Ein Paar redet über die Grundfesten seiner Beziehung - wie um sich ein Haus zu bauen, eine sichere Burg aus Gemeinsamkeiten. Sie wünscht sich "Frieden" und "Ruhe", er einen BMW. Er spricht von Sex, sie spricht mit Ausrufezeichen von Liebe - und er sieht da durchaus keinen Unterschied. Diese komödiantisch pointierte Anfangssequenz des Zweimann-Musicals "Babytalk" breitet virtuos den Stand der Paarpsychologie am Beginn der 90er-Jahre aus; da steckt John Grays sprichwörtlich gewordene Erkenntnis "Männer kommen vom Mars, Frauen von der Venus" ebenso drin wie Deborah Tannens Bestseller "Du kannst mich einfach nicht verstehen". Man wohnt zusammen, aber man redet aneinander vorbei.Peter Lund hat für die Neuköllner Oper - nach dem "Wunder von Neukölln" - wiederum ein Musical um die aktuellen Mördergruben des Herzens gestaltet. Als Zuschauer ist man schon recht erfreut, sich nicht in die heutzutage recht märchenhaften Lebenswelten von Kanalschwimmerinnen, Ozeanüberquerern oder Chormädchen einfühlen zu müssen, wie es die klassischen Musicalerfolge verlangen; es geht um das eigene Dasein, verknappt zu den Schlüsselszenen, in denen die Daily Soaps des Fernsehens die paar Paarprobleme zu hysterisieren pflegen. Nur aus diesem Grund lesen Frauen schließlich auch Frauenzeitschriften: um etwas über sich zu erfahren. (Mit der Mode darin hat das nämlich nichts zu tun.)Ein wenig erstaunt nach eigenem deduktiven Erkenntnisgewinn nur, dass es hier der Mann ist, den es so dringend nach Fortpflanzung gelüstet. Roberts (Leon van Leeuwenberg) jazziges "Baby, Baby, Baby!" - neben dem euphorisch aufsteigenden Schlachtruf "Ich will ein Kind!" das in zwei Stunden reichlich oft wiederkehrende musikalische Leitmotiv - verkehrt sich allerdings bald in dumpfes Stöhnen: "Ich kann das jetzt noch nicht./Ich hatte viel zu wenig Sex!/Da warten Frauen auf der Welt/und Strände und das große Geld/und all der Alkohol auf Ex ..." Das klingt dann doch schon vertrauter, wie auch der Streit darum, ob es ein Junge oder ein Mädchen werden soll. Jeder wünscht sich das dem eigenen Geschlecht Entsprechende, dem Mann allerdings wird diese Sehnsucht wortreich ausgetrieben, bis er ausruft: "Es ist mir egal!" und sie kontert: "Es ist dir also egal, was unser Kind wird!" Wort im Mund umgedreht, das ist dann doch wieder Witzseiten-Klischee.Peter Lund allerdings spielt sehr geschickt mit dieser Gefahr, weil er die Weichen immer wieder umstellt, also gewissermaßen die ganze Klischeelandschaft durchquert und die Geschichte so vom Einzelfall in den Stand eines Kinderkrieg-Kompendiums erhebt. Da ist die zierliche, sachliche, geschäftsmäßige Charlotte (Frederike Haas), die als Rechtsanwältin reüssieren will - ihr gegenüber steht der tapsige, ungeschickte, jungenhafte Pädagoge Robert, der in allergrößter Unschuld eine Affäre mit Charlottes bester Freundin geheim halten zu können glaubt. Robert hat Albträume, in denen er derjenige mit einem dicken Bauch ist, Charlotte verfällt, endlich doch schwanger, in Kaufräusche. Frederike Haas, die als Protagonistin von "Chicago" in Wien, London und Berlin glänzte, begeistert durch ihre aufgeweckte Präsenz, ihre Nuanciertheit im Gesang, ihre Spielfreude, mit der sie einen in kraftvoller Vehemenz dargebotenen Strip zur lasziven Verführung à la "Cabaret" ausgestaltet. Leon van Leeuwenberg stolpert ihr auf dem eiförmigen, nach vorn geneigten Bühnenplateau immer ein wenig hinterher - was allerdings prima zu seiner Rolle passt.So vergehen die ersten zwei Drittel recht zügig als Karikatur auf die wahren Verhältnisse, nur dann kommt es ganz dick in Moll: Charlotte gesteht mehrere Abtreibungen, verliert das Kind, man trennt sich, trifft sich im Regen, zankt sich - und steht zum Schluss doch wieder zweisam und in freudiger Erwartung in der gemeinsamen Wohnung. Das nun ist recht länglich - zumal sich hier auch Thomas Zaufkes Kompositionen, vorrangig an Blues-Songs und archetypischem Barjazz orientiert und von einer dreiköpfigen Band dargeboten, als nicht sonderlich variationsreich erweisen. Charlotte und Robert bleiben zusammen, des kommenden Kindes wegen. Liebe? Nein, Frieden.Nächste Vorstellungen tgl. bis 9. Mai sowie vom 15.-18.5., 20 Uhr, Neuköllner Oper, Kartentelefon: 68 89 07 77.