Auditorium Maximum der Universität Freiburg i. Br. am 24. Juli 1967 traf Paul Celan mit Martin Heidegger erstmals zusammen. Der Versuch, die Begegnung zu fotografieren, scheiterte: noch vor einer möglichen Bitte erhob sich Celan von seinem Platz und gab unmißverständlich zu verstehen, daß er nicht wünsche, zusammen mit Heidegger abgebildet zu werden.Der Sinn dieser Geste scheint eindeutig: der Jude Celan wollte sich offensichtlich von dem Denker, der sich 1933 schon als Verfechter des Nationalsozialismus zu erkennen gegeben hatte, merklich distanzieren. Im Heft 10/97 der "Neuen Gesellschaft/ Frankfurter Hefte" gibt Stephan Krass dem Geschehen eine über das Negative hinausgehende Bedeutung. "Der Gedanke an ein Photo als vielleicht einziges und unkommentiertes Dokument dieser Begegnung schien Celan unerträglich. Seine Begegnung mit Heidegger konnte nur in der Sprache stattfinden, auch wenn sie mit verschiedenen Zungen redeten."Und um Worte, um ein einziges zumal, sollte sich ihr ganzes weiteres Verhältnis drehen. Einen Tag nach seiner Freiburger Lesung trifft Celan abermals mit Heidegger zusammen; diesmal jedoch in dessen Schwarzwälder Hütte in Todtnauberg. Ins Gästebuch notiert er: "Ins Hüttenbuch, mit dem Blick auf den Brunnenstern, mit einer Hoffnung auf ein kommendes Wort im Herzen. Am 25. Juli 1967/Paul Celan." Die Zeilen stehen gleichsam Pate für das Gedicht "Todtnauberg", das Celan Tage später schrieb, wo er ihr Zusammentreffen, einen Spaziergang ins Moor, eine gemeinsame Autofahrt, verdichtete. Abermals spricht er von einer "Hoffnung, heute, / auf eines Denkenden / kommendes / Wort / im Herzen".Gleichviel, was Celan hier gemeint haben könnte das Eingeständnis des Versagens und der Schuld, der Trauer, der Scham, vielleicht auch das Eingeständnis des Versagens aller Sprache angesichts solcher Verfehlung und des Entsetzens darüber , Heidegger selbst, der sich zeitlebens ohnehin über sein Engagement für den Nationalsozialismus in Schweigen hüllte, hat jenes "kommende Wort" nicht gesprochen. Und ein anderes, berichtet Krass, ein von Heidegger als "Vorwort" für Celans "Todtnauberg" verfaßtes Gedicht, das erst vor ein paar Jahren der Öffentlichkeit zugänglich wurde, hat Celan, der im April 1970 seinem Leben ein Ende machte, nie erreicht.Unter all den Interpretationen des Gedichts Paul Celans streicht Krass die von Jean Bollack heraus. Bollack deute 1996 es als eine Reise ins "Reich der Toten". Das Zusammentreffen selbst sei von Celan mit strategischer Finesse vorbereitet und inszeniert worden, um Heidegger wider Wissens vor das Tribunal der Toten zu zitieren. In der jüngsten Nummer der "Neuen Rundschau" findet sich Bollacks spektakuläre Deutung jetzt in deutscher Übersetzung. Sie wirkt zwar zu konstruiert, doch hebt sie sich von den bekannten Euphemismen, die im Treffen Heidegger Celan nur ein Exempel für die "Nachbarschaft von Denken und Dichten" sehen wollten, wohltuend ab. Bei alledem kannte und schätzte nicht nur Heidegger Celan sehr; auch Celan war mit dessen schwierigem Denken wohlvertraut. Gegen Bollacks Sicht spricht ohnehin, daß sich beide noch zweimal trafen. Zu alledem wurde gerade aus dem Nachlaß ein Brief Heideggers an Celan vom 30. Januar 1968 bekannt, den wiederum Stephan Krass in der Wochenendbeilage der "Neuen Zürcher Zeitung" vom 3. 1. 98 kommentiert. Heidegger spricht darin von der "Ermunterung und Mahnung", die das "Wort des Dichters" sei; davon, daß sie sich seitdem "Vieles einander zugeschwiegen" haben und daß "einiges noch eines Tages im Gespräch aus dem Ungesprochenen gelöst" werden könne.Wie jenes "kommende Wort" bleibt auch hier strittig, was mit dem "Ungesprochenen" gemeint sein könnte. Beide sprachen sie nicht vom Selben, sowenig wie von gänzlich Verschiedenem. "Celan", resümiert Krass, "konnte mit Menschen, die seine Leidenserfahrung nicht am eigenen Leib gespürt hatten, überhaupt nicht unvermittelt sprechen. Er konnte mit ihnen nur über das dichterische Wort, das heißt verschlüsselt, kommunizieren Ob Heidegger das geahnt hat, als er Celan wünschte, die Sprache zu hören, ,in der sich (ihm) das zu Dichtende zusagt , können wir heute nur mutmaßen. Jedenfalls war Heidegger mit den Aussagen dieses Briefes für seine Verhältnisse weit auf ein Terrain vorgedrungen, das er sonst soweit wir bis heute wissen ganz mied. Für Celan indes war Heidegger weit hinter dem zurückgeblieben, was sich der Dichter von dem Denker erhofft hatte."Was sich an der Bruchstelle zwischen Heidegger und Celan aber zeigt, ist jener Abgrund selbst, der sich immer auftut bei der Frage nach einem Gedanken an die, die in den Lagern vernichtet wurden. Im Kontrast dazu wird die nicht nur intellektuelle Dürftigkeit um so deutlicher, die schon zu Anfang die Debatte um das Berliner Holocaust-Denkmal belastete. Die Ratlosigkeit ist geblieben. Das kommende Wort, das Celan einforderte: noch ist niemand erschienen, der es zu sprechen vermochte.