ZWANGSEHE - In Äthiopien werden viele Kinder bereits im Säuglingsalter versprochen und im Schulalter verheiratet. Vor allem für Mädchen hat diese Praxis verheerende physische und psychische Folgen.: Zu jung gefreit...

BAHIR DAR, im Dezember. Nie, nie wieder will sie einen Mann berühren. Da ist Muhi Godja ganz sicher. Mit 21 Jahren hat sie diesen Teil ihres Lebens abgeschlossen - weil er zu früh begann. Acht Jahre alt war das amharische Mädchen, als es verheiratet wurde. "Meine Familie wollte, dass wir den Clan des Mannes freundlich stimmen", erinnert sie sich an die Pläne ihrer Eltern zur Pflege der Nachbarschaft. Nach der Hochzeitszeremonie durfte Muhi noch bei den Eltern wohnen - bis sich die ersten Zeichen der Pubertät einstellten. Mit zehn brachte man sie in das Haus des Mannes. Elf Jahre alt war Muhi Godja, als sie ihr erstes Kind gebar. Mit Schrecken erinnert sie sich daran: "Drei Tage lang hatte ich Wehen, das Kind kam und kam nicht." Wie es dann doch zur Welt kam, weiß sie nicht mehr. Der auch heute noch zierliche Körper war vollkommen erschöpft. Einen großen Teil der Entbindungszeit hatte sie in der traditionellen Geburtsstellung, der Hocke, verbringen müssen. Ihr rechter Arm und das rechte Bein sind seither teilweise gelähmt, das Baby drückte zu lange auf die Nervenstränge. Zu lange verharrten ihre Glieder in der ungewohnten Stellung.Gesetzliche Ehe nicht unter 18Bis dahin kann Muhi Godja als typisch gelten für ein Mädchen in der äthiopischen Provinz Amhara. 62 Prozent aller Töchter sind mit 14 Jahren verheiratet, Fünfzehnjährigen ruft man den Spottnamen "Kemankar" - "Unverheiratete" hinterher. Eine Achtzehnjährige muss das als Schimpfwort verstehen - obwohl in Äthiopien seit einiger Zeit 18 als gesetzliches Mindestalter für eine Eheschließung gilt. Die Folgen der Frühverheiratung sind dramatisch: Die Mädchen müssen die Schule verlassen, kaum dass sie mit dem Lernen begonnen haben. Sie sind permanent und ungeschützt sexueller Gewalt ausgeliefert - anders ist der "Ehevollzug" mit einem zehnjährigen Kind kaum zu bezeichnen. Die meisten Mädchen sind regelmäßigen Hunger gewöhnt. Immer wenn die Vorräte der kargen Landwirtschaft zu Ende gehen werden die Rationen gekürzt - zuerst und am stärksten die der kleinen Mädchen. Dennoch arbeiten sie schwer. So treffen die extrem frühen Schwangerschaften auf schwache Körper - ganz abgesehen davon, dass die Organe, die eine Entbindung aufs Höchste beansprucht, längst nicht ausgereift sind und die Narben der Genitalbeschneidung eine normale Dehnung behindern. Totgeburten sind häufig, die Müttersterblichkeit unter der Geburt ist extrem hoch.Auch Muhi Godja hatte die Entbindung völlig erschöpft. Doch die Schwiegermutter ließ sie nicht ruhen: "Sie wollte, dass ich arbeite, nicht nur für meinen Mann und das Baby. Ich sollte auch ihren Haushalt erledigen. Ich konnte das nicht." Muhi Godja laufen die Tränen über das ausgezehrte Gesicht. "Sie hat mich gequält." Zwei Jahre hat das Mädchen ausgehalten, dann lief sie weg. In Bahir Dar, der nächstgelegenen Stadt, kam sie bei einer Tante unter, verdingte sich als Hausmädchen. Auch hier fand die inzwischen Dreizehnjährige keine Ruhe. Der Nachbar der Tante kam in ihre Hütte und vergewaltigte sie, wieder war sie schwanger. Der Gewalttäter wollte nichts von dem Kind wissen. Und dann schickte ihr Mann auch noch den dreijährigen Sohn. Den wollte er nicht mehr, er hatte sich neu verheiratet. Heute ist Muhi Godja 18 Jahre alt, haust mit Sohn und Tochter in einem Bretterverschlag, aus dem sie täglich vertrieben werden könnte. "Wir wären alle drei längst tot", ist sie sicher, wenn sie nicht dank Unicef, dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen, einen Kleinkredit von umgerechnet 20 Mark erhalten hätte. Seither kauft sie am Stadtrand täglich ein paar Limetten und verkauft sie auf dem Markt um Pfennige teurer. Davon leben die drei. Das reicht nicht, um die Kinder zur Schule zu schicken. Die Mutter hat weder Geld für Schulkleidung noch für Stifte und Hefte. Das, so hofft Muhi Godja, wird sie irgendwann von Unicef bekommen. Und Unicef plant, ihr und etwa einem Dutzend Mädchen in Bahir Dar mit ähnlichem Schicksal, zu helfen - wenn Geld dafür vorhanden sein wird.Angst vor der Jugend // Furcht vor der Pubertät liegt als ein Grund für Frühverheiratungen wie auch Genitalverstümmelungen nahe. Eltern glauben, sie könnten ohne solch drastische Maßnahmen die Kontrolle über die 12- bis 18-jährige Tochter verlieren.Das "Jungfrauensyndrom" veranlasst Eltern z. B. in Asien auch dazu, ihre Töchter frühzeitig von der Schule zu nehmen.Unicef arbeitet deshalb daran, dass Schule für Mädchen sich näher an den jeweiligen Landesbedingungen orientiert. Praxisorientierte Lehrpläne sollen Eltern täglich den Nutzen längerer Bildung klar machen.Beseitigt werden sollen alle Faktoren, die Mädchen von der Schule fernhalten. Auch Mädchenschulen werden für sinnvoll gehalten.BLZ/MARITTA TKALEC Muhi Godja: Mit acht verheiratet, mit elf Mutter, mit 13 allein mit Kind.