Vor 60 Jahren hat sie nichts abbekommen, nun versucht es die 70-jährige Gisela Frick erneut: Sie streckt die Hände in die Luft, ruft: "Hallo! Hier!" Doch der Rosinenbomber dreht ab. "Jetzt habe ich schon wieder nichts gefangen", sagt sie.Vor 60 Jahren endete die Berliner Luftbrücke. Gestern wurde dieser Jahrestag auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof gefeiert - mit Konzerten, Ausstellungen, Busrundfahrten und Hot Dogs. Der ehemalige Luftbrücken-Pilot Gail Halvorsen warf wie vor 60 Jahren Süßigkeiten aus dem Flugzeug und tausende Besucher streckten dem Rosinenbomber die Hände entgegen. Aber die meisten gingen leer aus: Halvorsen warf zwar rund 1 000 mit Schokolade gefüllte Päckchen an kleinen Fallschirmen ab, doch alle fielen auf der Landebahn. Dort aber durften nur ein paar Kinder mit ihren Eltern oder Großeltern hin, die zuvor mit drei Bussen auf die Bahn gefahren wurden. Alle anderen warteten vor dem Zaun.Zehntausende Besucher kamen gestern zum Bürgerfest, einer davon war der 25-jährige Musikstudent Martin Beyer, der zum ersten Mal an diesen Ort kam. "Tempelhof gehört irgendwie zur deutschen Geschichte", sagte er. "Bevor er irgendwann komplett geschlossen wird, nehme ich den Tag der offenen Tür noch mal mit." Der 81-jährige Heinz Mielke aus Kreuzberg findet es zwar schade, dass der Flughafen nicht mehr in Betrieb ist, das wichtigste sei aber, dass das Gebäude erhalten bleibt. "Wenn man etwas Gutes für die Menschen daraus macht, ist das in Ordnung."Andere Besucher ärgerten sich noch immer über die Schließung, so etwa eine 64-jährige Besucherin: "Eben weil ich die Luftbrücke damals als Kind mitbekommen habe, staut sich bei mir nun einiges auf, wenn ich sehe, wie mit Tempelhof umgegangen wird." Sie bedauerte es sehr, dass der Flughafen im Oktober 2008 geschlossen wurde. Auch Bettina Hanke, 42, aus Wilmersdorf schimpfte über den Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD). "Wenn ich das Grußwort von Wowereit hier lese", sagte sie und zeigte auf das Programm, "dann wird mir schlecht. Er hat es versaut." Sie kam gestern, um sich von Tempelhof zu verabschieden.Um 16 Uhr stürmten einige Mitglieder der Initiative "Tempelhof für alle" über den Platz und hängten Plakate an den Zaun. Sie fordern eine freie Nutzung des ehemaligen Flugfeldes. Auch Mitglieder der Initiative "Be 4 Tempelhof", die den Flughafen als Denkmal erhalten wollen, liefen mit Ansteckern "Weltkulturerbe Tempelhof" herum und verteilten heimlich Flyer, offiziell durften sie das nicht. Sonst gab es keine Proteste - weder gegen die Schließung noch zur Nachnutzung des Flughafens.Am Morgen hatten Wowereit und Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) der Luftbrücke gedacht. 77 Veteranen wurden ausgezeichnet; sie hatten dazu beigetragen, dass 2,2 Millionen West-Berliner überlebten. Im Jahr 1948/49 hatte die sowjetische Besatzungsmacht alle Land- und Wasserwege zu den Westsektoren der Stadt gesperrt. Die West-Alliierten versorgten West-Berlin in der Zeit aus der Luft: 277 000 Mal landeten Flugzeuge mit Hilfsgütern in Berlin. Das sei "eine wahrhaft historische Leistung gewesen", sagte Jung. "Die Alliierten waren Besatzer in Deutschland", sagte Wowereit. "Aber sie verhielten sich wie Freunde." Der SPD-Politiker erinnerte an die 78 Männer, die im Einsatz für die Luftbrücke ums Leben kamen. "Sie haben mit ihrem Dienst die Freiheit im Westteil Berlins gesichert." Als während der Zeremonie ein Rosinenbomber in der Luft kreiste, kamen nicht nur der Amerikanerin Iris Taggert, 82, die Tränen. "Mein Mann startete damals die Luftbrücke", erzählt sie. "Er ist vor vier Jahren gestorben. Ich bin gekommen, um ihn zu ehren."------------------------------Foto (2): Zehntausende Besucher kamen gestern zum Flughafen Tempelhof. Am Nachmittag warf der als "Candy-Bomber" bekannte gewordene Pilot Gail Halvorsen mit Schokolade gefüllte Care-Pakete aus dem Flugzeug, selbst geflogen hat er die Maschine nicht.Foto: Wie vor 60 Jahren: Über dem Flughafen Tempelhof wurden gestern Süßigkeiten an kleinen Fallschirmen abgeworfen.