BERLIN. Sara ist in Ghassan verliebt. Vielleicht ist es aber auch nur eine Schwärmerei, wie sie bei Teenagern oft vorkommt. Denn Sara war erst 16, als sie ihn kennenlernte. Sie ist eine hübsche junge Frau mit dunklen Augen, die sie mit viel Tusche schwarz umrandet. Sie mag schicke Kleidung. Ihre Haare sind unter einem elegant geschlungenen weißen Kopftuch verborgen. Zu weißen Jeans trägt sie eine passende weiße Tasche.Sara wollte Zahnarzthelferin werden. Ihren Ausbildungsplatz hat sie im vergangenen Jahr verloren. Es gab zu viele Fehlstunden. Für Ghassan lief sie von zu Hause weg, bekam Hausarrest, durfte die Wohnung der Eltern nicht mehr verlassen und nicht mehr allein zu Hause bleiben. Saras Eltern sind Palästinenser, sie kamen 1978 aus dem Libanon nach Berlin. Sie wohnen in einer Fünf-Zimmer-Wohnung in Wedding. Sara hat noch eine jüngere Schwester, sie ist 12, und vier ältere Brüder. Alle sind in Berlin geboren und zur Schule gegangen.Zwei ihrer Brüder, 17 und 23 Jahre alt, stehen seit Juni wegen versuchten Mordes vor dem Berliner Landgericht. Sie sollen versucht haben, Saras Freund mit einem Küchenmesser zu töten. So hatten es Sara und Ghassan bei ihren Vernehmungen kurz nach der Tat berichtet. "Die Angeschuldigten verfolgten mit der geplanten Tötung die Absicht, die nach ihren Vorstellungen durch die Beziehung zwischen Ghassan und Sara gefährdete Ehre der Familie M. wieder herzustellen", heißt es in der Anklageschrift. "Du wirst heute sterben, du hast es verdient, das ist Ehre, kein Spaß", sollen die Brüder gerufen haben, bevor sie auf Ghassan losgingen.Inzwischen sprechen Sara und Ghassan nicht mehr von Messerstichen, die töten sollten. Saras Familie hat auf ihre Weise den Fall geregelt. Ganz unter sich und lange bevor ein deutsches Gericht ein Urteil sprechen konnte. Der Prozess soll heute zu Ende gehen.Heimliche TelefonateAlles begann mit einem Konflikt, wie er in jeder deutschen Familie auch vorkommen kann. Der Freund der Tochter gefiel den Eltern nicht, und das hatte vermutlich nicht nur religiöse Gründe. Der 19-jährige Ghassan, der aus dem Libanon stammt, ist ebenfalls Muslim, wenn auch nicht so streng gläubig wie Saras Eltern. Aber er ist wegen Waffenbesitzes vorbestraft, und im Zusammenhang mit dem Besitz von Drogen laufen zwei Ermittlungsverfahren gegen ihn. Eine Ausbildung hat er nicht. Er spricht schlecht Deutsch, vor Gericht saß eine Dolmetscherin neben ihm, falls er mal etwas nicht versteht. Einmal duzte er sogar die Richterin. "Es hat mich Angst gemacht, weißt du", antwortete er auf eine ihrer Fragen. Die Richterin nahm das Du erstaunlich gelassen. "Das macht mir nichts, ich bin einiges gewöhnt."Sara selbst spricht fließend Deutsch. Ihre Brüder auch. Aber viel erfährt man über die Angeklagten nicht. Sie haben einen Hauptschulabschluss, sie haben keinen Job. Der jüngere Bruder will Koch werden. In der Verhandlung sitzen sie still da und sagen kein Wort. Selbst mit den psychiatrischen Gutachtern haben sie nicht gesprochen, ganz so, als ob nichts aus ihrer Familie nach außen dringen darf. Saras Eltern hätten sich sehr um die Entwicklung ihrer Söhne bemüht und deshalb auch freiwillig Unterstützung des Jugendamtes in Anspruch genommen, sagte die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe, die wegen des 17-Jährigen Bruders bei dem Prozess dabei ist. Saras Mutter und die anderen Brüder sitzen an jedem Verhandlungstag im Zuschauerraum. Die Mutter ist Hausfrau, der Vater sehr krank. Er ist seit seiner Geburt blind und leidet zudem an schwerer Diabetes. Er hat viele Jahre in einer Blindenwerkstatt gearbeitet. Die Kinder würden sich viel um den Vater kümmern, das sagte die Jugendgerichtshelferin auch.Im Frühjahr vergangenen Jahres hatte sich Sara in Ghassan verliebt. Als ihre Brüder davon erfuhren, lief sie mit Hilfe einer Cousine von zu Hause weg. Die 16-Jährige durfte keinen Freund haben. Sie sollte einen Mann aus der Moschee heiraten. Wen genau, das stand noch nicht fest, aber Vorschläge von den Eltern gab es bereits. Sara wollte keinen aus der Moschee.Als sie weggelaufen war, holte sie ein Freund der Familie zurück. Sie bekam Hausarrest. Und besorgte sich ein Handy, um heimlich mit Ghassan telefonieren zu können. In der Nacht zum 11. November 2010 fand ihr 23-jähriger Bruder Mohamad M. das Mobiltelefon. Sara hat bei späteren Vernehmungen erzählt, dass sie mehr Angst vor ihren Brüdern als vor ihren Eltern hatte. Ihr Bruder Mohamad galt zu Hause als Familienoberhaupt. Er soll über sie gewacht haben, weil er den kranken Vater für zu schwach dafür hielt. Laut Anklage hat Mohamad M. seiner Schwester wegen des Handys Fausthiebe und Fußtritte gegen Schulter und Bauch versetzt und sie an den Haaren gezogen. Unter Drohungen soll der Bruder sie gezwungen haben, Ghassan anzurufen und abends zu einem Treffen am Weddinger Gesundbrunnen-Center zu bestellen, weil er ihn dort töten wolle. Ebenfalls in Todesangst soll Sara gehorcht haben. So hatte sie es zunächst der Polizei geschildert.Den Ermittlungen zufolge fuhr Mohamad M. mit der Schwester im Auto dorthin. Saras Mutter, die Großmutter und der jüngere Bruder folgten in einem zweiten Wagen. Was ging der Mutter dabei durch den Kopf? Konnte oder wollte sie Mohamad M. nicht aufhalten? Sara, die Schlampe, sei schuld am Unglück ihrer Brüder, soll die Mutter der Tochter später vorgeworfen haben. Auf jeden Fall hat Saras kranker Vater von zu Hause aus versucht, das Unheil aufzuhalten. In der Nacht rief er jenen Freund an, der schon einmal half und drängte ihn, ebenfalls zum Gesundbrunnen-Center zu fahren. Der Freund ist ein 40-jähriger Kraftfahrer, der die Familie M. seit drei Jahren kennt. Vor Gericht wirkte er sehr besonnen, wählte seine Worte mit Bedacht und sagte nicht mehr als nötig war. Der Vater habe am Telefon von "einem großen Problem gesprochen, das nicht ausufern darf", das war zum Beispiel so ein Satz, den er dann nicht näher erklärte.Am Center traf der Kraftfahrer auf die Brüder und Ghassan, der bereits am Boden lag. Er redete auf sie ein. Im Auto saßen Sara, ihre Mutter und ihre Großmutter und beobachteten alles. Vielleicht konnte der Freund des Vaters tatsächlich Schlimmes verhindern. In der Anklage heißt es, dass nur durch sein Hinzutreten die Brüder daran gehindert wurden, Ghassan zu töten. Vielleicht haben sie aber auch von sich aus aufgehört, auf Ghassan einzustechen. Er konnte jedenfalls wegrennen und trug nur ein paar Kratzer und Blutergüsse davon.Mutter, Großmutter, Sara und der jüngere Bruder sind danach wieder nach Hause gefahren, angeblich nahmen sie das Messer mit, um Spuren zu beseitigen. Eine Passantin hatte die Polizei alarmiert, die Mohamad M. noch am Tatort festnahm. Der jüngere Bruder stellte sich einen Tag später.Noch in der selben Nacht war die Polizei dann in der Wohnung der Eltern erschienen, um dort mit Sara zu sprechen. "Holen Sie mich hier raus", habe sie ein "total verängstigtes, zitterndes Mädchen" angefleht, sagte eine Beamtin. Sara kam in ein Frauenhaus. Bei ihren Vernehmungen erklärte sie, dass Mohamad M. ebenfalls vor einer arrangierten Ehe stehe, sich gefügt habe und deshalb das Gleiche von ihr erwarte. Und sie erzählte damals von Schlägen zu Hause, von Mohamads Todesdrohungen und ihrer Angst um sich und den Freund. Auch Ghassan beschuldigte die Brüder zunächst schwer. Auf die Aussagen der beiden hatte sich die Anklage gestützt."Ich hatte Hass"Wenige Wochen später war alles anders. Im Dezember vergangenen Jahres rief Ghassan plötzlich bei der Polizei an, weil er seine Anzeige gegen die Brüder zurücknehmen wollte. Er hat den Beamten erzählt, dass Saras Familie keinen Streit mehr wolle, und dass sie einen Vermittler beauftragt habe, um den Konflikt zu lösen. Man habe sich geeinigt und eine Art Vertrag gemacht, sagte Ghassan der Polizei. Er erzählte auch, dass ihm Saras Familie 1800 Euro versprochen habe. Angeblich für die Kratzer.Das Geld bekam Ghassan kurz vor Beginn des Prozesses. Und als Zeuge sagte er während der Verhandlung auf einmal ganz anders aus als früher. Es gab keine Vorwürfe, keine Anschuldigungen mehr. "Ich hatte viel gelogen bei der Polizei. Ich wollte, dass alle in den Knast kommen, ich hatte Hass", erklärte Ghassan ausweichend. Niemand hätte auf ihn eingestochen, hieß es plötzlich. Seine Verletzungen hätte er sich bei einem anderen Streit zugezogen und sich zudem an einer Tischkante gestoßen. Niemand habe gesagt, "du wirst heute sterben, du hast es verdient, das ist Ehre, kein Spaß."Auch Sara beschuldigte ihre Brüder nicht mehr. Sie sagte als Schwester vor Gericht nicht aus, sie hat die ganze Zeit nur geweint.Für das heutige Urteil wird es nicht entscheidend sein, dass Sara schwieg und Ghassan etwas anderes als früher erzählte. Im Zweifel müssen die Richter davon ausgehen, dass die Brüder einen eventuellen Mordplan von sich aus nicht zu Ende führten. Dann müssen die beiden Angeklagten nicht mehr mit einer Verurteilung wegen versuchten Mordes, sondern allenfalls mit einem Urteil wegen Körperverletzung rechnen. Die Haftbefehle gegen sie wurden in der vergangenen Woche bereits aufgehoben.Sara hat noch keinen neuen Ausbildungsplatz, sie ist inzwischen mit Ghassan verheiratet. Die Ehe wurde nach islamischem Recht geschlossen, die Eltern waren auf einmal einverstanden. Das Paar richtet sich gerade eine Wohnung ein. Ob die inzwischen 17-Jährige das wirklich wollte, weiß man nicht. Man hätte ihr mehr Zeit für so eine Entscheidung gewünscht.------------------------------Foto: Gut abgeschirmt: Der 23-jährige Mohamad M. schützt sich im Gerichtssaal vor den Fotografen.Foto: Am Gesundbrunnen-Center kam es zur Messerstecherei.