Recife - Jeinara schläft. In dem Raum sitzen ein Dutzend Menschen, sie reden miteinander, ein Videorekorder läuft und es ist laut. Aber Jeinara schläft lang hingestreckt auf dem Fußboden. Die 14-jährige kommt fast jeden Morgen in das Haus in einer kleinen Gasse der brasilianischen Stadt Recife. Es ist das Hauptquartier von Grupo Ruas e Praças, der lokalen Straßenkinder-Hilfsorganisation „Straße und Plätze“. Auf den Straßen und Plätzen von Recife wohnt Jeinara seit ihrem 8. Lebensjahr. Die Mutter ist Alkoholikerin und psychisch krank, der Vater unbekannt.

Jeinara und die rund ein Dutzend Kinder und Jugendlichen, die sich hier eingefunden haben, kommen gegen neun Uhr, können sich waschen, dann frühstücken und am Nachmittag Fußball spielen, Schlagzeuge traktieren oder im Chor singen. Aber dazwischen fallen die meisten wie Jeinara in einen tiefen Schlaf. Denn Hunger und Dreck sind die kleinsten Probleme dieser Straßenkinder. Aus Angst vor der Polizei, vor Haus- und Ladenbesitzern oder Verrückten ziehen sie auch nachts umher und machen selten die Augen zu. Nur hier im Haus fühlen sie sich sicher – und schlafen tief und fest.

Mit extremer Brutalität

Die Stadtverwaltung schenkt diesen Problemkindern normalerweise wenig Aufmerksamkeit, für sie zuständig fühlt sich meist nur die Polizei. Einige Spiele der Fußballweltmeisterschaft werden auch in der brasilianischen Hafenstadt Recife ausgetragen. Deshalb haben sich die Behörden jetzt der Straßenkinder erinnert, erzählt Ruas-e Praças-Mitarbeiter Paolo. Vor der WM wollen sie Auffanghäuser einrichten und mit den Straßenkinder-Organisationen kooperieren. Seine Organisation habe das abgelehnt, sagt Paolo, denn die geplante Maßnahme sei zeitlich begrenzt. Die Kinder sollten nur während der WM von der Straße verschwinden. An den Problemen und ihren Ursachen ändere sich jedoch nichts, sagt Paolo: nichts an der Armut, nichts an den schwierigen Wohnverhältnissen, nichts am Alkohol- oder Drogenkonsum der Eltern.

Die Zahl der Straßenkinder wird von der Unesco weltweit auf über 100 Millionen geschätzt. Aber Brasilien hat einige Rekorde aufzuweisen. Die Zahl der Straßenkinder ist dort mit geschätzten acht bis zehn Millionen besonders hoch, nicht wenige sterben früh. Immer wieder werden in Brasilien Morde an Straßenkindern begangen, aber in den Medien wird nur über die Massaker berichtet, bei denen es viele Opfer gibt oder die Kinder besonders grausam abgeschlachtet wurden.

Diese Gewalttaten gehen zum Teil auf das Konto paramilitärischer Verbände, die ihre Mitglieder aus früheren und noch aktiven Polizisten rekrutieren und ein Erbe der Militärdiktatur sind, die von 1964 bis 1985 im Land existierte. Damals wurden diese sogenannten Todesschwadronen gegen politische Oppositionelle eingesetzt. Offiziell soll es sie heute nicht mehr geben, aber ihre Organisationsform und ihre Praktiken überdauerten. Diese Paramilitärs werden von Geschäftsleuten und Hausbesitzern angeheuert, um gegen die Straßenkinder vorzugehen, die vor Läden und in Einkaufspassagen betteln, Abfälle sammeln oder stehlen. Sie werden zur Abschreckung geköpft, mit Benzin übergossen, verbrannt oder mit Steinen erschlagen. Die Täter kommen fast immer ungestraft davon. Augenzeugen und die überlebenden Kinder schweigen.

Ein Erbe der Militärdiktatur ist aber auch das große Engagement von Privatleuten für die Opfer dieser Gewalt. Solánge Bezerra, eine pensionierte Lehrerin, hat 1987 die Kinderhilfsorganisation Ruas e Praças mit einigen Sozialarbeitern gegründet. Die gut gekleidete, frisch ondulierte alte Dame arbeitet zwar nicht mehr aktiv mit, kommt aber fast jeden Tag ins Hauptquartier. „Als wir Ruas e Praças gründeten, wollten wir Einfluss auf die staatlichen Sozial-Programme nehmen, die damals von der ersten zivilen Regierung beschlossen wurden“, sagt sie. „Auch am Kinder- und Jugendgesetz, dass 1990 verabschiedet wurde, haben wir mitgearbeitet.“ Ihr Eifer ist fast missionarisch, ihr Vortrag von Nicht-Eingeweihten kaum zu verstehen. Da geht es um „Rechte und Pflichten der Protagonisten“, um „Gestaltungsmöglichkeiten“, um die „Wahrnehmung der Kinder als Subjekte“. Solánge Bezerra hat offensichtlich enorm von ihrem Einsatz für die Straßenkinder profitiert, es ist ihr Lebensinhalt geworden.

Ihre Organisation hatte jedoch weder das Ziel noch die Kraft, dass Straßenkinderelend abzuschaffen. Aber allen, die hierher kommen, kann Ruas e Praças das Dasein erträglicher machen und einigen sogar wieder zu einem normalen Leben verhelfen. Seit Gründung der Organisation bis heute seien 6638 Kinder betreut worden, berichtet Solánge Bezerra. 746 von ihnen hätten mit ihrer Hilfe wieder regelmäßig eine Schule besucht.

Ana Maria Salas könnte eine Enkelin von Solánge Bezerra im Geiste sein. Die 24-jährige aus Ecuador studiert seit fünf Jahren in Mannheim Soziologie, spricht fließend spanisch, portugiesisch, russisch und deutsch und absolviert hier gerade ein Praktikum. Die Tochter aus gut-bürgerlichem Hause nimmt die Kinder in den Arm, redet mit ihnen, organisiert ihre Teilnahme an den verschiedenen Kursen. Die Jungs und Mädchen, die ihr an Lebenserfahrung einiges voraus haben dürften, folgen ihr aufs Wort. Zur Zeit gebe es Workshops für Video und Fotografie, sagt Ana Maria Salas, für Theater, sie könnten Fußball und Percussion spielen. Diese Angebote werden von den Organisationen Misereor und Caritas international finanziell unterstützt, deren Hilfe trägt auch zum Unterhalt des Hauses bei und ermöglicht den mobilen Einsatz von Ruas-e-Praças-Mitarbeitern auf den Straßen.

Denn Ana und die anderen sind auch viele Stunden in der Stadt unterwegs, wo sie nach den Kindern suchen, die ihre Hilfe brauchen. An diesem Tag sind sie in der Altstadt von Recife. Das Viertel scheint eine ganz solide Gegend mit Geschäften und Restaurants. Doch in den umliegenden Gassen, wo Handwerker und vor allem Holztischler ihre Werkstätten haben, wird es chaotischer. Pappe, Holzreste und Müll liegen herum, es riecht nach Leim. Die Gegend ist ideal für Straßenkinder, hier können sie sich vor der Polizei verstecken, hier bekommen sie den Klebstoff zum Schnüffeln.

Alessandro drückt sich an der Gruppe vorbei, in der Hand die Klebstoffflasche. Sein Blick ist glasig. Er kommt vom Unabhängigkeitsplatz, wo einige Straßenkinder auf dem Rand des Brunnens vor der Kirche sitzen – immer auf der Hut vor den Geistlichen. Denn sie kennen mit diesen Kindern kein Erbarmen, sie hetzen die Polizei auf sie, auf ihr Betreiben wurde das Wasser aus dem Brunnen abgelassen, weil sich die Kinder darin wuschen.

Viele Drogen, viel Gewalt

Am späten Nachmittag sind Ana und die Streetworker zurück im Hauptquartier, das die letzten Kinder gerade verlassen. Übernachten dürfen sie hier nicht. Das ist der Organisation nicht gestattet, das kann sie sich finanziell nicht leisten. An der Wand am Ausgang hängen Zeichnungen und Zettel. In den vergangenen Tagen haben sich einige Kinder mit der Frage beschäftigt „Was fällt Dir ein, wenn Du an die Fußball-WM denkst? “ und die Antworten zu Papier gebracht.

„Alle werden glücklich sein und etwas davon haben“, hat der achtjährige Juan geschrieben und eine Sonne daneben gemalt. Die älteren Kinder reagieren weitaus skeptischer. „Es ist falsch, das ganze Geld nur für Stadien auszugeben“, schreibt die 17-jährige Patricia. „Viele Menschen werden Drogen nehmen,“ argwöhnt der zwölfjährige Carlos. „Es wird viel Gewalt geben und viel geklaut werden,“ meint die 14-jährige Elisa. Das fürchten wohl auch die Behörden von Recife, weshalb sie die Kinder während der WM denn auch in Auffanghäuser kasernieren wollen.