Das heikelste Thema steht unter Punkt 5 der Tagesordnung: Die Stadtverordneten sollen die Abberufung von zwei Rathaus-Ressortchefs beschließen. Und das gelingt ihnen auch mit überwältigender Mehrheit. Die beiden Ressortchefs haben zu viel geredet.Oberbürgermeister Waldemar Kleinschmidt (SPD) selbst hat den Rausschmiss von Baudezernentin Gisela Kraft (SPD) und deren Freundin und SPD-Finanzkollegin Karin Rätzel beantragt - "wegen eines zerrütteten Vertrauensverhältnisses", wie er sagte. Noch vor der Frühstückspause votieren die Abgeordneten für das politische Aus der Frauen. Gegen Gisela Kraft stimmen 40 der 48 Abgeordneten, gegen Karin Rätzel 37. Zwei neue Beigeordnete will der Oberbürgermeister nicht. Er hofft mit der Abwahl auf ein Ende der Querelen im Rathaus."Anti-Wessi-Rassismus"Karin Rätzel muss wegen ihrer Kritik an, wie sie sagt, Kleinschmidts "unkooperativem Führungsstil" und dem umstrittenen Sanierungsmodell für die Stadthalle ihren Hut nehmen. Die 51-jährige Kraft hingegen hat sich nach Ansicht der Stadtverordneten im Ton vergriffen. Kürzlich war sie im Fernsehbeitrag "Reise ins Trabiland" zu sehen. Darin wurden Westdeutsche über ihre Erfahrungen in den neuen Bundesländern befragt. Gisela Kraft aus Mannheim erzählte dort davon, dass ihre Entscheidungen im Cottbuser Rathaus ständig blockiert wurden. Und sie stellte einen "Anti-Wessi-Rassismus" in der Lausitzstadt fest. Ein Nachbar Kleinschmidts nahm die Sendung auf und steckte die Videokassette dem Oberbürgermeister in den Briefkasten. Der verärgerte Rathauschef stellte wenig später die Abwahlanträge. Kleinschmidt sagt, dies sei geschehen, weil die beiden Frauen keinen Charakter für Führungspositionen hätten. Die Arbeit sei mit ihnen unmöglich geworden. Er gibt aber zu, dass der Rausschmiss auch ein wenig mit der "Anti-Wessi-Rassismus"-Sendung zu tun hat. Dies sei das "i-Tüpfelchen" gewesen, sagt Kleinschmidt. Er sagt auch, dass es einen "kleinen Zusammenhang" mit den aktuellen Korruptionsvorwürfen innerhalb der kommunalen Gebäudewirtschaft Cottbus (GWC) gibt. Die Geschäftsführer der kommunalen GWC, Joachim Käks und Günter Thiessat, waren erst Anfang Dezember nach Presserveröffentlichungen von Kleinschmidt beurlaubt und angezeigt worden. Seitdem ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen die Männer wegen des Verdachts der Veruntreuung und der Angestelltenbestechlichkeit. Offener BriefKäks und Thiessat sollen über Jahre Aufträge an Firmen vergeben haben, in denen ihre Frauen in den Chefetagen saßen. Ein dubioses Geflecht aus Politik, Wirtschaft und einstigen Stasimännern soll entstanden sein. Auch Karin Rätzel saß nach Auskunft des Oberbürgermeisters längere Zeit in der Geschäftsführung der GWC. "Wenn da so viel falsch gelaufen ist, warum hat sie nicht früher was gesagt", sagt Kleinschmidt. Die Vorwürfe waren dem Oberbürgermeister bereits im April dieses Jahres von Gisela Kraft in einem offenen Brief genannt worden - mit der Empfehlung, eine interne Prüfung zu veranlassen. "Frau Kraft und auch Frau Rätzel sind bei ihren Vorwürfen niemals konkret geworden", sagt Kleinschmidt. Als Beigeordnete hätten sie Namen nennen müssen. Gisela Kraft ist davon überzeugt, dass ihre Abwahl sehr wohl mit dem Filz zu tun hat. Sie habe im Frühjahr erfolglos den Finger zuerst in die Wunde gesteckt und nicht lockergelassen, auf die Verstrickungen hinzuweisen. Sie ist der Ansicht, dass sie dafür geopfert werden soll. Den Vorwurf, den Cottbusern eine "Anti-Wessi-Einstellung" nachgesagt zu haben, bestreitet sie. Mobbing wirft sie den Stadtoberen nicht vor. In ihrer Position könne man nicht gemobbt werden, sagt sie. "Es sieht so aus, als wenn wir in ein Wespennest aus Korruption gestoßen haben und jetzt ruhig gestellt werden sollen", sagt Gisela Kraft. "Offenbar standen wir vor noch größeren Enthüllungen als bei der GWC. Anders kann ich mir die Abwahl nicht erklären", so die 51-Jährige. Von mafiaähnlichen Strukturen in Cottbus spricht in diesem Zusammenhang Krafts Amtskollegin Karin Rätzel. Kraft und Rätzel waren die einzigen Frauen unter den sechs Beigeordneten in Cottbus. Nach ihrer Abwahl wollen sie sich aber nicht aus der Öffentlichkeit zurückziehen. "Ich bin zwar erleichtert, dass ich nicht mehr ins Rathaus muss. Aber wir werden nicht abtreten und dann den Mund halten", sagt Gisela Kraft. Es sei an der Zeit, dass alle Abhängigkeiten, nicht nur in der GWC, aufgedeckt würden. "Kleinschmidt hat seine Aufsichtspflicht als Oberbürgermeister verletzt", sagt Kraft.Dass es von der jetzt abgewählten Baubeigeordneten Kraft bereits zuvor Hinweise auf illegale Machenschaften in der Lausitzstadt und eine Empfehlung für eine interne Prüfung der kommunalen Betriebe gegeben hat, bestätigt der Hauptgeschäftsführer des brandenburgischen Unternehmerverbandes, Rolf Schwarzenberger. Er hatte sich im Juni vor die Stadtverordneten gestellt und sich über die Vergabepraxis von Aufträgen kommunaler Betriebe beschwert. Ein Bier vor WeihnachtenKein Präsident der Handwerkskammer oder der Handwerkerverbände und auch kein Vorsitzender der Kreishandwerkerschaft waren damals bei der Zusammenkunft dabei. "Das war kurios. Denn sie waren alle eingeladen", sagt Schwarzenberger. Sie seien aber nicht erschienen, weil sie Nachteile befürchteten, wenn sie etwas sagen würden. Nach der Sitzung sei er von dem Wirtschaftsbeigeordneten der Stadt und derzeitigen Aufsichtsratsvorsitzenden der Gebäudewirtschaft Cottbus, Markus Derling, "zur Sau gemacht worden", weil er die Stadt so schlecht gemacht habe. "In Cottbus sind offenbar in den letzten zehn Jahren sehr viele Verflechtungen ausgebaut worden", sagt Schwarzenberger. "Was der Fußball hier aufgebaut hat, macht der Filz um die GWC und andere Betriebe wieder kaputt."Oberbürgermeister Waldemar Kleinschmidt hat sich am Abend mit den Stadtverordneten zu einem Bier verabredet. "Das machen wir nach der letzten Sitzung vor Weihnachten immer so", sagt er. Kleinschmidt wirkt sichtlich erleichtert.MICHAEL HELBIG "In Cottbus gibt es mafiaähnliche Strukturen." Finanzbeigeordnete Karin Rätzel BERLIN-PRESS "Das Vertrauen zu den beiden Frauen war erschüttert." Oberbürgermeister W. Kleinschmidt MICHAEL HELBIG "Ich werde nicht abtreten und zu dem Filz den Mund halten." Baubeigeordnete Gisela Kraft