Auf Uwe Peter Tietz sind viele Rüganer nicht gut zu sprechen. Was für den Immobilienberater ein "relativ normales" und vor allem "vollkommen legales" Geschäft ist, nennen sie "Ablaßhandel" oder schlicht "Erpressung". Im Auftrag des Adelssprößlings Franz von Putbus und der Muttland GmbH handelt Uwe Peter Tietz mit deren Restitutionsansprüchen. Fast ein Sechstel der Insel Rügen fordert Franz von Putbus, der in Meerbusch bei Düsseldorf lebt, zurück. 16 000 Hektar Land, 78 landwirtschaftliche Pachtbetriebe, 10 Forste, zwei Häfen und drei Kreidebrüche sowie fast das ganze Städtchen Putbus gehörten bis 1945 Malte von Putbus.Seit sieben Jahren bemüht sich dessen Sohn darum, den väterlichen Besitz zurückzuerhalten. Das Landesamt zu Regelung offener Vermögensfragen (LaRoV) hat den Restitutionsanspruch schon vor drei Jahren abgelehnt, schließlich sei der Besitz im Zuge der Bodenreform von den Sowjets enteignet worden.Die Geschichte vom schwarzen Junker jedoch hat einen Schönheitsfehler. Malte von Putbus wurde am 21. Juli 1944 von der Gestapo verhaftet und starb im Februar 1945 im KZ-Sachsenhausen. Franz von Putbus betont daher, sein Vater habe zum Umfeld der Widerstandskämpfer des 20. Juli gehört und sei daher bereits von den Nazis enteignet worden. Somit falle er nicht unter die Regelungen der Bodenreform. Seit bald drei Jahren beschäftigt der Fall das Verwaltungsgericht in Greifswald. Heute wird das Verfahren um den größten Restitutionsanspruch seit der Wende fortgesetzt.Vor allem der Staat, aber auch viele private Grundstücksbesitzer sind betroffen. Ein Urteil allerdings mochte Franz von Putbus, der sich gerne "Franz zu Putbus" nennen läßt, nicht abwarten. Er hat aus dem schwebenden Verfahren ein lukratives Geschäft gemacht.Zusammen mit einem Schweizer Immobilienhändler hat er hierfür eigens die Muttland Aufbaugesellschaft mbH und Co. KG gegründet. An diese hat der heute 70jährige seine Restitutionsansprüche inzwischen vollständig abgetreten. Wie auf allen Grundstücken in den neuen Bundesländern, auf denen ein Restitutionsanspruch lastet, so ist auch der ehemals Putbussche Besitz im Grundbuch mit einer Veränderungssperre versehen. Die heute Verfügungsberechtigten können ihre Grundstücke weder verkaufen noch vererben. Auch die Eintragung von Bankkrediten als Grundschuld ist nicht möglich.Die Zustimmung zur Aufhebung der Veränderungssperre läßt sich die Muttland GmbH teuer bezahlen. 50 000 Mark sollten Karin und Bertold Ernst zahlen, später 35 000 Mark. Im einstigen Affenhaus des Putbusser Schlosses betreiben die beiden seit drei Jahren ein Puppenmuseum sowie ein Café. Das denkmalgeschützte Haus haben sie von der Stadt in Erbpacht übernommen. Die Heizung müßte dringend repariert, die Fassade saniert werden. Die Fördergelder sind bewilligt, doch ohne Zustimmung der Muttland GmbH kann der Erbpachtvertrag nicht ins Grundbuch eingetragen werden, ohne diesen Eintrag gewährt keine Bank Kredit. Der "unverschämten Abzockerei" allerdings wollen sich beide nicht beugen. Viele haben gezahlt, wollen aber anonym bleiben. "Ich will keinen Ärger haben", begründet es einer von ihnen. Andere zahlen still und heimlich, weil sich mit Immobilien und Grundstücken auf der Touristen-Insel gute Geschäfte machen lassen und der Betrag, den die Muttland verlangt, dagegen moderat scheint. 12 000 Mark etwa sind für ein Grundstück in Putbus über den Tisch gegangen, das heute ein vielfaches wert ist, rund 50 000 Mark für 1 500 Quadratmeter im Badeort Lauterbach. Insgesamt etwa 130mal ist Geld geflossen. Ein Millionengeschäft, auch wenn Franz von Putbus vorgibt, damit die hohen Anwaltskosten begleichen zu müssen.280 000 Mark hat Karl-Walter Böttcher überwiesen. "Wir waren gezwungen zu zahlen", sagt der Geschäftsführer der Alternativ-Energie-Produktion, "sonst hätten wir eine Million Mark Entwicklungskosten in den Sand gesetzt." 14,5 Millionen Mark hat die Firma in den Bau einer Biogasanlage investiert. "Die Menschen in Putbus", klagt Karl-Walter Böttcher, "haben kein Vertrauen in den Rechtsstaat. Die Parteien tun nichts, die Justiz versagt", da bleibe vielen nur die Chance zu zahlen.Zu DDR-Zeiten war Böttcher LPG-Vorsitzender, heute leitet er einen landwirtschaftlichen Betrieb mit 1 750 ha Nutzfläche. Für das "Bündnis für Rügen" sitzt er im Stadtrat von Putbus und ist Vorsitzender des Bauausschusses. Nach Ansicht von Uwe Peter Tietz gehört Böttcher zu den "grauen Eminenzen" der Insel. An ihm vorbei, flucht er, laufe in der Stadt nichts. Doch vor allem ohne Muttland läuft wenig, Investitionen in Höhe von 80 Millionen Mark lägen wegen der ungeklärten Eigentumsverhältnisse auf Eis, heißt es im Landratsamt. Fürst Malte zu Putbus ließ Anfang des 19. Jahrhunderts die Stadt errichten, die bald "Weiße Residenz" genannt wurde. Der kreisrunde streng geometrische Circus mit seinen 15 schneeweißen Häusern war ihr Wahrzeichen. Heute dominieren die Grautöne, vielfach bröckelt der Putz.utbus soll wieder zum "gesellschaftlichen und kulturellen Zentrum" der Insel Rügen werden, verkündet Bürgermeister Reese. Das Rossini-Festival soll Opernfreunde lokken. In der Orangerie stellen junge Künstler aus. Jeder Regenschauer jedoch verwandelt die Straßen in Schlammpisten. Hotels, die den Ansprüchen zahlungskräftiger Gäste gerecht würden, sucht man vergeblich.Bevor die ehrgeizigen Pläne umgesetzt werden können, muß der Rückübertragungsanspruch entschieden werden. Der LaRoV-Präsident Hartmut Meyer-Bahlburg gibt sich siegessicher. Kein einziges Dokument belege, daß Malte von Putbus zu den Widerstandskämpfern vom 20. Juli gehört habe oder sein Besitz beschlagnahmt worden sei. Autoritätskonflikte zwischen dem Großgrundbesitzer und den örtlichen Nazigrößen nennt er als Grund für dessen Verhaftung.Franz von Putbus, der von der Gemeinde inzwischen ein Haus am Circus erworben hat, will sich nicht mehr öffentlich äußern. Auch die Geschäftsführer der Muttland GmbH sind zu keiner Stellungnahme bereit. Kriegskameraden des Malte von Putbus und Familienmitglieder aber haben vor dem Verwaltungsgericht unter anderem ausgesagt, der Gauleiter von Pommern habe öffentlich mit der Beschlagnahmung der Putbusschen Ländereien geprahlt. Darüber hinaus soll Malte von Putbus schon 1939 die Judenverfolgung kritisiert und später oppositionelle Offiziere beherbergt haben. Schon vor 1933 allerdings war Malte der NSDAP beigetreten, auch Hermann Göring war gerngesehener Gast im Schloß.Die juristische Auseinandersetzung wird noch Jahre dauern, denn schon jetzt haben die Muttland-Anwälte angekündigt, Revision einzulegen bzw. vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen. Der Sprecher des Schweriner Finanzministeriums vermutet, daß die Muttland GmbH vor allem auf Zeit spielt. Gewinnt die Muttland GmbH den Rechtsstreit, seien mit der notariellen Vereinbarung alle finanziellen Ansprüche abgegolten, versichert Uwe Peter Tietz. Sollte sie verlieren und dies gilt trotz alledem als wahrscheinlich, dann haben sie umsonst gezahlt, zurückgezahlt wird kein Pfennig.