Zwei Rechtsradikale stehen vor Gericht, weil sie in Templin einen Obdachlosen getötet haben sollen: Mordlust als Motiv

NEURUPPIN. Es muss ein furchtbarer Anblick für den Obdachlosen gewesen sein, der im Juli vorigen Jahres die Tür zur verfallenen Böttcherei seines Kumpels Bernd K. im uckermärkischen Templin öffnete. Der 55-jährige Bernd K. liegt auf dem Rücken neben der Werkbank. Sein Kopf ist zertrümmert. Das Blut klebt noch in 1,60 Meter Höhe an der Wand. Auf seinem toten Körper liegt angekokelter Müll. Die Mörder von Bernd K. haben versucht, die Leiche des Mannes anzuzünden.Seit gestern müssen sich zwei Rechtsradikale aus Templin vor dem Landgericht in Neuruppin verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 19-jährigen Sven P. und seinem drei Jahre älteren Gesinnungsgenossen Christian W. gemeinschaftlichen Mord aus niederen Beweggründen vor. Sven P. wird zudem das Verwenden von Kennzeichen verfassungsfeindlicher Organisationen vorgehalten.Doch sechs Monate nach der Tat wäre der Prozess gegen die schmächtig wirkenden Angeklagten gestern beinahe durch eine Schlamperei der Ermittler geplatzt. Denn noch immer liegen die Abschlussberichte der Spurenauswertung vom Tatort durch das Landeskriminalamt nicht vor. René Börner, der Anwalt von Sven P., beantragte daher, die Verhandlung aus "Gründen der Fairness" auszusetzen. Es sei ihm nicht möglich, seinen Mandanten richtig zu beraten. Der Vorsitzende Richter Gert Wegner entschied: Binnen drei Tagen muss die Staatsanwaltschaft klären, ob die Spurenauswertung abgeschlossen ist. Wegner will dann zu Beginn des nächsten Prozesstages über den Antrag entscheiden.Laut Anklage haben die Beschuldigten Bernd K. wegen dessen niedriger sozialer Stellung als arbeitsloser Sozialhilfeempfänger, der alkoholkrank und zeitweise obdachlos war, verachtet. "Sven P. hat zudem aus Mordlust getötet", sagt Staatsanwalt Kai Clement. Der 19-Jährige habe sehen wollen, wie ein Mensch stirbt.Bernd K., dessen Leben so entsetzlich endete, hatte vor der Wende als Meliorationstechniker in einer Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft gearbeitet. Mit dem Mauerfall wurde der Vater von zwei Töchtern arbeitslos. Zunächst hatte er Glück, er fand Arbeit als Baggerfahrer. Doch dann verursachte er betrunken einen Unfall, er verlor den Führerschein und die Arbeit.Seine Ehe begann zu kriseln. Immer öfter floh er vor dem Streit zu Hause, er radelte die 15 Kilometer von seinem Wohnort Herzfelde nach Templin - in die alte Werkstatt seines Vaters. Dort übernachtete er und ließ auch häufig andere Obdachlose und Alkoholiker ein, mit denen er trank. Laut Staatsanwaltschaft kannte er auch die Angeklagten, mit denen er öfter getrunken haben soll.So auch am Abend des 21. Juli des vorigen Jahres. Zunächst ist es nur Christian W., der laut Staatsanwaltschaft mit seinem späteren Opfer trinkt und durch Templin zieht. Auf dem Markt treffen sie auf Sven P. Das Trinkgelage geht weiter. Sven P. grölt dabei Naziparolen. Dann gehen sie zur alten Böttcherei an der Stadtmauer. Schon auf dem Weg dorthin treten die Angeklagten auf Bernd K. ein, beschimpfen ihn als "Penner", "blöde Sau" und "Drecksvieh".In der Werkstatt, in der es keinen Strom und kein Wasser mehr gibt, schläft Bernd K. betrunken ein. Die Angeklagten deuten das als Widerstand gegen ihr Vorhaben, die Werkstatt wieder gemeinsam verlassen zu wollen. Wegen der "Befehlsverweigerung", so der Staatsanwalt, misshandeln sie den Mann stundenlang auf brutale und menschenverachtende Weise. Sie zertreten sein Gesicht, würgen ihn, bis das Zungenbein bricht, fügen ihn mit einer abgebrochenen Flasche Schnittverletzungen zu. Bernd K. stirbt an den schweren Schädelverletzungen. Vergeblich versuchen die Täter schließlich, die Leiche von Bernd K. zu verbrennen. "Auch da noch wollten die Angeklagten ihr Opfer weiter erniedrigen", sagt Kai Clement.Noch am Tag, als die Leiche entdeckt wird, nehmen die Ermittler Christian W. fest. Er räumt eine Tatbeteiligung ein. Tags darauf fasst die Polizei mit Sven P. den zweiten mutmaßlichen Täter. Er schweigt bis heute. Aus ihrer rechten Gesinnung haben die Angeklagten nie ein Hehl gemacht, sie sind mehrfach einschlägig vorbestraft. In der Tatnacht trug der 19-Jährige ein T-Shirt, auf dem das Bild des Hitler-Stellvertreters Rudolf Hess prangte.Die Tat sorgte nicht nur wegen ihrer Brutalität bundesweit für Aufsehen. Empörung löste auch die Äußerung des parteilosen Bürgermeisters von Templin, Ulrich Schoeneich, aus. Er hatte nach der Tat erklärt, es gebe in Templin keine Neonazi-Szene. Dabei hatten ihm Polizei und Bürgerinitiativen bescheinigt, die Stadt habe sich zu einer Hochburg der Rechtsradikalen entwickelt. Die Gruppe gewaltbereiter Rechter und Mitläufer umfasse etwa 50 Personen, so die Polizei.Erinnerung an PotzlowDer Mord an Bernd K. erinnert an das grausame Verbrechen von Potzlow, das nicht weit von Templin entfernt liegt. Im Juli 2002 hatten drei Rechtsextremisten den 16-jährigen Marinus Schöberl gefoltert, getötet und in einer Jauchegrube verscharrt. Einer der Täter von damals war Sebastian F. Er wurde nach der Tat zu einer Jugendstrafe von drei Jahren verurteilt, die er auch vollständig absaß. Im vergangenen Sommer wurde er erneut verurteilt, weil er bei einem Konzert den Hitlergruß gezeigt und einen Punk angegriffen hatte. Sebastian F. kommt aus Templin.------------------------------"Sven P. hat aus Mordlust getötet. Er wollte sehen, wie ein Mensch stirbt." Kai Clement, Staatsanwalt