ATHEN, 20. August. Ronny Weller hat schon viel erlebt in seiner Karriere: auf seinem Weg vom kräftigsten Jungpionier der DDR (1983) zu einem der stärksten Männer der Welt, ganz offiziell sogar zu "Deutschlands Gewichtheber des 20. Jahrhunderts"; auf seinem Lebenslauf vom sozialistischen Marxwalde, das heute wieder Neuhardenberg heißt, nach Mutterstadt in der Pfalz. Ronny Weller, elffacher Weltrekordler, Olympiasieger, 49-maliger Medaillengewinner bei internationalen Höhepunkten, ist ein Kerl von 152 Kilo. Ihn bringt so schnell nichts aus der Ruhe. Es sind schließlich seine fünften Olympischen Spiele, hier in Athen. Beim ersten Mal, das war vor sechzehn Jahren in Seoul, hat Ronny Weller sogar Gabriela Sabatini gesehen. Von ganz nah. Da war er sehr aufgeregt, daran erinnert er sich noch heute. "Mann, das war ein Ding", sagt Weller, der 35-jährige Superschwere. Humor und HantelEine ähnlich aufregende Begegnung mit den Schönen dieser Welt hat Ronny Weller diesmal noch nicht gehabt. Aber er ist ja gerade erst angekommen, obwohl in den Zeitungen schon gestanden hat, er habe große Probleme mit der Hitze in Griechenland. "Als ich das las", sagt Weller und schüttelt den Kopf, "da war ich noch zu Hause." Nun haben sie ihn zu einer Pressekonferenz kutschiert, seine Sponsoren von Adidas, und im edlen Politia Tennis Center in einer Reihe mit Maurice Greene und Haile Gebrselassie präsentiert. Da sitzt er nun und kämpft mit den Worten. Eigentlich will er lieber seine Ruhe haben, allein sein mit Hanteln und Gewichten. "Ich muss jetzt die Balangse halten", formuliert er, "und meinen Körper pflegen" - bis zum Wettkampf am Mittwoch, wenn er als erster Gewichtheber überhaupt zum fünften Mal eine Olympiamedaille einkassieren möchte. "Da haben sie ein schönes Ding hingestellt, die Griechen", sagt Weller und meint die Gewichtheberhalle, in der sein Vater Günther, seine Frau, seine Tochter Joalina-Marie und sechzig Fans aus Rheinland-Pfalz live dabei sein werden. "Das wird ein schöner Druck, das brauche ich auch." Zu seinen Chancen will er nichts sagen. Nur dies: "Es gibt da so ein schönes Sprichwort - nach dem Krieg werden die Leichen gezählt." Auch wenn ihm sichtlich unbehaglich ist, Ronny Weller beantwortet jede Frage. Er ist ein höflicher Mensch, ein lebenslustiger auch, und Geduld gehört für einen Gewichtheber ohnehin zu den Basiseigenschaften. In ein paar Tagen aber soll dann das Ventil geöffnet werden. "Im Wettkampf speziell gehe ich über Leichen", kündigt Weller rigoros an, "ich tu da nicht so auf meinen Körper achten." Bis dahin kämpft er, wie jeder Gewichtheber, mit den üblichen Problemen. Zum Beispiel mit dem Essen. "In Sydney war das besser." Leider ist in Athen die Mensa etwas überdimensioniert. "Da liegen auf der einen Seite der Halle die Brötchen, die Eier auf der anderen. Da muss man ganz schön viel laufen." Laufen ist ganz schlecht für einen Schwerathleten, Koffertragen übrigens auch. "Wir sind halt Schnellkraftsportler", sagt Weller entschuldigend. Und wenn die etwas anderes tun als die obligatorischen Übungen Reißen und Stoßen, "dann werden die Muskeln fest. Das gibt ganz schnell einen Wadenkrampf." Weil nun aber die Wege in der Mensa so großzügig bemessen sind und er deshalb immer erst einen Langstreckenlauf hinlegen muss, um seine Teller zu füllen, würde sich Weller am liebsten ein kleines hübsches Golf-Wägelchen zulegen. "Doch damit sind schon die vielen Funktionäre hier unterwegs." Es soll niemand sagen, Gespräche mit Deutschlands Stärkstem hätten keinen Unterhaltungswert. Es gibt nur ein Thema, dass Ronny Weller wirklich zuwider ist. "Ich habe keinen Bock mehr, über Doping zu reden", sagt er, "davon werde ich immer müde." Dann erzählt er aber doch ein bisschen aus der geheimnisvollen Welt der Schwerathleten, die in Athen schon wieder sieben, womöglich acht Dopingfälle zu beklagen haben. Man sollte endlich lebenslange Sperren aussprechen, sagt Weller, vor allem für Bulgaren: "Die wurden 1976 bei den Olympischen Spielen disqualifiziert, 1988 auch. Doch dann tauchen sie immer wieder auf. Die Sportler starten für Katar oder Australien, die Trainer tummeln sich im Iran und in Ägypten. So eine Nation macht alles kaputt." Die Vokabel vom kaputtmachen ist ganz bewusst gewählt, denn wieder einmal läuft das Gewichtheben Gefahr, aus dem Olympischen Programm verbannt zu werden. Das wäre das Todesurteil für diese Sportart, die sich nur über die anteiligen Zahlungen aus den olympischen Fernseheinnahmen finanzieren kann. Ronny Weller, der am Donnerstag zum letzten Mal kontrolliert wurde, hat längst resigniert. "Ich habe schon literweise Urin abgegeben. Und was ändert sich? Nichts." Nach Athen hat er nicht einmal mehr seine Anti-Doping-Pässe mitgebracht, wie noch bei den vorangegangenen Olympischen Spielen. "Das macht doch keinen Sinn. Wenn ich meine voll gestempelten Dopingpässe vorgelegt habe, haben mich die anderen ungläubig angeschaut und gefragt, was das denn soll. So etwas hatten sie noch nie gesehen." Die anderen, das waren 1996 in Atlanta der Russe Andrej Tschemerkin, den Manfred Nerlinger einst despektierlich als "Menschenfresser" bezeichnet hat, und vor vier Jahren in Sydney der Iraner Hossein Rezazadeh. Beide wurden vor ihren Finals monatelang nicht gesehen, steigerten sich zu unglaublichen Lasten - und haben Weller jeweils auf Rang zwei verwiesen.Selbst wenn mal einer erwischt und gesperrt wird, bleibt alles beim Alten, weiß Weller. "Dann taucht er zwei Jahre später stärker denn je wieder auf." Der Armenier Aschot Danieljan, der in Sydney erwischt wurde, ist so ein Fall. Er hat für Athen mit 460 Kilo Zweikampfleistung gemeldet, Weller nur mit 450. Auch der Lette Viktors Scerbatis (465) steigt nach seiner Dopingsperre wieder kräftig ein. Weller aber will sich davon nicht irritieren lassen. Er wird wieder um eine Medaille kämpfen, und er hat sich mit seinem Schicksal arrangiert in dieser verkommenen Branche. "Ich habe meine Silbermedaillen, und die haben vielleicht Gold", sagt er. "Dafür lebe ich zehn Jahre länger." Es klingt brutal. Aber er dürfte ziemlich nah an der Wahrheit liegen. ------------------------------Dicke Fische // Sieben Gewichtheber wurde in Athen wegen Dopings die Akkreditierung entzogen. Ausgeschlossen wurden: Sanamacha Chanu (Indien)Tratima Kumari Na (Indien)Wafa Ammouri (Marokko)Victor Chislean (Moldawien)Zoltan Kecskes (Ungarn)Shabaz Sule (Türkei)Khine Nan (Myanmar)Die Fälle acht bis zehn wurden am Freitag bekannt: Die A-Probe des Griechen Leonidas Sampanis, der Bronze in der 62-kg-Klasse gewonnen hatte, soll positiv gewesen sein. Außerdem fielen nach übereinstimmenden Meldungen Albina Chomitsch (Russland) und Mital Scharipow (Kirgisien) bei Trainingskontrollen auf.------------------------------Foto: "Ich habe meine Silbermedaillen, und die haben vielleicht Gold. Dafür lebe ich zehn Jahre länger." Ronny Weller bei seinem zweiten Platz in Sydney - kontrolliert wurde er in Athen zuletzt an diesem Donnerstag.