Eisschnellläufer haben Oberschenkel wie 100-Meter-Sprinter und die Ausdauer von Langstreckenläufern. Damit ist die Sportart extrem dopinganfällig. Dennoch gab es in der Vergangenheit äußerst wenige Fälle. Anders als etwa Radsport oder Gewichtheben, war das Eisschnelllaufen nie von der Streichung aus dem olympischen Programm bedroht und der Weltverband ISU steht längst nicht unter dem Rechtfertigungsdruck, dem zum Beispiel die UCI im Radsport unterliegt. Insofern ist es durchaus bemerkenswert, dass die ISU zu den ersten Verbänden gehört, die den indirekten Dopingbeweis über Blutprofile forcieren, und dass sie gleich mit der Verurteilung eines ihrer größten Aushängeschilder beginnt.Regelrecht bizarr wirkt dagegen die Reaktion der deutschen Sportorganisationen auf den Fall Claudia Pechstein. Es dürfte ziemlich einmalig sein, dass ein Verbandspräsident gemeinsam mit dem Anwalt einer wegen Dopings verurteilten Sportlerin eine offizielle Erklärung herausgibt, so wie es Gerd Heinze von der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) getan hat. Eine derartige Kumpanei von Funktionär und Athlet hatte man eigentlich selbst im deutschen Sport als überwunden angesehen. Darüber hinaus stellt die DESG nicht nur den Weltverband als Verschwörerhaufen hin, der unbescholtenen deutschen Sportlern Übles will, sondern fällt im Antidopingkampf auf Steinzeitniveau zurück, indem sie nur positive Tests als Grundlage von Sanktionen akzeptieren will.Dies tut in bestürzender Weise auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), so als habe man die letzten zwanzig Jahre komplett verschlafen. Von den Telekom-Radprofis über Marion Jones bis zum Radprofi Bernhard Kohl gab es zahlreiche Sportler, die hunderte von Kontrollen anstandslos passierten und dennoch systematisch Doping betrieben. Im Fall Pechstein ist der Verweis auf fehlende positive Tests besonders weltfremd, da Eigenblutdoping so gar nicht nachweisbar ist.In aller UnschuldRecht unverhohlen fordert der DOSB, die von der Welt-Antidoping-Agentur (Wada) eingeführte intelligente und wirksame Strategie des indirekten Dopingbeweises mit Hilfe von Blutprofilen zu verwerfen. "Allein auf Indizien" beruhe die Verurteilung Pechsteins, eine verräterische Formulierung, die ein Verfahren diskreditiert, das nicht auf zufälligen Indizien, sondern zuverlässigen wissenschaftlichen Expertisen beruht. Im Zusammenhang mit einer wegen Dopings verurteilten und für zwei Jahre gesperrten Athletin ungerührt von "Unschuldsvermutung" zu sprechen, wie es DOSB-Präsident Thomas Bach tut, ist fast schon abenteuerlich.Mit aller Macht hat der DOSB verhindert, dass in Deutschland ein wirksames Antidopinggesetz verabschiedet wurde. Der aktuelle Feldzug gegen den indirekten Dopingbeweis legt einmal mehr den Verdacht nahe, dass die höchste deutsche Sportorganisation an einer effektiven Dopingbekämpfung kein sonderlich großes Interesse hat.Seite 2------------------------------Foto: Ganz große Hand und ganz reines Gewissen: Claudia Pechstein.