Es ist wie im Western - nur mit Spickzettel. Ein klassisches Duell: Zwei Männer, eine Kugel. Lediglich ahnt niemand der Zuschauer vor dem ersten Schuss, wer der Held ist, und wer der Bösewicht.Die Verlierer haben es da einfacher. Für die Niedergeschlagenen ist klar: Alles Übel kommt aus Bayern. Genauer gesagt aus Penzberg. Dort lebt Karl Wald. Und wenn Wald spricht, dann sollten Fans aus England und Argentinien lieber weghören. Denn Karl Wald redet über Gerechtigkeit. Und das klingt dann so: "So etwas war doch kein Sieg. Das war einfach nichts."Das einfache Nichts von dem Wald spricht, ist der Münzwurf. Auf diese zufällige Art wurden früher jene Pokalspiele entschieden, die auch nach 120 Minuten noch unentschieden standen. Mit teils dramatischen Folgen. 1965 etwa spielte der 1. FC Köln im Europapokal gegen den FC Liverpool. Nach Hin- und Rückspiel stand immer noch kein Gewinner fest. Ein drittes Spiel musste her. Auf neutralem Boden in Rotterdam. Auch dort aber fand sich kein Sieger. Und so schritt der Referee zur Tat. Er warf eine Münze.Die Überlegung ist einfach: Was gut ist für die Platzwahl vor dem Anpfiff, ist auch nach dem Abpfiff gut für die Frage über Sieg und Niederlage. Nur mochte sich das Glück in Rotterdam nicht so recht entscheiden. Die Münze blieb senkrecht im Matsch stecken. Erst im zweiten Anlauf fiel die Entscheidung: Liverpool jubelte, Köln weinte.Karl Wald war damals Schiedsrichter in Bayern. Er fand den Rotterdamer Münzwurf ungerecht und ersann das Elfmeterschießen. Fünf Spieler, jeder ein Schuss, Schluss. Wald, mittlerweile 90, erklärt: "Nur so kann es doch einen einwandfreien sportlichen Sieger geben."Sportlich einwandfrei? Manche zweifeln daran. Ich kenne Menschen, die sich ein Elfmeterschießen nie angucken. Nicht mal mit Spickzettel im Schienbeinschoner. Sie halten es für ungerecht. Sie sind Mental-Engländer. Sie verweigern sich der Entscheidung. Nach der Verlängerung stehen sie auf und gehen spazieren. Keine gute Idee. Ohne Bild ist das grausame Finale noch viel schwerer zu ertragen. Man hört nur zu: Mal Jubel, mal Jammer. Und schließlich ein Hupkonzert.Zumindest hier zu Lande. Für Deutschland enden Elfmeterschießen immer so. Oder fast immer. Sie wissen schon; Uli Hoeneß und der Himmel von Belgrad im Europameisterschaftsfinale 1976 gegen die CSSR. Hoeneß erinnert sich an die Sekunden vor seinem Schuss: "Einsam spazierte ich auf den weißen Punkt, rings um mich nur Sahara."Die Wüste lebt. Nach 1976 gewann das DFB-Team im Elfmeterschießen immer. Englands Nationalelf fast nie. Ein Fluch scheint auf ihr zu lasten. Die Zeitung Independent schreibt: "So endet die WM. Nicht mit einem Knall, ... nicht mal mit Beckham oder Rooney auf dem Feld. Nur mit Elfern. Wieder mal."Scheitern ist grausam. Wie es anders geht zeigt ausgerechnet ein Brite: Francis Lee. Er verwandelte einst für Manchester City 15 Elfer hintereinander. Rekord. Ein Keeper wollte die Serie stoppen: Lee sagte: "Ich schieße nach rechts." Er lief an, zielte nach links und traf. Danach erklärte Lee: "So verwandelt man 15 Elfer, ohne zu verschießen."Kaltblütig. Ohne Spickzettel. Fast wie im Western. Nur das dort immer das Gute siegt.BALLGEFÜHLE