Fast drei Jahrzehnte musste Kathrin Jürschik warten, um endlich zu tun, was sie so lange schon wollte. Als Schülerin träumte sie davon, Kindergärtnerin zu werden. Doch nach der Schule lernte sie erst Kellnerin und studierte später Betriebswirtschaft. Dann war sie arbeitslos und ließ sich zur Bürokraft weiterbilden. Half für eine Klinik in der Buchhaltung aus und schrieb für eine Fensterbau-Firma Mahnungen. Verkaufte als selbstständige Büro-Dienstleisterin mal Versicherungen, mal Abwasser- und Regentanks an Baumärkte. Dann wurde sie wieder arbeitslos, diesmal für länger. Manches war dabei, was sie heute nicht mehr täte: "Das mit den Versicherungen war das Schlimmste", sagt Kathrin Jürschik. "Das schlägt auf den Magen."Jetzt ist sie seit fast einem Jahr Kinderbetreuerin. Obwohl sie das nie gelernt und auch keine eigenen Kinder großgezogen hat. "Manchmal hat man ja so seinen Wunschtraum", sagt sie. "Hatte sich nur nicht so ergeben."Irgendwann im vorigen Herbst hatte sie ihrer Arbeitsvermittlerin im Jobcenter Pankow davon erzählt. Zur rechten Zeit: Kathrin Jürschik arbeitet seitdem im Berliner Modellprojekt "Flexible Kinderbetreuung" des Frauenzentrums "Paula Panke". Es ist ein Job auf dem Zweiten Arbeitsmarkt, dort, wo Subventionen fließen - fließen müssen, wenn ein Arbeitsplatz entstehen soll. Für diese Arbeit zahlen ihr die Arbeitsagentur und das Land 1 300 Euro brutto für 32 Stunden Arbeit die Woche. Ein Stundenlohn von 9,38 Euro: mehr als viele auf dem sogenannten regulären Arbeitsmarkt verdienen.Kathrin Jürschik, aufgewachsen in der DDR bei Magdeburg, ist jetzt 42 Jahre alt. "Bald schon 43", sagt sie. Es klingt, also zöge ihr die Zeit nur so davon. Sie ist eine große Frau mit blonden Haaren und Ponyschnitt. Wenn sie über ihr Arbeitsleben spricht, das aus so vielen Bruchstücken besteht, dann klingt viel Skepsis durch, die im Laufe der Jahre wuchs. Skepsis, ob die Dinge, die man so plant, auch kommen werden. Skepsis, ob das, was man gerade macht, von Dauer ist.Sie sitzt in einem großen hohen Raum mit weißen Liegesofas, Kiefernholztischen und einem Fernseher in der Ecke. Es ist der Gemeinschaftsraum des Frauenzentrums Paula Panke in Pankow, im Erdgeschoss eines schön sanierten Altbaus. Wer aus dem Fenster schaut, blickt vorne auf einen kleinen Park mit Spielplatz und Volleyballfeld, auf der anderen Seite, im grünen Hinterhof, gibt es einen Garten mit Wippe. In der "Flexiblen Kinderbetreuung", die das Frauenzentrum anbietet, arbeiten zurzeit 15 Frauen, jüngere und ältere, viele davon Erzieherinnen, aber auch Frauen aus ganz anderen Branchen - wie Kathrin Jürschik.Sie kümmern sich um Pankower Kinder zwischen ein und zwölf Jahren, deren Eltern, oft alleinerziehende Mütter, mit den üblichen Öffnungszeiten von Kindertagesstätten und Horten nicht auskommen. Vor sechs Uhr öffnet so gut wie keine Kita, bis 18 Uhr schließen die meisten. Das ist zu wenig für alle, die regelmäßig zum Frühdienst müssen, die oft Spätschicht haben, die Abendkurse besuchen. Und die sich die Betreuungsangebote kommerzieller Betreuungsdienste nicht leisten können, weil die mindestens zwölf Euro die Stunde verlangen; also mehr, als die Mütter pro Stunde verdienen. Auch das billige halblegale Babysitting kommt nicht infrage: Schließlich geht es darum, die Kinder frühmorgens zuverlässig in Kita oder Schule zu bringen.In den typischen Berufen mit wechselnder Arbeitszeit arbeiten besonders viele Frauen, die nicht besonders viel verdienen: Krankenschwestern, Altenpflegerinnen, Verkäuferinnen. "Arbeitgeber fordern immer mehr Mobilität und Flexibilität", sagt Helga Adler, Geschäftsführerin von Paula Panke, eine energische Frau mit dunklem Zopf, die das Frauenzentrum seit zehn Jahren leitet. Dass sich vor allem die Beschäftigten diesem Rhythmus anzupassen haben, werde inzwischen vorausgesetzt. Erst im vorigen Jahr zum Beispiel wurden die Ladenöffnungszeiten fast vollständig freigegeben. "Das erfordert Antworten", sagt Helga Adler.Die "Flexible Kinderbetreuung" will so eine Antwort sein. Die Betreuerinnen gehen zu den Familien in die Wohnungen: Kathrin Jürschik hilft mehrmals in der Woche einer alleinerziehenden Krankenschwester, die zum Frühdienst auf die Intensivstation ins Unfallkrankenhaus muss. Wenn sie um halb sechs aufbricht, ist Kathrin Jürschik schon da, weckt den dreijährigen Philipp, frühstückt mit ihm, bringt ihn in die Kita. Andere Betreuerinnen holen die Kinder wieder ab, gehen auf Spielplätze, essen mit ihnen zu Abend, lesen Gute-Nacht-Geschichten. Von drei Uhr früh bis 23 Uhr sind die Betreuerinnen unterwegs. Je nach Einkommen zahlen die Familien dafür 2,50 Euro bis vier Euro pro Stunde. An teurere Dienste wird nur verwiesen, wer ein hohes Haushaltseinkommen hat. Mehr als 70 Kinder in gut 50 Familien versorgt Paula Panke derzeit; und noch einmal halb so viele stehen jetzt schon auf der Warteliste.Nützlich, aber nicht rentabelDie Kinderbetreuung von Paula Panke ist ein Modellprojekt der Landespolitik, eines der ersten von vielen geplanten. Es gibt noch sehr viel mehr nützliche Arbeit zu tun, die sich ohne Zuschüsse nicht rechnet, sagt Kerstin Liebich, Staatssekretärin von Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (beide Linkspartei). In Berlin soll ein "Öffentlich geförderter Beschäftigungssektor", kurz ÖBS, entstehen: dauerhaft subventionierte Jobs, in denen Menschen Arbeit tun, die gebraucht wird. Mehr als 30 Projekte mit über 350 Teilnehmern gibt es schon, Ende 2009 sollen 10 000 Langzeitarbeitslose dabei sein: als Fahrgastbegleiter, Rollstuhlschieber, Behördenganghelfer, Ernährungsberater, Archivpfleger, Kiezfestorganisator. Es soll ein Gegenmodell zu den Ein-Euro-Jobs sein, finanziert über ein neues Bundesprogramm, das dem rot-roten ÖBS-Plan sehr nahekommt und die Projekte für zunächst zwei Jahre trägt. Es gehe um "gemeinnützige, sinnvolle Arbeit", sagt Liebich. "Über Arbeit definiert man sich. Ich glaube fest daran, dass sich so die Hoffnungslosigkeit von vielen überwinden lässt."Lange war es unsicher, aber vor ein paar Tagen hat auch Kathrin Jürschik erfahren, dass sie bei Paula Panke weiterarbeiten kann: zwei weitere Jahre im neuen ÖBS. "Das ist so weit ganz schön", sagt sie. Begeistert klingt sie nicht. "Na ja, man hat Arbeit, man kriegt auch Geld, man kann ein bisschen planen - aber man muss auch das Negative sehen." Sie will nicht undankbar sein, aber doch ehrlich: Es bleibt ein Behelf, findet sie, nicht einmal die Arbeitslosenversicherung gehört ja dazu. Eine Perspektive ist es schon, ja doch - aber irgendwie zweiter Klasse. Sie hofft nun, dass sie bald eine berufsbegleitende Ausbildung zur Erzieherin machen kann. Sie sagt, es ist eine vage Hoffnung.Alle Texte dieser Serie im Internet: www.berliner-zeitung.de/arbeitsserie------------------------------Foto: Kathrin Jürschik ist 42 Jahre alt. Aufgewachsen in Weferlingen, heute Sachsen-Anhalt, machte sie zuerst eine Kellnerlehre in Haldensleben. Später studierte sie in Leipzig an der DDR-Handelshochschule Sozialistische Betriebswirtschaft - und legte ihr Examen im Oktober 1990 ab. Dann folgten Arbeitslosigkeit, Weiterbildung, Selbstständigkeit, wieder Arbeitslosigkeit. Sie hofft, bald eine Ausbildung zur Erzieherin machen zu können. "Das wäre eine Chance", sagt sie.------------------------------Foto: Alle Zeit der Welt hat nicht jeder für Kinder: In Berlin sollen geförderte Jobs, etwa in der Betreuung, denen helfen, die zu Frühschicht und Spätdienst müssen.------------------------------Arbeitsplatz Berlin:Erfolgsgeschichten sind fix geschrieben, wenn der Aufschwung kommt. Im Arbeitsalltag sieht es oft anders aus: Wie hoch ist der Druck? Wer wird abgeschrieben? Wer bekommt neue Chancen? Die Berliner Zeitung berichtet in 20 Porträts vom Strukturwandel aus der Sicht der Betroffenen.Morgen: Wie Beamte zu Dienstleistern werden.