Wolfgang Thierse kann nicht verbergen, dass er bewegt ist. "Wes das Herz voll ist, dem geht der Mund über", zitiert der Bundestagspräsident einen Spruch aus der Bibel. Er steht am Rednerpult der Aula Leopoldina. Der Festsaal der Breslauer Universität ist von barocker Pracht, verschwenderisch ausgestattet mit Fresken, Stuck und Goldverzierungen. Er sei glücklich, an diesem wunderschönen Ort sprechen zu dürfen, sagt Thierse zu den versammelten Honoratioren. Mit Erzählungen über die Universität sei er groß geworden. Denn hier, in dieser Aula, habe sein Vater seine Examensurkunde erhalten und sein Großvater den Nachweis über seine Promotion. Für ihn, sagt Thierse, verbinde sich mit der Leopoldina auch ein Stück Familiengeschichte.Tags darauf erwartet Thierse eine freudige Überraschung. Im Musiksaal der Universität, dem Oratorium Marianum, überreicht Rektor Zdzislaw Latajka seinem Gast einen Stapel Dokumente. Kopien von Studienunterlagen seines Großvaters. Paul Thierse, immatrikuliert am 24. Oktober 1900, steht da in kunstvoller Handschrift. Der Enkel, sichtlich gerührt, liest vor. "Das Zeitalter Napoleons I. und der Befreiungskrieg, Professor Dr. Schulte. Die altgermanischen Dialekte, gotisch, altnordisch, angelsächsisch." Seite um Seite, eng beschrieben mit Aufzeichnungen über Vorlesungen und Dozenten. "Er war fleißig, mein Großvater", sagt Wolfgang Thierse. Oberschulrat ist der Vorfahr später geworden. War Mitglied der katholischen Zentrumpartei.1933 haben ihn die Nazis aus dem Amt gejagt.1943 ist Wolfgang Thierse zur Welt gekommen, vier Jahre später als ich selbst. Breslau, die schlesische Metropole, die nun Wroclaw heißt, ist unsere gemeinsame Geburtsstadt. Jetzt, sechzig Jahre nach Kriegsende, gehen wir durch die Altstadt, er, der Politiker, und ich, der Journalist. Zwei Breslauer auf Spurensuche. Die Sonne lässt die Fassaden der wieder aufgebauten und restaurierten Bürgerhäuser rund um das gotische Rathaus glänzen. Über die Dächer ragen die Türme der Kirchen Sankt Elisabeth und Maria Magdalena. Kellner decken Tische im Freien ein. Auf den Bänken am Ring, wie man den Marktplatz nennt, genießen Einheimische und Fremde die ersten Frühlingstage. Am Salzmarkt reiht sich Blumenstand an Blumenstand. Was wir sehen und spüren, ist Aufbruch und Lebenslust. Eine Stimmung, die sich auf uns überträgt. "Ist das nicht schön?", sagt Wolfgang Thierse.Unser gemeinsamer Aufenthalt in Breslau soll mehr sein als ein gewöhnlicher Touristenbesuch. Wir wollen auch reden über kindliche Erinnerungen und die Lebensumstände unserer Familien, über Flucht und Vertreibung und die Auflösung verklärter Heimatbilder. Wir wollen uns darüber austauschen, wie wir mit unseren unterschiedlichen Werdegängen im geteilten Deutschland das polnische Breslau wahrgenommen haben und wie wir es gegenwärtig erleben. Und wir möchten wissen, wie die heutigen Bewohner mit der mehr als achthundertjährigen Stadtgeschichte umgehen.Vor der Kirche zum Heiligen Kreuz auf der Dominsel, einem Viertel, das seit jeher das katholische Zentrum von Breslau war, bleibt Wolfgang Thierse stehen. In diesem aus dem 14. Jahrhundert stammenden Gotteshaus, nicht weit von seiner elterlichen Wohnung in der Hedwigstraße gelegen, ist er getauft worden. Die Tür ist verschlossen. "Das wundert mich, bei einer katholischen Kirche", sagt Thierse. Bei der Tauffeier habe seine Tante, eine Opernsängerin, ein Lied gesungen, weiß er. "Ein poetisches Marienlied." Die ersten beiden Zeilen kann er auswendig. So oft hat man sie ihm vorgetragen. "Geleite durch die Welle, das Schifflein hold und mild, zur heiligen Kapelle mit deinem Gnadenbild."Persönliche Erinnerungen an Breslau habe er kaum, sagt Thierse. Was er über die Zeit vor 1945 wisse, stamme zumeist aus Erzählungen von seinen Eltern, Großeltern und Verwandten. Dennoch ist ihm die Stadt von Kindesbeinen an vertraut. Er kannte die Straßen, Plätze und Kirchen mit Namen, lange bevor er sie als Erwachsener wieder besuchen konnte. "Liebende Erinnerung" nennt Thierse das, was in der Familie vermittelt wurde. "Ohne jedes Gefühl von Revanche oder Rache." Nie habe er von seinen Eltern einen Vorwurf gegen Polen gehört, sagt er. Nie hätten sie ihre eigenen Leiden in der Nachkriegszeit öffentlich beklagt, weil sie nicht wollten, dass man in ihrem Namen die Verbrechen der Nazis relativiert. Aber Trauer habe er schon gespürt und später auch geteilt. Trauer über die Zerstörung der Stadt und den Verlust der Heimat.Bei unserem Gang durch die Stadt biegen wir kurz vor dem Opernhaus in eine Straße, die zum früheren Schlossplatz führt. Als wir am Hotel Monopol vorbeikommen, verlangsamt Thierse seinen Schritt. Hierher sei man früher zum Tanztee gegangen, sagt er. "Meine Eltern waren bestimmt hier", sagt Thierse. "Meine auch", sage ich. Das in der Kaiserzeit erbaute Etablissement, einstmals das erste Haus am Platz, hat mit seiner altmodischen Gediegenheit noch etwas vom Flair früherer Zeiten. Wir gehen durch das Haus, versuchen uns vorzustellen, wie sich die Generation unserer Eltern bei Foxtrott oder Walzer vergnügt hat. Aber unsere Fantasie reicht nicht aus, ihr damaliges Lebensgefühl nachzuempfinden. Als unsere Väter und Mütter, die heute nicht mehr leben, jung waren und verliebt.Wolfgang Thierses Vater, der wie der Großvater Paul mit Vornamen hieß, war Rechtsanwalt. Sein Büro war in der Kanzlei seines Onkels, in einem schönen Haus mit Barockportal gegenüber dem Rathaus. 1940, nach Ausbruch des Krieges, wurde er als Soldat eingezogen. Zuerst nahm er am Frankreich-Feldzug teil, dann kämpfte er bis 1945 an der Ostfront. Bei meinem Vater, von Beruf Arzt, waren es dieselben Einsätze. Erst Frankreich, dann Russland. Als Stabsarzt begleitete er die Verwundeten auf dem Weg in die heimatlichen Lazarette. 1944 war er zum letzten Mal zu einem kurzen Urlaub zu Hause. Dann wurde er mit der Kurland-Armee eingeschlossen und kam nach der Kapitulation in sowjetische Gefangenschaft. Erst 1949 hat man ihn entlassen.Bis zum Herbst 1944 galt Schlesien als "Reichsluftschutzkeller." Die alliierten Geschwader luden ihre Bomben früher ab. Für die Breslauer war der Krieg weit entfernt. Das änderte sich Anfang 1945. Die deutsche Front an der Weichsel brach zusammen und die Rote Armee rückte auf Schlesien vor. Wie viele andere verließ Mutter Thierse mit ihren beiden Söhnen, der Schwester und ihren Eltern die Stadt und flüchtete ins Riesengebirge. "Viel konnten wir nicht mitnehmen", sagt Wolfgang Thierse. "Nur das, was man so brauchte."Monatelang irrte die Familie herum. Nach Böhmen und wieder zurück. Dann noch einmal nach Breslau. "Aber da waren schon Polen in unserer Wohnung und wir mussten endgültig weg." Aber wohin? Immer weiter Richtung Westen. Eine Odyssee. Von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt. "Dann sind wir auf der Suche nach Verwandten nach Thüringen geraten." In Weimar lebte eine Tante. Irgendwann hat auch der Vater, dem ein Gefangenenschicksal erspart blieb, davon erfahren. "So hat er seine Familie wiedergefunden."Zum Glück habe er von der rastlosen Suche nach einer Bleibe nichts mitbekommen, sagt Thierse. "Ich habe die Zeit im Kinderwagen verbracht, Daumen lutschend durch die Wirren der Kriegs- und Nachkriegszeit." Das war bei mir anders. Von den drei Söhnen meiner Eltern war ich der älteste. Ein Kind mit eigenen Erinnerungen. An unsere Wohnung in der Matthiasstraße, an Besuche bei meinen Großeltern im Vorort Wilhelmsruh, an Spaziergänge am Waschteich und im Scheitniger Park. Bilder aus einer behüteten Kindheit, angereichert und verklärt durch Erzählungen der Eltern.Aber da sind auch noch die anderen Bilder. Erlebnisse, die sich mit Angst und Schrecken verbinden. Im Januar 1945, kurz bevor die Stadt zur Festung erklärt wurde, sind wir zu Freunden meiner Großmutter ins Riesengebirge geflüchtet. Und als die Russen näher kamen, nach Böhmen. Erst von Sudetendeutschen freundlich aufgenommen, dann, nach Kriegsende, der Vergeltung von zuvor unterdrückten Tschechen ausgesetzt. Szenen gehen mir durch den Kopf. Von jungen deutschen Soldaten, die ihre Gewehre auf Randsteinen der Straßen zerschlagen. Von den ersten Rotarmisten, die uns unbehelligt lassen und Deutsche vor der nachrückenden Etappe warnen. Von qualvollen Nächten, in denen sich meine Mutter vor siegestrunkenen Soldaten versteckte. Das hat Spuren hinterlassen. Wenn ich harte Stiefeltritte hörte, habe ich mich noch lange reflexartig unter einem Bett versteckt.Suschte nich als heem, heißt eine schlesische Redensart. Nichts wie heim. So dachte auch meine Mutter. Woher sollte sie auch wissen, dass Schlesien zu Polen kommen sollte? Während andere Menschen Richtung Westen strebten, machten wir uns über Görlitz zu Fuß auf den Heimweg. Bis Breslau schafften wir es nicht. In Liebenthal, einer niederschlesischen Kleinstadt, fanden wir Unterschlupf. Ein reichliches Jahr blieben wir da. Eine Zeit, geprägt von Not und Rechtlosigkeit. Im Sommer 1946 wurden wir zwangsweise ausgesiedelt. Hätte der Güterzug, in den wir gepfercht wurden, in Halle oder Magdeburg geendet, wäre ich später DDR-Bürger geworden. Wir aber fuhren weiter, bis zu einem Aufnahmelager in Niedersachsen. Von da aus wurden die Vertriebenen auf Dörfer in der britischen Zone verteilt. So kam es, dass ich im westfälischen Sauerland und später im Siegerland aufwuchs.Auf der Fahrt nach Breslau haben wir uns erzählt, wie es mit uns weitergegangen ist nach Flucht und Vertreibung. "In Weimar konnten wir nicht bleiben", sagt Thierse. "Weil wir dort keine Lebensmittelkarten bekommen haben. Wir wären da verhungert." Die Familie wurde nach Eisfeld in Südthüringen geschickt. Eine vom Krieg weitgehend verschonte Gegend, wo noch nicht so viele Flüchtlinge waren. Mit offenen Armen wurden die Fremden nicht empfangen. Die Katholiken aus Schlesien, die in eine rein protestantische Gegend kamen. Bei Thierse wurde hochdeutsch gesprochen. Die Einheimischen redeten fränkisch. Schon damals habe er erfahren, was es heißt, Minderheit zu sein, sagt Thierse.In der Eingangshalle des alten Rathauses sind Büsten berühmter Breslauer aufgestellt. Modelliert aus schlesischem Marmor, die auf Sandsteinsockeln stehen. Und gestiftet von ehemaligen und jetzigen Bewohnern der Stadt. Neben prominenten polnischen Bürgern haben hier auch die Köpfe deutscher Breslauer ihren Platz. Von der Heiligen Hedwig über Karl von Holtei, Adolph von Menzel und Gerhard Hauptmann bis zu Max Born und Edith Stein. Als Wolfgang Thierse die Büste von Ferdinand Lassalle sieht, streicht der SPD-Politiker dem Mitbegründer der deutschen Sozialdemokratie über den Kopf. "Hier sollen Persönlichkeiten geehrt werden", lese ich in einer Erklärung, "die sich für die Stadt verdient gemacht haben."In den Sechzigerjahren, als der damalige Student Thierse erstmals nach dem Krieg wieder in seiner Geburtsstadt war, wäre eine Würdigung von deutschen Schlesiern und ihren Kulturleistungen undenkbar gewesen. In dieser Zeit, unter kommunistischer Herrschaft, wurde jede öffentliche Erinnerung an die Vorkriegsvergangenheit getilgt. Friedhöfe waren eingeebnet worden, deutsche Inschriften an Häusern und Kirchen entfernt. Funktionäre sprachen von "wiedergewonnenen Gebieten" und erfanden eine durchgängige polnische Stadtgeschichte. "Alles, was zuvor deutsch war", sagt Thierse, "wurde verdrängt, überschrieben, unsichtbar gemacht. Und das tat weh."Am 22. Oktober 1973, an seinem 30. Geburtstag, war Wolfgang Thierse in Breslau. Nicht privat, sondern dienstlich. Er arbeitete an einem Dokumentarfilm der Defa mit. Titel: Physiker in Wroclaw. "Ich habe mich nicht getraut, meinen polnischen Gesprächspartnern zu sagen, dass ich hier geboren bin", erzählt Thierse. So gespannt sei damals das politische Verhältnis gewesen. Er sei durch die Stadt gelaufen, habe restaurierte Altstadthäuser und Neubauten gesehen "und viele junge, hübsche Frauen". Da ging ihm der Gedanke durch den Kopf: "Was sind wir Deutschen doch für ein entsetzliches Volk, dass wir durch einen verbrecherischen Krieg eine so schöne Heimat wie diese Stadt Breslau endgültig verlieren." Zugleich aber schmerzte ihn zu sehen, wie sehr die deutsche Vergangenheit Breslaus tabuisiert wurde. Eine Vergangenheit, "die auch ein untilgbarer Teil meiner Familiengeschichte war und für immer bleiben wird."In den Fünfzigerjahren haben mich meine Eltern manchmal zum Schlesiertreffen mitgenommen. Die Leute saßen in Messehallen an langen Tischen, auf denen Schilder mit Ortsnamen standen. Dort trafen sich die Leute, die aus dieser oder jener Stadt stammten. Meistens langweilte ich mich. Gespräche über die verlorene Heimat hatte ich genügend zu Hause gehört. Höhepunkt des Treffens war eine politische Kundgebung. Funktionäre und Politiker hielten Reden, und was sie sagten, stieß mich wegen der aggressiven Sprache eher ab. Auf einem Transparent stand: "Schlesien bleibt unser." Vielleicht im Herzen, dachte ich. Alles andere sei ja wohl Illusion.Immerhin, in der alten Bundesrepublik konnten die Vertriebenen öffentlich sagen, was sie dachten. In den Medien fanden sie Gehör. Die Landsmannschaften wurden vom Staat finanziell unterstützt und von Politikern hofiert. In der DDR erlebte Wolfgang Thierse den Umgang mit der verlorenen Heimat anders. "Die Worte Flüchtling und Vertriebene waren verboten." Umsiedler seien sie offiziell genannt worden. Ein Begriff, den er als Fälschung empfand. "So als seien wir freiwillig umgezogen, weil man es woanders besser findet."Das SED-Regime, sagt Thierse, habe den Menschen aus dem ehemaligen deutschen Osten nie erlaubt, zu ihrem eigenen Schicksal zu stehen. Trauernde Erinnerung sei untersagt gewesen. "Das war furchtbar." Und dann der Kampf um die Namen. Thierse kann sich jetzt noch darüber aufregen. Als man von ihm verlangte, als Geburtsort Wroclaw einzutragen, habe er sich geweigert. "Ich bin in Breslau geboren, ich begehe keine Urkundenfälschung", habe er erwidert. Das sei ihm als revanchistische Anwandlung ausgelegt worden.Meine erste Wiederbegegnung mit Breslau war 1980. Ich reiste im Gefolge einer Delegation katholischer Bischöfe aus der Bundesrepublik. Als wir uns auf dem Wege von Kloster Trebnitz der Stadtgrenze näherten, sagte ich meinem amtlichen Begleiter, dass ich in Breslau geboren sei. Noch für denselben Tag organisierte er eine exklusive Führung durch das Rathaus. Der einstündige Vortrag, den mir eine kommunistische Kulturfunktionärin beim Gang durch das Gebäude hielt, stellte meine Höflichkeit auf eine harte Probe. Was sie mir präsentierte, war die Geschichte einer angeblich urpolnischen Stadt. Kein Wort über die deutsche Vergangenheit. Warum sie verschweige, dass in diesen Ratssälen über Jahrhunderte deutsch gesprochen wurde, platzte es irgendwann aus mir heraus. Ich hatte längst akzeptiert, dass diese Stadt nicht mehr mein durch kindliche Erinnerungen verklärtes Breslau war, sondern das polnische Wroclaw. Ich unterstütze die von Willy Brandt eingeleitete Versöhnungspolitik. Aber diese Art, mir meine Geburtsstadt zu nehmen, ärgerte mich. Wir schieden im Streit.Als wir zum früheren Neumarkt kommen, sage ich: "Da muss der Gabeljürgen gestanden haben." So nannten die Breslauer eine Brunnenfigur. Ich kenne die Statue nur von Bildern und Erzählungen. Thierse auch. Wir werfen uns schlesische Ausdrücke zu, die uns gerade in den Sinn kommen. Tippelmarkt, sagt der eine. Lusche (ein Wort für Pfütze), sagt der andere. Thierse kann ein Gedicht in Mundart zitieren. "Schade, dass so was verloren geht", sagt er. Auch wenn es ein bisschen sentimental klinge, für ihn seien die ostdeutschen Dialekte die schönsten.Wir fahren zum Jüdischen Friedhof an der ehemaligen Lohestraße. Es ist die einzig erhaltene Grabstätte der Stadt aus deutscher Zeit. Die anderen weiträumigen Friedhöfe auf der gegenüberliegenden Straßenseite wurden eingeebnet. Aber hier, hinter einer hohen Mauer, sprechen die meisten Steine noch deutsch. Der Direktor führt uns zur Ruhestätte von Ferdinand Lassalle. "Das ist er", sagt der Direktor, "der Vater der deutschen Sozialdemokratie. Leider mit 39 Jahren im Duell gefallen." Thierse hört schweigend zu. "Ich sage immer", fährt der Direktor fort, "London hat das Karl Marx-Grabmal, wir haben das Lassalle-Grabmal". "Und in Berlin", sagt Thierse, "haben wir Ernst Reuter und Willy Brandt. Auf demselben Friedhof".Vom Hotel, in dem wir wohnen, sind es nur ein paar Meter bis zur Elisabeth-Kirche. Auf dem Vorplatz steht ein Denkmal für Dietrich Bonhoeffer. Es ist der Zweitguss einer Bronzeplastik, die in Berlin ihren Platz hat. Der kurz vor Kriegsende von den Nazis ermordete evangelische Theologe ist in Breslau geboren und hat an der Elisabeth-Kirche als Geistlicher gewirkt. In diesem Gotteshaus wurde im Oktober 1943 die Erklärung der Breslauer Synode der Bekennenden Kirche gegen die Ermordung von Kranken und Angehöriger anderer Rassen verlesen. Auf der Feier zur Enthüllung des Denkmals 1999 hat auch Wolfgang Thierse gesprochen.Seit den Neunzigerjahren hat sich im politischen Bewusstsein der Stadt ein Wandel vollzogen. Die deutsche Vergangenheit Breslaus wird zunehmend als Teil und Bereicherung der eigenen Geschichte begriffen. Bei immer mehr polnischen Breslauern wächst der Stolz auf eine europäische Metropole. Das alte Stadtwappen wurde wieder eingeführt. In der Universität hängt eine Tafel mit den Nobelpreisträgern, die in Breslau gewirkt haben. Es sind allesamt Deutsche. Am Eingang zum Schweidnitzer Keller, dem Traditionslokal im Rathaus, in dem schon im 14. Jahrhundert Bier ausgeschenkt wurde, sind auf Metall die Namen prominenter deutscher Gäste verzeichnet. Von Joseph von Eichendorff über Gustav Freitag bis Alfred Kerr.Die Suche nach der eigenen Identität hat den Blick geweitet für das reiche Kulturerbe. Und den Weg frei gemacht für eine Traditionspflege ohne ideologische und nationalistische Scheuklappen.Auch Deutsche kommen wieder, nicht nur als Touristen, sondern als Einwohner. Als wir über die Schweidnitzer Straße gehen, wird im ersten Stock eines früheren Verlagshauses ein Fenster geöffnet. "Guten Tag, Herr Thierse," ruft ein Mann mittleren Alters. Es ist ein deutscher Rechtsanwalt, der hier seine neue Kanzlei eröffnet. Noch ist ein beruflicher Ortswechsel in das EU-Mitgliedsland Polen selten. Irgendwann wird es so selbstverständlich sein, nach Breslau zu ziehen wie nach Amsterdam oder Barcelona.Am Abend lädt uns der Uni-Rektor in ein Altstadt-Hotel zum Essen ein. Der Wojwode von Niederschlesien ist da und der Breslauer Stadtpräsident. Der hat in Freiburg studiert und spricht fließend deutsch. Die Runde redet über aktuelle Politik und über Erlebnisse aus der Nachkriegszeit. Einer der Professoren ist im heute ukrainischen Lemberg geboren und seit langem in Breslau zu Hause. Thierse berichtet von seinem Vater und Großvater. "Dass wir uns heute unsere Lebensgeschichten erzählen können", sagt er, "finde ich wunderbar".Auf der Rückfahrt blättert Thierse in einem Bildband, den er geschenkt bekommen hat. "Breslau - Fotografien aus der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen", lautet der Titel. Eine deutschsprachige Ausgabe, erschienen in einem Wroclawer Verlag. Stumm schaut Thierse auf die Abbildungen von Straßen und Plätzen, über die wir in diesen beiden Tagen gegangen sind. Plötzlich dreht er sich auf seinem Vordersitz zu mir um. "Schade, dass dies unsere Eltern nicht erleben konnten."------------------------------Fotos (5) : Sorgsam restauriert. Am alten Markplatz von Breslau.Wolfgang Thierse und Peter Pragal in ihrer GeburtsstadtBreslauFerdinand Lassalle liegt in Breslau begraben, seine Büste steht im Alten Rathaus.Straßenszene in der Altstadt von BreslauStraßenszene in der Altstadt von Breslau