Zwei Performances machten die Sophiensæle kürzlich zum schillernden Wörterbuch-Labor und gerieten so gegenseitig zum Resonanzraum. Auf einer Hinterwand werden Wasserwellen projiziert, die im Kreis auseinander sprengen und alle Gedanken mit sich fließen lassen. Vorne bewegen sich ungelenk drei Soldaten und drei Frauen aufeinander zu wie Schachfiguren. Das "deutsch-russische Soldatenwörterbuch" der jungen Theaterkünstlerinnen Aglaja Romanowskaja und Jelena Charlamowa ist ein abstrakt choreographierter "Theater-Essay". Er sucht die Menschen hinter den Propagandaposen und denunziert umgekehrt die Sprachschablonen über den Stimmen.Dieser Performance dienen zwei historische Wörterbücher aus dem zweiten Weltkrieg als Textgrundlage: eines für russische Rotarmisten, das andere aus dem Bestand der deutschen Wehrmacht. Persönliche Tagebuchnotizen des Soldaten Wladimir Gelfand und einer Berlinerin, aus dem Off, kommentieren und konterkarieren die Macht und Ohnmacht dieser fremden, eigenen Blicke. Der sowjetische Soldat empört sich über den Luxus, den er in deutschen Häusern antrifft, die Frau fürchtet den "tierischen" Trieb ihrer "Befreier". Bilder und Sehnsüchte prallen aufeinander, deutsch-russische Sprechgesänge wechseln mit bizarren Körperposen, zum Vorschein kommen Mechanismen der Manipulation, des Verstehens und Missverstehens. Und auch wenn die Sätze und Körper dabei nur aneinander vorbei manövrieren, gehen die Denkbewegungen hier dennoch ineinander."Autoxylopyrocycloboros" könnte die Figur heißen, die der Konzeptkünstler Simon Starling erfunden hat: eine Seeschlange, die sich selbst in den Schwanz beißt. Doch gehört die schon in ein anderes "Wörterbuch": in die Performance "Wörterbuch des Krieges", die Tage zuvor in den Sophiensælen gezeigt wurde. Eigentlich sind die 25 "Video-Lectures" für eine Internet-Plattform produziert worden. "Das Wörterbuch des Krieges", initiiert von internationalen Wissenschaftlern, Künstlern und sonstigen Antonio-Negri-Anhängern, die sich unter dem Label "Multitude e.V." zusammentaten, sehnt sich nicht nach Verständigung. Kein Krieg der Vergangenheit tauge ihm mehr als Erklärungsmuster des gegenwärtigen "hybriden" Kriegszustands. Nur Verweigerung durch permanente Begriffs-Neuschöpfung könne noch "dem Krieg den Krieg" erklären.Gegenbewegungen gegen offizielle Denk- und Sprechweisen offenbaren beide Performances. Doch während der zweitägige, redundanzreiche Vorträge-Marathon des "Wörterbuchs des Krieges" immer gleiche Zitatzirkel aus "Foucault" und "Agamben" einschließt, übersetzen die sechs Schauspieler des "russisch-deutschen Soldatenwörterbuchs" die erlebte Fremdheit und ersehnte Nähe ihrer Figuren in offener Spielweise. Was spannungsreiche Ungewissheit angeht, ist diese dem "Multitude"-Club voraus - dessen "Vielheit der Singularitäten" erklärt sich einfach zu homogen.Das deutsch-russische Soldatenwörterbuch noch bis 4. 3., 20 Uhr, Sophiensæle, Sophienstr. 18, Karten: 238 52 66.------------------------------Zum Vorschein kommen Mechanismen der Manipulation, des Verstehens und Missverstehens.

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