Neugierig klettert der Ara auf dem Ast näher, beäugt die Besucherin, knabbert am Finger, zieht an der Jacke, setzt einen Fuß aufs Notizbuch. Er ist zwei Monate alt, seine Federn schimmern bläulich-grau. Er und die vier anderen Jungvögel sitzen auf den Ästen in ihrer Innenvoliere bei gemütlichen 20 Grad Celsius.

Die Tiere sind Ende Juli geschlüpft, seitdem werden sie von Katrin Scholtyssek und ihren Kollegen aufgezogen. Diese arbeiten bei der Association for the Conservation of Threatened Parrots (ACTP), also der Gesellschaft zur Erhaltung bedrohter Papageien.

In der Anlage nahe Berlin leben etwa 100 Aras und Kakadus. Der Verein kümmert sich besonders um deren Zucht. Vor allem um die der äußerst seltenen Spix-Aras. Die Tiere sind seit dem Jahr 2000 in freier Wildbahn ausgestorben. Es gibt aber weltweit noch etwa 150 Exemplare in menschlicher Obhut. Ihr natürlicher Lebensraum ist eigentlich die Caatinga-Region im Osten Brasiliens. Dort sollen sie auch wieder angesiedelt werden.

Neugierig wie Kinder

„Die erste Gruppe von zehn Tieren wird voraussichtlich 2019 in Brasilien ausgewildert“, sagt Katrin Scholtyssek. Die Aras werden aber nicht einfach in die Natur entlassen. „In der Region leben bereits Rotrücken-Aras. Ein Schwarm von ihnen soll für zwei Monate in einer großen Voliere mit den Spix-Aras zusammenleben.

Dann können die zehn Tiere von dem Schwarm lernen.“ Auf diese Idee kamen die Naturschützer, weil die letzten beiden verbliebenen Spix-Aras ebenfalls im Schwarm mit den Rotrücken-Aras lebten. „Wir wissen nicht, ob es funktionieren wird. Das müssen wir einfach probieren“, sagt Katrin Scholtyssek.

Während sie spricht, zupfen zwei Jungtiere neugierig an ihrem Pulli. „Diese fünf Spix-Aras haben wir mit der Hand aufgezogen. Sie verbinden mich mit Futter, darum wirken sie mir gegenüber so zutraulich“, erklärt die Biologin. „Aber wir gewöhnen sie nicht an Menschen.

ACTP ist eine von drei Zuchtstationen weltweit

Die älteren Tiere hier in der Anlage sind auch sehr scheu, obwohl wir sie mit der Hand aufgezogen haben.“ Die Neugier der Vögel hat auch damit zu tun, dass sie so jung sind – sie verhalten sich ein bisschen wie Kinder, wie Katrin Scholtyssek sagt.

In diesem Jahr schlüpften neun Spix-Aras in der Berliner Anlage. Die Zucht in Deutschland gelingt also sehr gut, obwohl die klimatischen Bedingungen völlig anders sind als in Brasilien. ACTP ist eine von drei Zuchtstationen weltweit. Eine weitere, die das Zuchtprogramm koordiniert, befindet sich in Brasilien und die dritte in Katar.

Die Vorgaben für die Papageienzucht sind streng. „Wir haben mit den Stellen in Brasilien und Katar eine gemeinsame Datenbank, in der wir sehen, welche Tiere miteinander gepaart werden können“, erklärt Scholtyssek. „Denn das Alter und die Genetik müssen zusammenpassen.“ Da die Art unter strengem Schutz steht, muss sofort gemeldet werden, wenn ein Tier schlüpft, eins stirbt oder an eine andere Zuchtstation geschickt wird.

Alle Tiere haben eine große Voliere

Das Verschicken ist immer mit enormem Aufwand und Vorbereitungen verbunden, die Tiere brauchen Papiere. Kommen sie in den anderen Ländern an, müssen sie noch in Quarantäne, und nicht jede Airline transportiert Vögel. Bekommt die ACTP ein Tier, kommt es zunächst ebenfalls in Quarantäne und auf die Krankenstation vor Ort.

„Wir testen das Tier auf verschiedene vogelspezifische Krankheiten wie Vogelgrippe, verschiedene Viren wie Chlamydien und Bakterien, bevor wir es in der Anlage unterbringen“, sagt Katrin Scholtyssek.

Nähert man sich den Volieren auf dem Gelände, beginnen viele Tiere zu kreischen oder flattern weg. Die meisten Vögel sind zu zweit untergebracht. „Das sind Zuchtpaare“, wie Katrin Scholtyssek erklärt. Spix-Aras werden mit ungefähr vier Jahren geschlechtsreif, vorher leben sie bei der ACTP im Schwarm zusammen. Alle Tiere haben eine große Voliere im Außenbereich und können auch in den beheizten Innenraum, wenn es ihnen zu kalt wird.

Schlüpfen im Brutkasten

„Aber nicht jedes Paar, das wir zusammenbringen, paart sich auch“, sagt die Biologin. „Wir beobachten dann über längere Zeit, ob die Tiere sich verstehen und sich zum Beispiel gegenseitig kraulen und füttern. Das machen sie aber nicht unbedingt, wenn ein Mensch vor der Voliere steht, vom Kopulieren ganz zu schweigen.“ Aber auch ein liebevoller Umgang ist noch keine Garantie für Nachwuchs.

„Einige Eier, die gelegt werden, sind nicht befruchtet, die Hähne machen die Eier kaputt oder das Brutpaar hilft dem Jungtier nicht beim Schlüpfen.“ Deshalb werden viele Eier künstlich ausgebrütet – in den Inkubatoren der sogenannten Babystation. Katrin Scholtyssek zieht sich einen weißen Kittel und Gummihandschuhe an und öffnet einen der Brutkästen.

Sie holt eine Plastikschale heraus, in der zwei Aras sitzen. Sie sehen noch recht nackt aus, sie haben ein paar Daunenfedern und ein paar Deckfedern. Nach dem Schlüpfen verbringen die Tiere 50 bis 60 Tage im Brutkasten. Nach etwa 100 Tagen sind sie selbstständig.

In Deutschland nimmt man den Schutz der Tiere ernst

Von der Eiablage über das Brüten bis hin zum Rumflattern in der Voliere – die Mitarbeiter von der ACTP haben die Tiere immer im Blick. Die Nester, die Innenräume, die Außenvolieren werden mit Videokameras überwacht. Das dient auch der Sicherheit der Tiere, so ist auch die Adresse der ACTP nicht öffentlich zu finden.

Doch nicht nur in Deutschland nimmt man den Schutz der Tiere ernst, auch in ihrem Heimatland Brasilien. Das Gebiet, in dem sie ausgewildert werden sollen, ist abgezäunt, die Bäume, auf denen sie nisten, werden aufgeforstet. All diese Bemühungen zeigen auch, wie schwierig es ist, Tiere wieder in ihren Lebensraum anzusiedeln, wenn sie dort einmal verschwunden sind.