Es ist die Haltbarkeit, die literarische Texte adelt. Ein gefährliches Kriterium, ohne Zweifel: Wollte man die Perlen jeder Saison danach befragen, wer wohl in fünf Jahren noch einen Grund finden könnte, nach ihnen zu greifen, dann hätten sie einen schwierigen Stand und der Literaturbetrieb mit ihnen. Aber Haltbarkeitsdaten, zum aktuellen Kriterium erhoben, sind eine ungerechte Sache in der Literatur, denn wer könnte die langfristige Wirkung von Texten absehen?Im Rückblick freilich darf man sich immer beeindruckt zeigen von Haltbarkeit. Wie in einer konzertierten Aktion präsentieren zwei deutsche Verlage gleichzeitig erstmals Romane, deren Originale jeweils 1967 erschienen sind. Beide reflektieren die Erfahrung deutscher Konzentrationslager aus dem Blickwinkel von Überlebenden, beide sind offenkundig zu ihrer Zeit überhört und übersehen worden. Bei Boris Pahors Roman "Nekropolis" mag das einer Art von Zurückgezogenheit geschuldet sein, die den in Triest lebenden Slowenen einer breiten Wahrnehmung entrückt hat, aber sehr stichhaltig ist das nicht. Bei Jorge Sempruns "Die Ohnmacht" kann es nur verwundern, denn es ist der zweite Roman des Autors, der mit seinem Erstling, "Die große Reise" (1962), enorme Aufmerksamkeit erregt hatte. Etwas an diesen Büchern muss derart irritiert haben, dass man sie lieber übergangen hat.Bei Boris Pahor dürfte es der hohe Ton gewesen sein und die Gewissheit, wie wenig mitteilbar letztlich die Erfahrung der "Nekropolen" ist. Sein Ich-Erzähler unternimmt als Angehöriger einer Reisegruppe rund zwei Jahrzehnte nach dem eigentlichen Geschehen eine gleichsam "touristische" Annäherung an das Durchlebte. Die Welten des Davor und Danach begegnen sich, aus der Differenz der Erfahrung erwächst der Text: "Im klaren Sonnenschein wirken solche Szenen jetzt unwirklich, und mir ist klar, dass unsere zerschlagenen Prozessionen für immer in die irreale Atmosphäre der Vergangenheit hinabgetaucht sind. " Die "zerschlagenen Prozessionen" der Häftlingskolonnen, die in die Lager fluten, markieren den Ton eines ins Mythische hinüberwachsenden Leidensweges, wo man doch in jener Zeit noch ganz aufs Dokumentarische konzentriert war. Die "irreale Atmosphäre der Vergangenheit", in die der Autor sich und seinen Text versetzt sieht, erlaubt oder erzwingt eine Ästhetisierung in schlaglichtartigen Szenen. Pahors Kunst besteht in der Beschreibung des größten Grauens in der schönsten Sprache, die denkbar ist. "Sie waren nackt, das Hemd reichte bis zum hohlen Schambein, und als sie über die schmale Terrasse wanderten, fuchtelten sie mit den Armen, um das Gleichgewicht zu halten, erblindete Vögel, denen man das Gefieder abgesengt hatte, so dass ihnen nur noch ein Netz braun gewordener Knöchelchen übrig geblieben war. " Aus der Konfrontation der verdrängten Leiden, die sich am Ort ihrer Entstehung in verdichteter Form in Erinnerung bringen, erwächst gleichermaßen die Rekonstruktion, aber auch die Reflexion über die Möglichkeiten des Mitteilens, über die Wirkung vergehender Zeit und den veränderten Kontext. Pahors Roman ist somit einerseits eine Chronik der tatsächlichen Ereignisse - mit einer beinahe entschuldigenden Geste erklärt er seine Erzählung einmal als das mechanische Registrieren einer emotionslosen Filmkamera -, die den autobiografischen Ich-Erzähler durch mehrere Konzentrationslager treiben. In weit stärkerem Maß aber ist er das geradezu skulpturale Herausarbeiten einer mehrfach geschichteten Identität, ein literarisches Ereignis, das zu früh kam, um den Ton seiner Zeit zu treffen.Beeindruckt in "Nekropolis" die Intensität des Beschreibens und der Reflexionen über das Mitteilbare, so bleibt in Jorge Sempruns Roman "Die Ohnmacht" die Erfahrung des Lagers nur ein Element in einem viel weiteren biografischen Bogen. Lag darin die Verstörung, die diesen Roman zur Zeit seines Erscheinens behindert hat? Semprun selbst hat die Ablehnung des Romans offenbar akzeptiert, in seinem autobiografischen Buch "Schreiben oder Leben" (1994) erwähnt er "Die Ohnmacht" mehrfach als einen kurzen, kaum wahrgenommenen Roman, den er selbst des Aufhebens nicht für wert zu befinden scheint. Freilich versäumt er nicht, mehrere Teile des Romans noch einmal zu erzählen, in einer breiteren, weniger artifiziellen Prosa. In Wahrheit dürfte "Die Ohnmacht" der Höhepunkt in Sempruns literarischem Schaffen sein. Denn zu größerer Dichte, zu mehr Experimentierlust und zu gewagteren Kombinationen hat Semprun in keinem seiner anderen Werke gefunden.Der Text folgt der inneren Logik seines Helden Manuel, der, auf der Reise in die Schweiz, aus einem Zug stürzt - oder springt - und nach einer längeren Ohnmacht zu sich finden muss. Sempruns Text stemmt sich gegen die Überforderung des Subjekts im Prozess des inneren Sortierens, des Auftauchens aus der Konfusion des Bewusstseins. "Der Reihe nach sind die Dinge unsagbar", dem entspricht eine assoziative Reihung der Lebensepisoden des jungen Helden, die sich immer wieder über die Chronologie der Ereignisse hinwegsetzt: die Jugend des Sohnes spanischer Emigranten in Paris, die Zeit im Widerstand, die Verhaftung durch die Gestapo, das Konzentrationslager, die Rückkehr.Manuel stürzt in den ersten Augusttagen 1945 aus dem Zug. Als er aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht, ist die erste Nachricht, die zu ihm dringt, die vom Abwurf der Hiroshima-Bombe. So eng hat noch kein Autor die Vernichtungsmaschinerie des Nationalsozialismus und die Vernichtungskraft der Bombe verflochten. Es geht dabei nicht um die Relativierung des einen durch das andere, vielmehr - ähnlich wie bei Pahor - um die Mühen des Individuums, bei sich zu bleiben angesichts des Irrsinns der Geschichte. Semprun hat mehrere solcher Momente in ihrer schmerzlichsten Verdichtung erfasst. Am dramatischsten wohl in einer Szene, in der Manuel und ein Kombattant aus einem Hinterhalt lange einen deutschen Soldaten beobachten, der sich erfrischt am Wasser, der jung ist wie seine Beobachter und als eine Verkörperung von Unschuld erscheint. Es ist völlig klar, dass sie ihn erschießen werden, und sie tun das auch - es ist eine etlicher Situationen des Romans, in der das Handeln im Einklang mit der historischen Notwendigkeit steht und zugleich in seinem moralischen und situativen Kern erscheint als das, was es eben auch ist: als schnöder, heimtückischer Mord.Semprun variiert dieses Motiv, als Manuel ausgeschickt wird, um eine Frau - vermutlich die undichte Stelle im Widerstandsnetz, auf Grund derer mehrere Leute von der Gestapo verhaftet worden waren - zu töten. Der Zwanzigjährige begegnet einer etwa zehn Jahre älteren, schönen und sinnlichen Frau, die ihn empfängt und nicht ahnt, wozu er gekommen ist. Wie sich da in Sempruns Beschreibung die Atmosphäre mit sexueller Spannung auflädt, das gehört gewiss zu den gelungensten Stücken erotischer Literatur. Vor dem Hintergrund des Auftrags, den Manuel zu erfüllen hat, wird es zur atemberaubendsten existenziellen Zerreißprobe, die sich aus lebensbejahender Verlockung und politischer Mission konstruieren ließe. Es gehört zum Stil dieses Romans, dass diese Zerreißprobe nicht auserzählt wird und es völlig offen bleibt, wie sie ausgegangen ist - die Zwangslage des ohnmächtigen Subjekts wird weitergereicht: nach Entscheidung drängend und doch unauflöslich."Die Ohnmacht" ist dabei alles andere als ein depressiver Roman. Es ist das Aufbegehren gegen die Ausweglosigkeit, die beiden Texten ihre Größe verleiht und sie haltbar gemacht hat: Boris Pahors Protest gegen die Gewissheit, dass die Erfahrung von Nekropolis nicht mitteilbar ist, und Jorge Sempruns Wissen um die unendliche Einsamkeit dessen, der "Die Ohnmacht" verlassen will.Boris Pahor: Nekropolis. Roman. Aus dem Slowenischen von Mirella Urdih-Merkù. Berlin Verlag, Berlin 2001. 280 S. , 36 Mark.Jorge Semprun: Die Ohnmacht. Aus dem Französischen von Eva Moldenhauer. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2001. 200 S. , 26,90 Mark.