BERLIN, 9. Februar. Sie reden nicht miteinander, daran hat sich nichts geändert. Sie haben nichts gemeinsam, so ist es geblieben, 25 Jahre danach. Nur, dass sie an diesem Abend gemeinsam auf einem Podium sitzen. Klaus Schütz, der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin, schaut ins Publikum, Ronald Fritzsch hält es ebenfalls so. Doch einmal, da lässt sich ein kurzer Wortwechsel zwischen den beiden Männern nicht vermeiden. Klaus Schütz hat Durst, möchte etwas trinken. Er wendet sich also an den Mann, der rechts neben ihm sitzt, bittet Ronald Fritzsch, ihm die Wasserflasche zu reichen. Freundlich lächelnd richtet sich Fritzsch auf und gießt Wasser in Schütz Glas. Bitte schön, danke. Mehr ist nicht zu sagen. Ronald Fritzsch ist heute 49 Jahre alt, ein selbstständiger Kaufmann. Er handelt in Berlin mit Bürobedarfsartikeln. "Wenn Sie Bleistifte und Papier brauchen, helfe ich Ihnen gerne aus", sagt er zu einem der Journalisten im Saal. Damals, vor 25 Jahren, war Fritzsch Terrorist. Er gehörte zur "Bewegung 2. Juni", die am 27. Februar 1975 den Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz entführte. Klaus Schütz war als Regierender Bürgermeister Mitglied des Krisenstabes.An diesem Dienstagabend im Schöneberger Rathaus in Berlin sind beide nur noch Zeitzeugen. Der SFB zeigt im "Goldenen Saal" eine neue Fernseh-Dokumentation: "Der Austausch Die vergessene Entführung des Peter Lorenz". Das erstemal wird der 45-minütige Film von Klaus Stern und Klaus Salge am 17. Februar in der ARD gesendet. Im "Volksgefängnis"Der Film ist eine Collage ohne Kommentar. Nur mit historischem Bildmaterial, ergänzt durch Interviews mit den damals Beteiligten, erzählen Stern und Salge die Geschichte der Entführung: Der Berliner CDU-Landesvorsitzende Lorenz ist 1975 der Spitzenkandidat seiner Partei für die Abgeordnetenhauswahl und damit der Herausforderer von Klaus Schütz. Wenige Tage vor der Wahl wird Lorenz auf seinem Weg ins Büro entführt. Fritzsch und die drei anderen Täter verschleppen ihn in einen Keller unter einem Secondhandladen in der Schenkendorfstraße in Berlin-Kreuzberg. Sie nennen den Keller "Volksgefängnis". Am folgenden Tag erhält die Deutsche Presse Agentur ein mittlerweile berühmt gewordenes Foto, das den CDU-Politiker mit dem Schild "Peter Lorenz Gefangener der Bewegung 2. Juni" zeigt. Das Kommando fordert die Freilassung von sechs inhaftierten Genossen. Der Staat gibt schließlich nach. Die Gefangenen werden in den Südjemen ausgeflogen. Auf Verlangen der Entführer werden sie von dem ehemaligen Berliner Bürgermeister Heinrich Albertz begleitet. Nach dessen Rückkehr wird Lorenz von den Tätern in Berlin unversehrt freigelassen. Die Terroristen werden später geschnappt. Ronald Fritzsch sitzt 14 Jahre in Haft. Bei den zweijährigen Recherchen zu ihrer Dokumentation förderten die Autoren bislang Unbekanntes und auch Skurriles zu Tage: Der damalige CDU-Bundesvorsitzende Helmut Kohl hatte sich als Ersatz für Albertz angeboten, falls dieser aus gesundheitlichen Gründen nicht in den Jemen fliegen könne. Und bei der Suche nach dem Versteck bemühte die Polizei sogar einen Hellseher. Er ließ ein Pendel über dem Berliner Stadtplan kreisen und deutete auf einen Ort, an dem Lorenz ganz sicher versteckt sei. Bald schon zeigte sich allerdings, dass der Hellseher falsch lag. Stern und Salge haben eine Menge solcher Geschichten zusammengetragen, und an diesem Abend im Schöneberger Rathaus erzählen sie, wie ihr Projekt sich entwickelte. Alles begann 1997, als der Student Klaus Stern ein Thema für seine Magisterarbeit suchte. Es war die Zeit, als zahlreiche Dokumentationen, Bücher und Artikel an den "Deutschen Herbst" des Jahres 1977 erinnerten, an die Entführung und die Ermordung des Arbeitgeber-Präsidenten Hanns-Martin Schleyer. Die Republik betrachtete noch einmal die Taten der "Roten Armee Fraktion", und Klaus Stern dachte, dass in diesen Rückblicken auf terroristische Zeiten etwas fehlt."Die Entführung des Peter Lorenz ist damals fast vergessen worden", sagt der heute 30 Jahre alte Autor, als er seinen Film im Schöneberger Rathaus vorstellt. Da habe er sich entschlossen, diesen Fall zu beschreiben. Und bei seinen Recherchen kam er zu einer These, die er auch an diesem Abend vertritt und für die er einigen Widerspruch erntet: "Die Entführung des Peter Lorenz war der Präzedenzfall für die Rote Armee Fraktion." Die Terroristen der RAF hätten einen Nachweis dafür bekommen, dass man mit einer Entführung Gefangene freipressen könne, sagt Stern. Andreas Baader habe sich Unterlagen über den Ablauf der Lorenz-Entführung in seine Zelle in Stammheim bringen lassen und die Dokumentation genau studiert, will Stern herausgefunden haben. Er ist davon überzeugt, dass der Lorenz-Fall schließlich die "Drehbuchvorlage" für die Schleyer-Entführung geworden ist. "Bis zum fünften Tag stimmen die Abläufe überein." In diesem Moment hört dann ein anderer Mann auf dem Podium nicht mehr still zu. Ralf Reinders, der gemeinsam mit Ronald Fritzsch den Politiker Lorenz entführte, mischt sich ein. Ihre Tat habe mit den Aktionen der RAF nichts zu tun gehabt, sagt Reinders, der zu den Gründern der "Bewegung 2. Juni", gehörte. Reinders missfallen die Interpretationen der Filmautoren. "Unsere Aktion war keine Generalprobe für die RAF", erwidert er auf die Ausführungen Sterns. "Wir wollten Gefangene austauschen, und von uns waren keine keine weiteren Aktionen geplant." Klaus Schütz schweigt, als auf dem Podium der Diskurs über die die Rote Armee Fraktion und die "Bewegung 2. Juni" ausgetragen wird.Ralf Reinders saß für seine Beteiligung an der Lorenz-Entführung 15 Jahre lang im Gefängnis. Heute ist der gelernte Drucker arbeitslos, er macht gerade eine Umschulung. Ein 51 Jahre alter Mann, der auf eine vergangene Zeit zurückblickt. Reinders sagt im Schöneberger Rathaus Sätze, die noch einmal alles erklären sollen. Etwa, dass Lorenz als Opfer ausgewählt wurde, weil er für ein System stand, das man bekämpfen wollte. "Damals im Berliner Wahlkampf gerierte er sich als rechter Scharfmacher", erinnert sich Reinders. Doch er erinnert sich auch daran, dass sie Peter Lorenz bald anders kennen lernten. Im "Volksgefängnis", wo Reinders und Fritzsch mit Lorenz Schach spielten. Und später, als die Entführer in Haft saßen und der CDU-Politiker sich nach ihrem Befinden erkundigte. So erzählen Reinders und Fritzsch es jetzt, zwei Jahrzehnte danach."Wir merkten, Lorenz entsprach nicht unserem Feindbild", sagt Ronald Fritzsch. Und doch sind diese Worte nur die eine Seite der Erinnerung an "eine andere Zeit", wie Fritzsch sie nennt. Manche der alten Bilder hat er nicht verloren, man merkt es ihm an, wenn er darüber spricht, wie damals "Alt-Nazis mit Samthandschuhen" angefasst worden seien. Er hat auch die Wut nicht verloren, wenn er an den Vietnamkrieg denkt. Dann redet er wieder über die Entführung des Peter Lorenz: "Es war richtig, es zu versuchen. Aber wir sind gescheitert." Welche Gefühle sie heute gegenüber der Familie des 1987 verstorbenen Lorenz haben, will eine Frau aus dem Publikum von Reinders und Fritzsch wissen. Reue? Oder Mitgefühl etwa? Beide weichen aus. Reinders sagt, er sei der Sohn eines holländischen Zwangsarbeiters. Über die endlose Entschädigungsdiskussion könne man sich doch wirklich aufregen.Auch Fritzsch geht auf die Frage nicht ein. Dass in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland 200 Menschen aus "rassistischen Motiven" ermordet worden seien, erzeuge in ihm viel heftigere Gefühle als seine eigene Tat. Ein Leben gerettetKlaus Schütz hört immer noch zu. Man sieht ihm an, dass die Argumentation ihm heute genauso fremd ist wie damals. Die Sprachlosigkeit ist unüberwindbar. Nur einmal wirft er ein: "In diesem Land kann man frei leben." Ansonsten beschränkt er sich auf die Aussage, dass es ihm damals darauf angekommen sei, ein Menschenleben zu retten. Das sei schließlich gelungen.Als Entführung war der Fall Lorenz ein Präzedenzfall. Nicht aber für den Umgang des Staates mit Terroristen. Es blieb das einzige Mal, dass der Staat nachgegeben hat. Der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt sagte immer wieder, es sei ein Fehler gewesen, die Gefangenen freizugeben. Es war Schmidt, der später bei der Entführung Schleyers nicht nachgab."Es war richtig, es zu versuchen. Aber wir sind gescheitert. " Ronald Fritzsch BERLINER ZEITUNG/KAY HERSCHELMANN 25 Jahre nach der Tat: Die ehemaligen Terroristen Ronald Fritzsch (M. ) und Ralf Reinders (l. ) auf dem Podium im Schöneberger Rathaus.