Politiker streiten derzeit in Washington darüber, wie sie auf den Klimawandel reagieren sollen. Dabei geht es vor allem darum, wie sich Emissionen des Treibhausgases Kohlendioxid (CO2) vermeiden lassen. Weil konventionelle Strategien an politischen Widerständen zu scheitern drohen, haben jetzt zwei britische Forscher eine gewagte Methode vorgeschlagen, um das CO2 wieder aus der Atmosphäre zu entfernen: Der Chemiker James Lovelock von der University of Oxford und der Astrophysiker Christopher Rapley, Direktor des Londoner Science Museum (siehe Kasten), wollen das Klima retten, indem sie die Ozeane dazu anregen, mehr CO2 aufzunehmen. Ihr Konzept erläutern sie im Fachmagazin Nature.Lovelock und Rapley planen, zehn Meter dicke Röhren im Ozean zu installieren, die von Schwimmkörpern an der Oberfläche gehalten werden und hundert bis zweihundert Meter senkrecht in die Tiefe reichen. Am oberen Ende jeder Röhre pumpt ein Klappventil, das von der Wellenenergie des Meeres angetrieben wird, das Wasser heraus. Auf diese Weise soll nährstoffreiches Wasser aus der Tiefe an die Oberfläche gepumpt werden. Tiefere Wasserschichten enthalten nämlich Phosphate, Nitrate und Silikate - alles Substanzen, die an der Oberfläche fehlen. Das nach oben gepumpte Wasser löst dort wie ein Dünger eine Algenblüte aus, hoffen die Forscher. Algen verbrauchen beim Wachsen das Kohlendioxid der Luft. Wenn sie absterben, sinkt auch der von ihnen aufgenommene Kohlenstoff mit in die Tiefe. Auf diese Weise könnten der Atmosphäre schon bald große Mengen CO2 entzogen werden, schreiben Lovelock und Rapley.Das Verfahren klingt bizarr, aber es wäre leicht zu verwirklichen. Andere Wissenschaftler bezweifeln allerdings, dass die Methode tatsächlich funktionieren würde. Zu ihnen gehört der Meeresbiologe Ulf Riebesell vom Kieler Leibniz-Institut für Meeresforschung IFM-Geomar. Zwar räumt er ein, dass die tieferen Wasserschichten jene Nährstoffe enthielten, die an der Oberfläche zu einer Algenblüte führen könnten. "Aber in dem Wasser, das nach oben gepumpt wird, befindet sich auch gelöstes Kohlendioxid", erläutert er. Gelangt das Wasser an die Oberfläche, dann entweicht das Klimagas in die Luft. Nach Ansicht Riebesells würde die Methode von Lovelock und Rapley allerdings den natürlichen Kohlenstoff-Kreislauf nicht durchbrechen, sondern ihn nur beschleunigen: Die absterbenden Algen bringen den Kohlenstoff in die Tiefe, dort werden die Organismen zersetzt, das entstehende CO2 löst sich, wird nach oben gepumpt und so weiter. "Das ist ein Nullsummenspiel", sagt der Biologe.Von der Algenblüte versprechen sich Lovelock und Rapley aber noch einen weiteren klimaschonenden Effekt: Viele Algen setzen bei ihrem Stoffwechsel eine Substanz namens Dimethylsulfid (DMS) frei. Daraus entstehen Partikel, an denen in der Atmosphäre Wasserdampf kondensieren kann, sodass sich Wolken bilden. Diese würden das Sonnenlicht ins All zurückwerfen und durch ihren Schatten das Wasser der Ozeane kühlen. Doch auch dieses Konzept beurteilt Riebesell skeptisch: "Wenn man Tiefenwasser nach oben holt, dann wächst vor allem eine bestimmte Art Algen, die fast kein DMS produziert - nämlich die Kieselalge", sagt er. Demnach würde auch der zweite Effekt der Röhrenpumpe weitgehend verpuffen.Schon vor drei Jahren hatte Lovelock einen umstrittenen Vorschlag zum Klimaschutz gemacht: Er regte an, die Kernenergie massiv auszubauen, um so den Kohlendioxid-Ausstoß zu verringern. Und Rapley machte erst im Juni dieses Jahres mit der Idee von sich reden, zur Schonung des Klimas das globale Bevölkerungswachstum mithilfe strikter Familienplanung einzudämmen. Beide Vorschläge wurden von Fachleuten heftig kritisiert. Eine ähnliche Abfuhr hatte sich im vergangenen Jahr der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen geholt, als er darüber spekulierte, ob sich die Atmosphäre mit Schwefelsäure-Partikeln kühlen lässt. Es wäre also nicht überraschend, wenn sich auch der neue Vorschlag von Lovelock und Rapley nicht durchsetzte.Nature, Bd. 449, S. 403------------------------------Seriöse Forscher, umstrittene IdeenJames Lovelock wurde 1919 geboren. Der englische Chemiker, Mediziner und Biophysiker wurde mit seiner Gaia-Hypothese berühmt: Mitte der Sechzigerjahre entwickelte Lovelock die Idee, dass die Erde (auf griechisch: Gaia) ein riesiger Organismus sei, der durch Rückkopplungen selbst für den Fortbestand des Lebens sorgt. Diese Hypothese ist unter Wissenschaftlern nach wie vor sehr populär, auch wenn sie bisher nicht bewiesen werden konnte. Zurzeit ist Lovelock Gastforscher ehrenhalber an der britischen University of Oxford.Christopher Rapley wurde 1947 geboren. Der Astrophysiker ist derzeit Direktor des Science Museum in London. Davor wirkte er in den USA an mehreren Nasa-Missionen mit und leitete später den British Antarctic Survey - den Antarktisforschungsdienst Großbritanniens. (st.)