Zweiter Chefredakteur einer russischen Zeitung ermordet: Wer die Kreise der Mafia stört

MOSKAU, 13. Oktober. Die russische Tagezeitung Iswestija widmete am Wochenende ihren Aufmacher zwei getöteten Kollegen. In der russischen Industriestadt Togliatti wurde Ende vergangener Woche der Chefredakteur der Lokalzeitung Toljattinskoje Obosrenie von Unbekannten erstochen. Das Blatt verlor damit zum zweiten Mal in eineinhalb Jahren ihren Chefredakteur durch einen Mord. Der 31-jährige Aleksej Sidorow hatte den Posten des Chefredakteurs der Zeitung erst vor achtzehn Monaten übernommen, nachdem sein Freund und Vorgänger Walerij Iwanow im April 2002 erschossen worden war. Beide hatten über Korruptionsskandale beim größten Autohersteller Russlands AwtoWas und dessen Verbindungen zur organisierten Kriminalität berichtet. Der stellvertretende Staatsanwalt Togliattis, Jewgenij Nowoschilow, ließ keinen Zweifel daran, dass der Mord an Sidorow ebenso wie der an seinem Vorgänger ein Auftragsmord war. "Er schrieb über praktisch alle Führer der hiesigen kriminellen Banden", erklärte Nowoschilow. "Ich bin überzeugt, seine Mörder kommen aus diesen Kreisen." Das russische Presse- und Informationsministerium zeigte sich betroffen über die "Morde an Journalisten, die ihre Pflicht ausüben." Innenminister Boris Gryslow bezeichnete es als eine "Frage der Ehre" für die ermittelnden Beamten, den Mord an Sidorow aufzuklären. Die Mörder von Sidorows Vorgänger indes sind auch eineinhalb Jahre nach dem Verbrechen noch immer auf freiem Fuß. "Wir kennen die Namen der Mörder", hatte die Staatsanwaltschaft in Togliatti im Oktober 2002 erklärt, "können sie aber noch nicht veröffentlichen." Walerij Iwanow war durch seine Berichterstattung über Machenschaften zwischen der örtlichen Stadtverwaltung, dem Autohersteller AwtoWas und Kreisen des organisierten Verbrechens so populär geworden, dass man ihn in das Stadtparlament Togliattis gewählt hatte. Nach der Ermordung Iwanows hatte Aleksej Sidorow angekündigt, dessen Recherchen fortführen zu wollen. Die Redaktion der Zeitung Toljattinskoje Obosrenie ist überzeugt davon, dass sein Wissen um die Mafia-Verbindungen des Autoherstellers nun auch ihm zum Verhängnis wurden. Der Mord an Aleksej Sidorow ist der sechste an einem Journalisten in Togliatti. Insgesamt wurden seit dem Ende der Sowjetunion mehr als 200 Journalisten in Russland getötet. Unter den Opfern sind landesweit bekannte Fernsehjournalisten und Reporter überregionaler Tageszeitungen, das Gros der ermordeten Kollegen aber sind Reporter kleinerer Lokalzeitungen, deren Recherchen die Geschäfte der örtlichen Mafia stören.