Voudou ist rätselhaft, für viele Hexerei und ein Zombie-Kult. Vor allem aber ist der Voudou im französisch- und kreolischsprachigen Haiti sehr wandelbar. Er ist dort eine Zweitreligion, und sogar jeder zweite der sieben Millionen Haitianer glaubt unter anderem daran. Selbst der offizielle Umgang damit hat sich gewandelt, neuerdings ist Voudou als Religion anerkannt. Und im Schatten von Voudou hat sich, hier im fernen Berlin, sogar der Haitianer Alrich Nicolas gewandelt.Aus dem Soziologen, promovierten Volkswirtschaftler und Diplomaten wurde kurzerhand ein Völkerkundler. Nicolas, haitianischer Botschafter in Deutschland, schrieb jüngst eine präzise Abhandlung über "Die Kosmogonie des Voudou und seine Lwas". Das heißt, über die Entstehungsgeschichte der Nation Haitis, über ihre Riten und Vermittlerebenen zwischen Mensch und Allmächtigem. Diese Links heißen Lwas. Das alles ist schwerer Stoff. Zu seinen Aufgaben in der kleinen Mission gehört sozusagen auch die Rolle des Anti-Klischee-Beauftragten. Ohnehin ist er ein kulturbeflissener Mensch. Der Wechsel in die Ethnografie dürfte ihm ein willkommener Ausflug gewesen sein. Nicolas, der in Deutschland studierte und eine Dozentenlaufbahn eingeschlagen hatte, liegt die Aufklärung am Herzen. "Bei Voudou denken alle an Zombies, an Menschenopfer", sagt der elegante, 47 Jahre alte Mann in perfektem Deutsch. Daran, dass Haiti in Agonie liege und dass es nicht zuletzt wegen der Flucht in die Magie kein Wunder wäre. Dass Voudou Opium für das Volk wäre. Zu Vorwürfen, dass das Volk bewusst benebelt, ausgebeutet und jede Gegenstimme unterdrückt werde, sagt er nichts. Er hält sich zurück.Der Korruptionsverdacht lastet auf der Karibik und Mittelamerika, das weiß er. Er lebt seit langem in Europa. Tatsächlich ist Haiti eines der ärmsten Länder der westlichen Hemisphäre, der Zustand heißt bei Nicolas "Wirtschaftskrise", gleicht jedoch längst einer Katastrophe. Haiti braucht viel Hilfe. Aus Deutschland kommt reichlich.Es gibt Unterstützungen zur Energieerzeugung, für die Landwirtschaft und die medizinische Versorgung. "Unser Land ist damit sehr zufrieden", sagt Nicolas ganz aufrichtig. Sogar die deutsche Botschaft in Haitis Hauptstadt Port-au-Prince wurde neu ausgebaut, obwohl Berlin sonst an Auslandsvertretungen spart. Stolz berichtet der Diplomat davon. "Und ich habe hier auch noch ganz viel vor", kündigt er an. Im kommenden Jahr feiert Haiti seine 200-jährige Unabhängigkeit. Aus der Geschichte der Sklaverei rührt die Voudou-Religion, die immer anpassungsfähig war, wie Nicolas erläutert. Nun passe sie sich weiter an, "darüber will ich informieren". Er hat Gelder in Port-au-Prince beantragt für "2004-Projekte" - Ausstellungen, Lesungen, Konzerte. Er hofft, Verständnis für Haiti zu wecken. Weit mehr kulturelle Verbindungen hat sein Land in die frankofonen Länder, nach Frankreich, Kanada. Ebenso in die USA, weil dort viele Haitianer leben. Auch von Deutschland führten einst viele Lebens- und Handelslinien nach Haiti, doch ist das kaum mehr bekannt. In der Literatur etwa war der Aufstand der Sklaven ein Thema "von Kleist über Anna Seghers bis zu Heiner Müller". Richtig zur Ruhe gekommen ist das Land seit 1804 dennoch kaum. In jüngster Zeit gibt es erneut Skepsis über die innere Sicherheit im Land, die Organisation Amerikanischer Staaten hält riesige Summen von Hilfsgeldern zurück. In den achtziger Jahren kam Nicolas an die FU Berlin, wurde Dozent am Lateinamerikainstitut, schließlich Gastprofessor in Costa Rica. Eng ist Nicolas noch mit der hiesigen wissenschaftlichen Gemeinschaft verbunden. In diesen Zirkeln tritt er oft auf. 1996 berief ihn der neue haitianische Kultusminister zu seinem Berater, kurz danach wurde Alrich Nicolas der Botschafterposten in Bonn angetragen. Er ging dorthin. Und bald danach kam der vormalige Wahlberliner wieder in die deutsche Hauptstadt zurück. Seine politische Arbeit findet nun in Gremien des Bundestags, bei Stiftungen, dem Entwicklungshilfeministerium oder bei Hilfsorganisationen statt. Wird er dort vorstellig, hilft ihm, dem Feinsinnigen, vor allem seine lange interkulturelle Erfahrung. Er kennt deutsche Verwaltungen, selbst die Amtssprache.In der nächsten Folge stellen wir die indische Vertretung vor. Botschafter T.C.A. Rangachari ist ein großer Kricket-Fan. Wichtige Spiele der Nationalmannschaft werden in der Botschaft für die Mitarbeiter übertragen.BOTSCHAFTEN IN BERLIN // Die Botschaft der Republik Haiti liegt in der Meinekestraße 5 in Charlottenburg. Der Karibikstaat nutzt die vierte Etage eines pompösen Altbaus, hier arbeiten drei Diplomaten.Acht Millionen Menschen leben in Haiti, der Staat liegt auf der Insel Hispaniola, östlich der Dominikanischen Republik. Haiti war 1804 der erste Staat, der sich von der Sklaverei befreite.Botschafter Nicolas verließ das Land während der Duvalier-Diktatur. Die Regierung des Priesters Aristide rief ihn zuerst aus Deutschland nach Haiti, dann entsandte sie ihn als Botschafter.BERLINER ZEITUNG/RITA BÖTTCHER Plan.BERLINER ZEITUNG/PAULUS PONIZAK Voudou ist in Haiti als Religion anerkannt. Der Botschafter des Landes, Alrich Nicolas, kann nicht verstehen, dass viele bei Voudou nur an Hexerei oder Zombie-Kult denken.

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