GARMISCH-PARTENKIRCHEN, 1. Januar. Wie sehr ihn der Tag geschlaucht hatte, bekam Sven Hannawald eine halbe Stunde nach dem Wettkampf zu spüren. Eine Champagnerflasche sollte er öffnen im Freiluftstudio des Fernsehsenders RTL. Er meisterte die Aufgabe nur mühevoll. "Ich bin so fertig", stieß er hervor, "ich glaub, ich muss ins Bett."Vor der Nachtruhe jedoch hatte der Sieger weitere Repräsentationspflichten zu erfüllen. Hannawald, 27 Jahre alt, ist derzeit einer der gefragtesten Männer des Landes. Nach seinem Erfolg am Sonntag in Oberstdorf gewann er am Dienstag das Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen, einen Wettbewerb, der auch im Vergleich zu anderen olympischen Sportarten zu den traditionsreichsten zählt. Hannawald hat seinen Ruhm und den seiner Disziplin gemehrt. Die Hälfte aller deutschen Fernsehzuschauer dürfte zugeguckt haben, als er in einem packenden Zweikampf zunächst den Österreicher Andreas Widhölzl bezwang und eine knappe Stunde später RTL-Anchorman Günther Jauch in einen überdimensionierten weinroten Sprunganzug nötigte.Wie schon in Oberstdorf musste sich Hannawald im K.-o.-Springen des ersten Durchgangs mit Widhölzl messen. Am Silvestertag hatte er auf der Olympiaschanze von 1936 nach passablen Trainingssprüngen erneut die Qualifikation ausgelassen und wurde deshalb auf Rang 50 platziert. Im Duell mit Widhölzl, dem Tourneesieger 1999/2000, musste Hannawald diesmal vorlegen. Er landete bei 122,5 Metern, Bestweite in Durchgang eins, die von den deutschen Übungsleitern unterschiedlich bewertet wurde. "Sven macht im Moment nur gute Sprünge", meinte Bundestrainer Reinhard Heß. Dagegen mäkelte sein Stellvertreter Wolfgang Steiert, Hannawalds Heimtrainer: "Das war nur ein mittelmäßiger Sprung. Er war ein bisschen verkrampft."Andreas Widhölzl antwortete resolut. Nur einen halben Meter weniger für ihn, dafür die besseren Haltungsnoten - mit minimalem Vorsprung von sechs Zehntelpunkten führte er im Zwischenklassement. In Oberstdorf gelangte Widhölzl als "Lucky loser" ins Finale, in Garmisch war es nun Hannawald. Selten war es so eng zugegangen unter den besten Athleten. Den führenden Widhölzl trennten keine elf Zähler vom elften, dem Russen Waleri Kobelew.Vor mehr als 30 000 Zuschauern folgte ein dramatisches Finale. Der 19-jährige Japaner Hiroki Yamada (124,5 m), dem sein bislang bestes Weltcupergebnis gelang, und der Pole Adam Malysz (122,5 m) setzten Hannawald mit großartigen Sprüngen gehörig unter Druck. Als Vorletzter musste der Skiflugweltmeister auf den Bakken. Nichts gab es auszusetzen an seinem Sprung. Das Publikum brüllte, weit trug es Hannawald auf diesem Klangteppich ins Stadion hinunter.125 Meter. Tagesbestweite. Servicemann Peter Lange, der die Sprunglatten des Helden in optimalen Zustand versetzt hatte, heulte drauflos. Hannawald durchzuckte es, er führte im Auslauf seinen wilden Siegestanz auf. "Es war die reine Oberfreude", formulierte er. "Ich hätte fast einen Herzkasper gekriegt. Das ist einfach phänomenal."Noch aber war Andreas Widhölzl in der Lage, Hannawalds dritten Weltcupsieg dieses Winters zu verhindern. Auch Widhölzl überzeugte. 124 Meter wurden für ihn gemessen. Einen Meter mehr und er hätte Hannawald um die Winzigkeit von einem Zehntel bezwungen. So aber blieb der Deutsche vorn. Hinter dem Duo rangierte Weltcup-Spitzenreiter Malysz vor Yamada und dem Schweizer Simon Ammann auf Rang drei. Martin Schmitt bestätigte mit Platz acht seine ansteigende Form. Der 18-jährige Stephan Hocke überzeugte gleichfalls auf dem elften Rang der Konkurrenz.Das Risiko der LandungMit rund zwanzig Punkten führt Hannawald nun im Klassement vor Malysz und Ammann. Indes weist der Triumphator von Oberstdorf und Garmisch Spekulationen über seinen Gesamtsieg und die mirakulösen, noch von keinem realisierten vier Tageserfolge weit von sich. "Wenn ich bei einem Jubler mal rodle", beschreibt Hannawald die Risiken mit branchenüblichen Vokabeln, "dann ist der Vorsprung weg."Er könne sich nicht erinnern, dass er einmal so befreit seinen Job verrichtet habe, sagte Hannawald noch. Am Freitag wird am Bergisel in Innsbruck gesprungen, auf einer neu erbauten Schanze, deren modernes Profil dem Deutschen liegen sollte. Die Finalstation Bischofshofen (am kommenden Sonntag) liebt der abergläubische Hannawald sowieso: Dort wurde er 1999 WM-Zweiter und Teamweltmeister, hier gelang ihm 1998 auch sein erster Tagessieg bei der Tournee.Die deutschen Sieger in Garmisch // 1959 Helmut Recknagel 1960 Max Bolkart 1962 Georg Thoma 1973 Rainer Schmidt 1977 Jochen Danneberg 1978 Jochen Danneberg 1984 Jens Weißflog 1985 Jens Weißflog 1987 Andreas Bauer 1990 Jens Weißflog 1991 Jens Weißflog 1999 Martin Schmitt 2002 Sven Hannawald.DPA/MATTHIAS SCHRADER Gut gelandet, gut gebrüllt: Sven Hannawald