Zwei Bände des polnischen Dichters Zbigniew Herbert, der die Steine bewunderte: Der rührendste Ort ist der Bauchnabel

Nüchtern - diese bei einem Dichter überraschende und einem Slawen selten unterstellte Eigenschaft ist es, die man vor allen anderen nennen muss, wenn man von dem vor zwei Jahren verstorbenen polnischen Lyriker Zbigniew Herbert spricht. Nüchtern, insofern er weiß, dass das Wort nichts bewirkt, keinen Krieg aufhält, keinen Toten zurückholt, keine verwendbaren Gegenstände herstellt. Sich als Gewissen der Nation aufzuspielen, war Herbert zu viel und zu wenig. 1924 geboren und durch den Krieg geprägt, sah er sich als Chronist nicht nur des letzten, sondern auch früherer Kriege, als Gesprächspartner der Toten, als jemand, der die verehrten Gemälde alter Meister beschreibt und die nützlichen kleinen Dinge des Alltags lobt. Da ihm die Gewissheit des Weltverbesserers fehlte, schickte er sein polnisches Wort auf Reisen. Beflügelt zieht es in ferne Zeiten und fremde Räume, zu Engeln und Toten, mal in heiligem Ernst, mal in heiterer Ironie, immer urteilend, aber nie revoltierend. Denn was Herberts Gedichte auszeichnet, ist eine tiefe Skepsis, die sich zuallererst gegen das lyrische Ich selbst richtet. Es kann sich durchaus eine Welt vorstellen, in der es nicht vorhanden ist. Sie wäre nicht besser und nicht schlechter, sie wäre nicht einmal anders. Diese Haltung verleiht Herberts Gedichten eine Wucht, die ihre Trauer beschwert und ihre Heiterkeit beschwingt.Im Frühjahr brachte der Suhrkamp Verlag unter dem Titel "Herrn Cogitos Vermächtnis" eine noch von Herbert selbst zusammengestellte repräsentative Auswahl von Gedichten heraus, die zu verschiedenen Zeiten entstanden sind. Im Herbst folgte mit "Gewitter Epilog" ein Band mit den im Bewusstsein des nahenden Todes geschriebenen letzten Gedichten des Autors. Dieser Gedichtband ist intimer und existenzieller, aber einen Bruch zu Herberts früheren Gedichten bedeutet er nicht. Auch wo es um den eigenen Tod geht, verbietet sich der Autor eine nur subjektive Sichtweise, schlüpft gelassen in die probate Rolle seines distanzierten "Herrn Cogito" und zwingt den Unwilligen lächelnd, einen Blick über den Tellerrand seiner individuellen Existenz zu werfen: "Herr Cogito gelangt zu der einsicht / dass all das so weitergehen wird / wie vor den ferien / sicherlich schlechter / als zu lebzeiten / des Herrn Cogito / aber immerhin geht es weiter." Der unerschüttert weiter existierenden Welt stellt Herbert die wie ein Vogel auf der Schulter des Herrn Cogito sitzende abflugbereite Seele gegenüber. Und die Gedanken an das Ende wenden sich in einer Kehrtwendung dem Bauchnabel als "rührendstem Ort" zu, als "Stickerei des Körpers" und als "Zopfende". In dem umfangreicheren Auswahlband "Herrn Cogitos Vermächtnis", der 89 Gedichte aus verschiedenen Zeiten enthält, finden sich die großen Gedichte mit den Ausflügen in die alten Mythen und die Kriege der Weltgeschichte, angefangen von der Antike bis zum 1980 begonnenen Afghanistan-Krieg. Angesichts der kriegerischen Leidenschaften der Massen und ihrer Herrscher fordert Herbert die stoische Leidenschaftslosigkeit des Einzelnen. Eins seiner Lieblingsbilder ist der "sich selber gleiche, auf seine Grenzen bedachte" Stein. Wie antwortet doch der griechische Vasenmaler bei Herbert auf die Frage des mordenden König Midas, "weshalb er das Leben der Schatten verewige?". "Weil der Hals eines galoppierenden Pferdes / schön ist / und weil die Kleider der Mädchen die Ball spielen / wie lebendige Bäche sind und unwiederholbar." Anders als Brecht, für den "ein Gespräch über Bäume in finsteren Zeiten fast ein Verbrechen ist", leitet Herbert gerade aus der Verpflichtung gegenüber den Toten die Aufgabe ab, das Leben in seinen vielfältigen Formen zu preisen, "die Farbe des Himmels am Morgen festzuhalten" und "unnütze Verse von Blumen" zu schreiben. Und so heißt es denn bei ihm im Andenken an seinen "im zweiten Kriegsjahr von den Strolchen für Geschichte erschlagenen" Biologielehrer: "wenn ich auf dem waldpfad / einem käfer begegne / der über den sandhügel kriecht / trete ich näher / scharre mit den füßen / und sage: guten tag herr professor / erlauben Sie dass ich Ihnen helfe // ich hebe ihn vorsichtig hinüber / und sehe ihm lange nach / bis er verschwindet / im dunklen lehrerzimmer / am ende des laubkorridors."Zbigniew Herbert:Gewitter Epilog. Gedichte. Aus dem Polnischen von Henryk Bereska, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, 90 S., 32 Mark.Herrn Cogitos Vermächtnis. Aus dem Polnischen von Karl Dedecius, O. J. Tauschinski, Klaus Staemmler, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2000, 186 S., 38 Mark.