Bei Otto Dix ist der Krieg eine klare Sache, unfassbar schrecklich, überschaubar. Das Triptychon in der Dresdener Galerie Neue Meister schlägt den Betrachter mit der Gewalt einer apokalyptischen Vision in Bann, aber trifft eine Zuordnung. "Der Krieg" (1929-32) besteht aus zerfetzten Leibern, Gasmaske, Stahlhelm, Bajonett, blutigem Horizont, aus dem handgreiflichen Tod.Bei Rainald Goetz lässt sich der Krieg nicht dingfest machen. Denn "der Gegner ist meistens man selbst", das Schlachtfeld schwer abzustecken, ganz zu schweigen von den Schwierigkeiten, sobald das Ringen mit sich selbst in die Gesellschaft verlagert wird. Wo endet das Scheingefecht, wo fängt "mein Kampf" an? Im Dresdener Schlosstheater findet die Goetz sche "Kriegs"-Trilogie (1986) auf den disparaten Schauplätzen des vergangenen Jahrhunderts statt. Anstatt aber Faschismus und Stalinismus als die dienstbaren Zeugen einer kriegsversehrten Menschheitsgeschichte vorzuführen, werden sie von der Regie als bloße Teilnehmer an einem ewigen, ausgelassenen Totentanz zur Schau gestellt.Wenn Hitler und Stalin unter den Decknamen DJ Ado und DJ Joe auftreten - flankiert von zwei schrecklich putzigen Teletubbies, Erfüllungsgehilfen der Macht, bewaffnet mit riesigen schussbereiten Filzstiften - dann findet der Dans macabre seine plausible Fortsetzung in der Disco. Stefan Noltes Inszenierung begnügt sich nicht, den neuesten Output der Medienwelt mit der modernen Ikonologie des Grausamen zu vermischen, eine amüsante Aktualisierung bezweckend, die auf Trivialisierung hinausläuft. Vielmehr entwirft Nolte eine durchkomponierte, sehr ernsthafte und noch in ihren politisch inkorrekten Scherzen von hoher Sensibilität des Beobachtens zeugende Allegorie des Untergangs in den Farben der Popkultur. Hierbei leisten Mathis Neithardts knallige Kostüme ironische Schützenhilfe. Fragt ein Mann einen anderen: "Sind Sie Neger?" Antwort: "Nein, Jude." Entgegnung: "Oh, aha aha aha .", verlegenes Seufzen, demütiger Rückzug, zuvor noch joviales Nicken, und in den ermutigend aufgestellten Daumen des Fragers drückt sich die furchtbar lächerliche Hilflosigkeit einer ganzen Epoche aus."Ich finde es eben lustig, grob und krass rumzutrashen", hat Rainald Goetz erklärt, "es geht um Punk und Fun, um Abgrenzung und um Spaß." Bei Stefan Nolte geht es um mehr. Er zerhackstückt Goetz Zerhackstückungen. Assoziationsketten, Wortberge, Hasstiraden fügen sich zwischen den glatten, glänzenden Pyramidenquadern, die die Bühne bilden, zu einem Angst-Raum. Da fußt "Krieg" auf dem platonischen Gedanken, dass das ganze Leben ein Kampf sei. Nur inszeniert Nolte seine Schlachten, formuliert er seine Gesellschaftskritik nicht aus der Perspektive des Moraltheoretikers, sondern aus der Perspektive eines leicht hysterischen Psychoanalytikers. Der sieht RAF und Teletubbies, totalitäre Rhetorik und Talkshow-Gebrabbel, das Gefuchtel des Gröfaz und das Gehampel der Girlies, das Possierliche und das Monströse als gleichberechtigte Ausdrucksformen einer allumfassenden aggressiven Sinnentleertheit. Wo Fatalismus und Fanatismus zur verhängnisvollsten aller denkbaren Mesalliancen verschmelzen, dort haben die alten Kriegsbilder ausgedient.Auch in der zweiten Inszenierung, die soeben am Schauspielhaus Dresden Premiere hatte, geht es um das Leben als Gefangenschaft. Brigitte Reimanns Roman "Franziska Linkerhand" war die Tragödie einer aufhaltsamen Ankunft im Alltag. Die Geschichte der Architektin Franziska, die an den Betonmauern der Baukastenstadt Halle-Neustadt und an der Betonköpfigkeit des Staatssozialismus scheitert, gilt als eindrucksvolles, feinfühliges Dokument einer verhinderten Emanzipation. Die Regisseurin Irmgard Lange jedoch verballhornt die Vorlage zu einer unerträglichen, zweistündigen Kabarettnummer. Angefangen bei den lächerlich ostzonalen Kostümen im VEB-Schick bis hin zu der unplausibel bleibenden Verlegung der Inszenierung in den Zuschauerraum, schmeckt hier alles nach fader Reminiszenz, die niemanden etwas angeht. Wo bei Reimann die großen Themen der Subalternisierung und Instrumentalisierung im politischen System verhandelt werden, wo das psychologische Debakel einer kleingestutzten Jugend aufs Tapet gebracht wird, da wird in Dresden Handlung abgespult. Was hilft eine beeindruckend präzise, doch trotzdem heißblütige Hauptdarstellerin, wenn nicht sichtbar wird, dass hier ein Mensch den Riss durch die Welt als seinen eigenen begreifen muss? Es wird auf- und abgerannt, Gerüste hinaufgeklettert, vom zweiten Rang heruntergesprochen, es gibt Slapstick-Einlagen und Schutt-Rutschen, ein Konzept zur Aneignung der Reimann schen Themen aber gibt es nicht. Die Crux, an der Franziska Linkerhand zerbricht, nicht mit zwei Wahrheiten leben zu können, diese Crux ist ja wohl immer noch aktuell.