Vor zehn Jahren begannen zwei Studenten der Freien Universität Berlin mit Forschungen, die in der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit erregten. Die Studenten suchten nach den Kindern von Lidice, jenes tschechischen Dorfes, das in der Nacht zum 10. Juni 1942 von deutschen Soldaten ausgelöscht worden war - als Vergeltung für das Attentat tschechischer Patrioten auf den Reichsprotektor von Böhmen und Mähren, Reinhard Heydrich. Was ist aus der Suche nach den Kindern von Lidice und den beiden Berliner Studenten geworden?Frank Metzing, damals Jurastudent an der FU, ist heute Anwalt, Kerstin Schicha arbeitet als freischaffende Lektorin und absolviert gerade ihr Germanistik-Examen. Bereits 1989 hatte Frank Metzing sich an das Thema Lidice gemacht. "Ich dachte zuerst, das wäre ganz einfach, weil es zu Lidice als NS-Verbrechen ganz viel Material gibt", sagt Frank Metzing. Aber in den Bibliotheken fand er wenig, und in den Archiven stieß er auf viele ungeklärte Fragen. Insbesondere das Schicksal der Kinder war nicht ausreichend dokumentiert. "Die These, dass die Kinder im Vernichtungslager umgekommen sind, ließ sich so nicht halten." 1991 fand Metzing in Kerstin Schicha eine engagierte Partnerin. Auch sie störten die vielen Ungereimtheiten. "Wir haben so viele Fehler in der Forschung gefunden und festgestellt, dass Wissenschaftler - mag es aus Zeitmangel oder anderen Gründen sein - häufig dazu neigen, bei ihren Kollegen abzuschreiben. So ziehen sich wirklich gravierende Fehler durch die gesamte Literatur seit 1950."Die 173 Männer Lidices waren von der SS erschossen worden, die Frauen hatte man in die nahe Kreisstadt Kladno gefahren und ihnen dort die Kinder entrissen. Es waren 105. Zehn Kinder wurden nach rassischen Gesichtspunkten aussortiert und zur Adoption in deutsche Familien gegeben. Sieben Säuglinge kamen in ein Prager Kinderheim. Das Schicksal der übrigen wurde 1949 zu den Akten gelegt, weil man annahm, sie wären im Vernichtungslager Chelmno vergast worden. Die Frauen kamen nach Deutschland ins Konzentrationslager Ravensbrück. 52 von ihnen überlebten nicht.Die beiden Berliner Studenten stießen bei ihren Forschungen in Archiven auf einen Briefwechsel von 1943/44, in dem auch die Lidice-Kinder erwähnt wurden. In dem Brief einer SS-Dienststelle hieß es, dass 65 Kinder aus Lidice und Lezaki - einem Ort, der kurz nach Lidice zerstört wurde - geschlossen in einem Kinderheim in Swatoborschitz untergebracht worden seien. Angeblich aber waren die Kinder 1942 im Lager umgekommen. Die Studenten wollten diesem Widerspruch nachgehen. Seit nunmehr zehn Jahren wälzen sie Akten, sprechen mit Zeitzeugen, fragen bei Behörden an - das alles neben Studium und Arbeit. 1995 wurde eine Ausstellung mit ihren Forschungsergebnissen, darunter erstmals eine vollständige Liste der Kinder, Teil des Museums des wieder aufgebauten Ortes Lidice. Sogar Premierminister Vaclav Klaus reiste zur Eröffnung an. Die Dokumentation war auch in Berlin zu sehen.Bis heute ist das Schicksal von 81 der damals halb- bis 15-jährigen Kinder ungeklärt. Die Forschungen der Studenten wurden von den überlebenden Frauen aus Lidice zunächst misstrauisch betrachtet, zu sehr schmerzten die Wunden. "Aber heute ist es so, dass die Überlebenden unsere Arbeiten unterstützen und fördern", sagt Frank Metzing.17 der etwa hundert Kinder wurden bereits bis 1949 durch eine Suchaktion im zerstörten Nachkriegseuropa gefunden. So etwa Vaclav Hanf, der fünf Tage nach seinem achten Geburtstag von zu Hause verschleppt worden war. Ihn und seine beiden Schwestern stufte man als "arisch" ein. Sie sollten in Familien von Nationalsozialisten als Deutsche erzogen werden. Doch Vaclav Hanf wurde nicht vermittelt. In den folgenden dreieinhalb Jahren durchlief er elf Lager und Kinderheime. Ständig wechselte man seinen Namen und seine Identität. So hieß er in den deutschen Kinderheimen Hans-Joachim Strauß, durfte nur Deutsch sprechen und sollte ein ordentlicher Hitlerjunge sein. Als man ihn anhand eines Fotos seiner Eltern fand, war er im österreichischen Traunstein als Pole Jan Wenzel untergebracht. Als Elfjähriger kehrte er zurück. Das Beispiel lässt erkennen, wie schwierig die Suche ist, zumal die Recherchen durch bewusste Täuschungen erschwert wurden. Acht Jahre suchten die Studenten - in Archiven in Koblenz, Berlin, Jerusalem, Potsdam und Prag. Es gelang ihnen, einige alte Spuren zu lebenden Personen weiterzuverfolgen, die vielleicht für tot erklärte Kinder von Lidice sind. So ist vermutlich der zweijährige Josef Suchy später als Robert im brandenburgischen Beelitz zu Pflegeeltern gekommen. "Man hat damals diese Spur nicht weiterverfolgt", sagt Kerstin Schicha, weil man nicht wusste, dass die Kinder aus Lidice bei der Eindeutschung neue Namen, Geburtsdaten und Geburtsorte bekamen. Ab 1997 half sogar das Berliner Landeskriminalamt den Studenten bei ihrer Suche. Mit neuesten Computermodellen wurde anhand von Fotos berechnet, wie der kleine Josef Suchy als erwachsener Mann hätte aussehen können. Den Studenten gelang es tatsächlich, Verwandte der Pflegeeltern Roberts, die inzwischen verstorben waren, aufzufinden. "Diese haben uns bestätigt, dass er früher von Lidice und Flucht aus einem Lager gesprochen hat und man sich nur schwer mit ihm verständigen konnte, weil er auch in seinem kindlichen Geplapper sehr viel Tschechisch sprach", sagt Frank Metzing. Drei Monate, bevor sie ihn in Frankfurt am Main aufspürten, ist Robert gestorben, im Alter von 58 Jahren. Auch seine mutmaßliche Mutter in Lidice lebt nicht mehr. So ist es selbst für eine Genanalyse zu spät, die beweisen könnte, dass Robert tatsächlich Josef Suchy aus Lidice war. In einem anderen Fall - eine Frau aus Prag betreffend - könnte eine noch ausstehende Blutuntersuchung Gewissheit bringen, ob sie tatsächlich als Kind aus Lidice verschleppt worden war.Was bezwecken Kerstin Schicha und Frank Metzing mit ihren Forschungen? Sie sagen selbst, dass ihre Suche nicht "irgendwann auf ein familiäres Wiedersehen hinauslaufen" soll. "Das ist nach über fünfzig Jahren, glaub ich, auch zu grausam", sagt Kerstin Schicha. "Wenn eine Mutter ihr Kind wiedersieht und sich sagt, mein Gott, was habe ich vielleicht alles versäumt." Aber welch eine Erleichterung wäre es für die letzten heute noch lebenden achtzigjährigen Frauen, wenn sie erführen, dass ihr Kind nicht umgekommen ist, sondern ein Leben hatte, wenn auch in Deutschland, unter anderem Namen. So wie Anna Neschborova, der man im Juni 1942 im Gefängnis ihre gerade geborene Tochter Venceslava entrissen hatte. Jahrelang träumte sie von ihr. Zuletzt sah sie sie im Traum mit dem Gesicht einer fast sechzigjährigen Frau.Überleben // Lidice heißt das tschechische Dorf, das in der Nacht zum 10. Juni 1942 von deutschen Soldaten ausgelöscht worden war - als Vergeltung für das Attentat auf den Reichsprotektor Reinhard Heydrich.Die FU-Studenten Frank Metzing und Kerstin Schicha recherchieren seit zehn Jahren, was aus den wenigen Überlebenden, vor allem den nach Deutschland verbrachten Kindern, geworden ist.