GROSSZIETHEN. Der erste große Kreis auf dem Acker ist bereits markiert. Auf einem Feld bei Großziethen (Dahme-Spreewald) hat Max von Grafenstein einen Holzpflock in die Erde getrieben, daran ein mehrere Meter langes Seil gebunden und dieses an seiner Fräsmaschine befestigt. Dann ist er einmal im Kreis um den Pflock gefahren und hat so einen großen Kreis markiert. Noch wächst auf dieser Fläche kurz vor der südlichen Berliner Stadtgrenze nur Gras - doch das wird sich bald ändern.In den kommenden Tagen wird der Kreis in 18 Tortenstücke unterteilt, die dann jeweils mit 25 ausgewählten Gemüsesorten bepflanzt werden. Die Idee, die sich dahinter verbirgt, nennt sich "Bauerngarten" und ist denkbar simpel: Profis bepflanzen einen winzigen Garten nach allen Regeln der ökologischen Landwirtschaft - Laien pflegen ihre kleine Miet-Parzelle und können ernten, was dort wächst.Wiener Idee"Der Ertrag einer kleinen Parzelle deckt den Sommer-Bedarf von ein bis zwei Personen", sagt Max von Grafenstein, der die Gärten gemeinsam mit Benjamin Bauer etablieren will.Die beiden 28-Jährigen, die in der Nähe von Kassel ökologische Landwirtschaft studiert haben, hörten vor einigen Jahren zum ersten Mal von diesen Gemeinschaftsgärten. "Sie stammen ursprünglich aus Wien, dort laufen sie sehr gut", sagt von Grafenstein. Weil er die Idee interessant fand, habe er seine Diplomarbeit über die Gärten geschrieben und sie auch selbst ausprobiert - nach dem Studium und unterstützt von der Universität."Das lief gut", sagt der Landwirt, "der Ertrag war so hoch, dass die Leute mit anderen teilen mussten." Berlin, sagt er, sei ideal für solche Gärten. Es gebe die passende Kundschaft und auch viele innerstädtische Brachen, die infrage kämen. "Aber natürlich", räumt er ein, "spielen bei uns auch Romantik und frische Luft und Freiheit eine Rolle." Letztlich aber gehe es auch darum, den Bezug der Hauptstädter zur Landwirtschaft zu schulen.Die beiden Bauerngärtner sind nicht die einzigen, die auf das stetig wachsende ökologische Bewusstsein der Berliner und ihr Bedürfnis nach Produkten direkt vom Feld setzen: So liefert das Ökodorf Brodowin (Barnim) bereits seit vielen Jahren "Ökokörbe" und "Rohkostkisten" mit Bio-Lebensmitteln an interessierte Berliner. In Brandenburg boomt der Öko-Landbau zwar, und der Berliner Bedarf an Milch, Getreide und Fleisch kann ganz gut gedeckt werden, aber bei frischem Obst und Gemüse reichen die Anbaumengen noch lange nicht.Die Berliner beackern nicht nur ihre Schrebergärten, in der Nachkriegszeit nutzten sie notgedrungen auch den Tiergarten als Gemeinschaftsgarten. Was früher selbstverständlich war, gilt heute als cooler Trend. In den vergangenen Jahren entstanden nun "Offene Gärten", die viele Leute gemeinsam pflegen.Auch von Grafenstein und Bauer möchten ihre Gärten am liebsten in Berlin anlegen, doch soweit ist es noch nicht. Erst im Februar sind sie in die Hauptstadt gezogen, derzeit gibt es drei Standorte: zwei in Brandenburg, einer in Berlin.Nischenbauer statt GroßagrarierÜberall dort wollen sie nun ihre bepflanzten Kreise anlegen, jeder Kreis mit einer Kräuterspirale in der Mitte und je 18 etwa 45 Quadratmeter kleine Gärtchen. Ende Mai, so der Plan, kann die erste Ernte starten, zunächst mit Radieschen und Salat. Was danach auf den leer geräumten Beeten gepflanzt wird, entscheiden die Nutzer. Um die Bewässerung der Gärten müssen die sich übrigens nicht kümmern - das erledigen automatische Kreisregner, die die Betreiber installieren.Aber natürlich wollen die beiden Landwirte den Berlinern nicht nur die Natur näher bringen, sie wollen auch davon leben. "Wenn man nicht Großagrarier werden will, braucht man eine Nische", sagt Max von Grafenstein. 290 Euro kostet ein "Nischenplatz" pro Saison inklusive Saatgut für die Parzelle, für Geräte - und für Beratung. Und weil der gemeine Hauptstädter meist recht wenig Ahnung von der Landwirtschaft hat, gibt's die Tipps auch ganz modern im Internet - samt Forum für die Mitstreiter zum Austausch.------------------------------Stetiger ZuwachsGrafik: Der Ökolandbau wächst in Brandenburg stetig: 2009 wurden 990 Biobetriebe gezählt (2007: 863). Ökologisch werden 138 000 Hektar Land bearbeitet, das sind etwas mehr als zehn Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Damit kann der Bedarf des Hauptabnehmers Berlin mit Kartoffeln, Obst und Gemüse aber nicht gedeckt werden."Bauerngärten" gibt es in Großziethen (Dahme-Spreewald), Ruhlsdorf (Märkisch-Oderland), Berlin-Spandau. Weitere Infos unter: www.bauerngarten.net------------------------------Foto: Gutes tun und Geld verdienen: Die Bio-Missionare Max von Grafenstein und Benjamin Bauer auf ihrer Scholle.

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