Mit dem Begriff der "Sublimierung" hat Sigmund Freud all jene menschlichen Handlungen bezeichnet, die ihre Wurzeln im Sexualtrieb haben, jedoch auf ein nicht-sexuelles Objekt abgelenkt werden. Freud bezog die weitgefaßte Idee vor allem auf künstlerische und intellektuelle Leistungen. Daß die Nazis und andere Absolutisten der Psychoanalyse den Garaus machen wollten, leuchtet gerade aus dieser Perspektive ein, entzaubert Freuds Theorie doch den Glauben an die reine Größe des Helden und weist auf die kleinen, mit Komplexen geschlagenen Privatmenschen, die unter ihren eigenen Denkmälern versteckt worden sind. Nun sind auch im Mindener Stadttheater Helden demaskiert worden, Friedrich Wilhelm I. und Friedrich II., beide, Vater und Sohn. 1730 klagte im berühmten "Kronprinzenprozeß" der Vater den eigenen Sohn an, weil dieser vor den unerträglichen erzieherischen Torturen ins Ausland fliehen wollte. Sein Freund, der junge Leutnant von Katte, ein Schöngeist wie er selbst, war in die Pläne der scheiternden Flucht eingeweiht. Vor den Augen seines Sohnes ließ der "Soldatenkönig" Katte aus Gründen der Staatsräson hinrichten. Kattes Tod brachte die Wende im Leben des Prinzen, brach seinen Willen. Als Friedrich II. ist er seinem verhaßten Vater dann später näher gekommen, als es jemals denkbar schien doch das erzählt die Oper nicht mehr.Die stringente psychologisierende Rückführung der Tragödie auf einen eklatanten Fall unterdrückter (bei Friedrich Wilhelm II.) und gelebter (vom jungen "alten Fritz") Homosexualität leistet der Librettist und Regisseur Holger Müller-Brandes. Der kaum Dreißigjährige er hat bei Götz Friedrich gelernt reißt mit vielen Worten tiefe Wunden in das Familienleben der Hohenzollern. Friedrich und Katte reden von Liebe und Leid, der Vater spricht von Pflicht und Ehre, Mutter und Schwester und zwei Militärs füllen, was dazwischen ist. Als Regisseur der Uraufführung bedient sich Müller-Brandes sparsamerer Mittel. Seine exzellent proportionierte, eher an Schauspiel denn an herkömmlicher Oper orientierte Personenführung ließe auch wortlos den Kern erkennen. Der Sohn lebt aus, was der Vater sublimiert (der sammelt bloß Männer und nennt sie "Soldaten"). Dafür haßt der Vater den Sohn, den er doch eigentlich lieben will. Wolfgang Knuth, Jahrgang 1959, hat den Stoff in eine Kammeroper gefaßt, die keine Geschichte erzählen, sondern eine erklären helfen will. Der Komponist verhakt die Linien des 21köpfigen Ensembles zu dichten polyphonen Strängen, schlägt mit harschen Akkorden immer wieder aber auch erschreckende Schneisen in Klangfelder, die sonst zerbröseln oder sich auflösen in flackernde Einzelpunkte. Oft auch werden Gesang und Sprache von Chorfragmenten überlagert, die sich aus dem Off wie eine Folie über die Musik legen, einige Konturen verschärfen, andere veschleiern. Das Wort bleibt bei alldem im Vordergrund, verständlich und gewichtig. Die Reaktion der Musik auf diese Worte ist oft indirekt, sie erzeugt eine Atmosphäre, die aus der Distanz heraus kommentiert. Die sieben Szenen des zweistündigen Werks sind in ihrer Reihenfolge vertauschbar, ebenso wie die kurzen Einschübe, die in Frage-und-Antwort-Form mit Ausschnitten aus den Prozeßprotokollen ein Gegengewicht zum Libretto bilden. Einen Zielpunkt gibt es nicht. Die Exekution bleibt ausgespart. Für sie erfindet Knuth ein in seiner Simplizität bestechendes akustisches Bild: eine ausgedünnte klangliche Winterlandschaft mit starren Blockflöten-Tönen, mechanischen Knack-Geräuschen und einem leisen, kaum hörbaren Spieldosen-Chor. Man darf ohne Anmaßung überrascht sein angesichts einer so skrupulösen, künstlerisch genau reflektierten Arbeit im Herzen vermeintlicher Provinz. Tadellos ist zudem durch die Bank das sängerische und gerade auch das darstellerische Niveau, engagiert der Zugriff des Neuen Kammerorchesters Minden unter Cornelius Trantow auf die durchaus anspruchsvolle Partitur. Eine Überraschung war für den Angereisten auch das Publikum selbst: "Friedrich und Katte", von allem easy-listening weit entfernt, vertrieb in der Premieren-Pause niemanden nach Hause. Am Schluß feierte das kleine Haus seine Oper lange mit stürmischen Ovationen. Im nächsten Jahr soll sie auf Reisen gehen, ins Herz des alten Preußen, nach Sanssouci.

Lesen oder hören Sie doch weiter.

Erhalten Sie unbegrenzten Zugang zu allen B+ Artikeln der Berliner Zeitung inkl. Audio.

1 Monat kostenlos.

Danach 9,99 € im Monatsabo.

Jederzeit im Testzeitraum kündbar.

1 Monat kostenlos testen

Sie haben bereits ein Abo? Melden Sie sich an.

Doch lieber Print? Hier geht’s zum Abo Shop.