Wenn man es boshaft definieren will, ist Modefotografie immer ein Dokument des dressierten Körpers gewesen. Denn dessen unmittelbarer Ausdruck hat sich hier zuletzt immer einer Werbebotschaft unterzuordnen - der von der Verführungskraft des darauf präsentierten Kleidungsstückes natürlich. Modefotografie war primär stets Gebrauchsfotografie; dafür spricht auch die sehr nüchterne Selbsteinschätzung von den Großen der Branche, die sich - wie etwa Helmut Newton - als Handwerker, nicht als Künstler verstanden wissen wollen. Und dennoch lässt sich im Nachhinein sehr viel mehr ablesen als ein längst verwehter Trend: Modefotografie reflektiere "den Lebensstil einer bestimmten Epoche", resümierte die Publizistin Nancy Hall-Duncan - denn sie lege das (Wunsch-)Bild dar, das sich die Menschen in einer bestimmten Epoche von sich selbst gemacht hätten. Walter Benjamin liest in den unter Crêpe de Chine und Seidensatin latent brodelnden Träumen und Wünschen gar "Flaggensignale der kommenden Dinge": Wer die Mode zu deuten weiß, so mutmaßt er, der könne in die Zukunft blicken.Zwei Ausstellungen, die in der letzten Woche in Berlin eröffnet worden sind, befassen sich mit zwei der wohl interessantesten Zeitabschnitte der Modefotografie: In der Kunstbibliothek auf dem Kulturforum werden mit Denise Sarrault, Susanne Erichsen und Elfi Wildfeuer drei "Botschafterinnen der Mode" vorgestellt. Alle drei begannen ihre Karriere nach dem Zweiten Weltkrieg; in einer Zeit, da Berlin die "Modehauptstadt" eines wieder florierenden Wirtschaftszweiges war, da Mannequins den etwas halbseidenen Ruf der "Vorführfräuleins" verloren, eine neue Einkommensmöglichkeit für Frauen einführten und als Leitfiguren, vergleichbar den Filmstars, fungierten. Zwar waren sie allesamt weit entfernt von den unterdessen üblichen Stundenhonoraren der Supermodels, die in 10 000-Dollar-Schritten gemessen werden - doch alle drei konnten sich länger als zwei Jahrzehnte am Markt behaupten; die mondäne, Garbo-haft kühle Französin Denise Sarrault wie die elegante, grazile Susanne Erichsen oder wie Elfi Wildfeuer, die als Idealfrau für die neuartige Bogner-Sportmode erschien. In den Aufnahmen von Hubs Flöter, Regina Relang, Jeanloup Sieff oder F. C. Gundlach - der heute zu den bedeutendsten Modefotografie-Sammlern zählt und zusätzlich eine eigene Ausstellung im Foyer zeigt - verkaufen diese "Botschafterinnen der Mode" den Traum von einer mondänen Welt; die Materialien ihrer (gern auch nerzbesetzten) Kleider sind so luxuriös, wie es sich damals in den Wiederaufbaujahren wohl nur wenige Kundinnen leisten konnten. Die 50er stellten eben auch ein neues Frauenideal zu Disposition: Während des Zweiten Weltkriegs hatten sie sich in Männerberufen zu behaupten und konnten dem Mangel an hochwertigen Stoffen nur mit der erfinderischen Umwidmung von Vorhängen begegnen, ihre Kleidung musste also vor allem praktisch sein. 1947 aber entwarf der Modeschöpfer Christian Dior seinen so genannten "New Look", aus dem in den folgenden Jahren dann das Diktat der Eleganz erwachsen sollte, mit Wespentaillen, weit schwingenden Röcken (stets anhand einer typischen Pose, dem ausgestellten Bein, präsentiert) und hohen, spitzen Absätzen. Darüber konnte Coco Chanel in ihrem Schweizer Exil nur schäumen: Sie allein habe die Frauen mit ihren bequemen Jersey-Kostümen vom Korsett befreit - Dior müsse die Frauen hassen, um sie wieder hinein zu zwingen.Die 50er-Jahre also zwangen den Frauen ein konjunkturbegünstigtes Nachdenken über die konservativen oder neuartigen Aspekte ihrer modischen Erscheinung auf, wie es drei Jahrzehnte zuvor, ebenfalls nach einer kriegsbedingten Krise, auch der Fall gewesen war. Eine stilbildende Protagonistin der 20er-Jahre kann nun anhand der ersten umfassenden Ausstellung im Verborgenen Museum entdeckt werden. Dessen Mitarbeiterinnen Marion Beckers und Elisabeth Moortgat haben zudem eine umfangreiche Publikation erarbeitet, die sich liest wie eine Schnitzeljagd. Denn über das Leben von Yva - 1900 als Else Ernestine Neulaender in Berlin geboren, 1942 vermutlich im Konzentrationslager Majdanek umgebracht - ist wenig mehr bekannt, als dass Helmut Newton einst bei ihr sein Handwerk erlernt hat. Nur ein Bruchteil ihres Werks ist erhalten, manche Platte wurde, so 1992 bei der Auflösung des ORWO-Archivs, aus dem Müllcontainer geborgen. Sie mag am Lette-Verein oder in einem Atelier ausgebildet worden sein - fest steht nur, dass ihr 1938 durch die Nationalsozialisten geschlossenes Atelier mehr als zehn Mitarbeiter beschäftigte und sich zuletzt in der Schlüterstraße 45 (heute "Hotel Bogota") befand. Yva begann mit Aktserien, die das Spiel von Licht und Schatten austarierten, sie experimentierte mit "synoptischen Aufnahmen", welche - beeinflusst vom Kubismus - ein Bild, dem menschlichen Blick folgend, in mehrere Belichtungen aufsplitterten. Bald jedoch wandte sie sich der Gebrauchsfotografie zu und veröffentlichte ihre Mode-Bildgeschichten (etwa "Kätchen Lampe, das Mädchen aus Braunschweig") erfolgreich in Zeitschriften wie der "Dame", dem "UHU" oder der "Berliner Illustrirten". Yvas Aufnahmen zeigen Frauen, die Cocktail trinken, Saxofon spielen und Auto fahren; sie sind zuletzt ein Spiegelbild ihrer Urheberin, der sich in der Fotografie ein neuer weiblicher Erwerbszweig eröffnet hatte. So schwingt in der kühl glänzenden, selbstbewussten Präsentation stets eine rauschhafte Gewissheit mit, dass sich - wenn auch nur kurz - das Fenster zu einem ganzen Leben geöffnet hatte.Botschafterinnen der Mode // Starmannequins der 50er-Jahre in internationaler Modefotografie bis zum 29. Juli in der Kunstbibliothek (Kulturforum, Di-Fr 10-18, Sa/So 11-18 Uhr, Katalog 39 Mark). Im Foyer: "F. C. Gundlach - Die Pose als Körpersprache".Yva - Fotografien 1925-1938 bis zum 22. Juli im Verborgenen Museum (Schlüterstr. 70, Mi-Fr 15-19, Sa/So 12-16). Katalog 44 Mark.KATALOG Links Susanne Erichsen im kastanienfarbenen Tuch mit Nerzbesatz (1954/55, Fotografie: F. C. Gundlach), rechts eine Aufnahme Yvas von 1927 namens "Die Tänzerin Jenny Steiner trägt ein wattiertes Jäckchen".