Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht, wusste schon die Großmutter. Auf den letzten Metern vor der Bundestagswahl wächst bei der FDP die Angst: Die alte Dame könnte auch politisch richtig liegen. Denn zum ersten Mal gibt es demoskopische Hinweise darauf, was die Wählerinnen und Wähler kurz vor der Wahl denken – nicht gutes über die FDP. In der aktuellen Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen liegen die Liberalen bei 5,5 Prozent. Das sind 0,5 Punkte weniger als vor ihrem katastrophalen Ausscheiden aus dem bayerischen Landtag am vorigen Sonntag.

Normalerweise wären für die FDP erreichbare Menschen ins Grübeln gekommen: Was, die schaffen’s womöglich nicht mehr in den Bundestag? Dann wähle ich sie doch. Sie sind mir zwar in letzter Zeit auf den Wecker gefallen. Aber verzichten will ich auf die liberale Stimme im deutschen Bundestag nicht. Aber Mitte September 2013 ist nichts mehr normal für die FDP.

Deshalb hat sie ihre übliche Zweitstimmenkampagne besonders dramatisch intoniert: „Zweitstimme ist Merkelstimme“ hat Spitzenkandidat Rainer Brüderle noch am Wahlabend behauptet. Zum letzten Mal hatte die Partei 1994 die Wahl der FDP zur Wahl des Bundeskanzlers stilisiert. „Wer Kohl will, muss FDP wählen.“ 6,9 Prozent hat das damals gebracht, in einer Phase, da die Liberalen aus Landtag um Landtag flogen.

Die FDP-Politiker der aktuellen Führungsgeneration, die jünger sind als der 68-jährige Brüderle haben sich geschworen: So klein wollen wir uns nie wieder machen – vom ehemaligen Parteivorsitzenden Guido Westerwelle (51) bis zu seinem amtierenden Nachfolger Philipp Rösler (40). Kein Zufall, dass der 34-jährige Christian Lindner sich in seinen Wahlkampfreden und Interviews weigert, Brüderles Formulierung überhaupt in den Mund zu nehmen.

Er gilt als die große Zukunftshoffnung der Partei, falls Rösler und Brüderle mit ihrem Wahlkampf scheitern sollten. Der Vorsitzende distanziert sich zwar nicht vom Spitzenkandidaten. Aber in seinem jüngsten Interview versucht er als Ziel der Zweitstimmenkampagne klarzustellen: „Uns geht es um Inhalte.“

Wahlrecht als Gegner

Diesmal weht der Gegenwind vom „Wunschkoalitionspartner“ schärfer als in den vergangenen Wahlkämpfen. Nicht nur, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel nicht müde wird zu betonen: „Ich bitte die Bürger um beide Stimmen für die CDU. Zwei Kreuze, vier Jahre.“ CSU-Chef Horst Seehofer, der Wahlsieger von München, fordert die FDP sogar auf, ihre Kampagne einzustellen: „Ich rate und allen, sich in den letzten Stunden vor der Bundestagswahl mit dem politischen Gegner auseinander zu setzen und sich nicht gegenseitig die Stimmen streitig zu machen.“

Aus Sicht der Union hat die FDP den Bogen überspannt, als sie in einem Schreiben an 80 Kreisverbände, in denen es besonders knapp zwischen Union und SPD liegt, sich für den Abschluss formeller Wahlabkommen einzusetzen: Die einen werben nur um die erste, die anderen um die zweite Stimme. An die Spitze dieser Bewegung hat sich Außenminister Guido Westerwelle in seinem Bonner Wahlkreis gesetzt.

Aber der wichtigste Gegner der FDP ist in dieser Frage das neue Wahlrecht. Das Bundesverfassungsgericht hatte nämlich den Bundestag verpflichtet, Überhangmandate einer Partei durch zusätzliche Mandate für die anderen auszugleichen. In der Vergangenheit war es so, dass Parteien, die mehr Direktmandate bekamen, als ihnen nach dem eigentlich entscheidenden Zweitstimmenergebnis zugestanden hätte, diese behalten durften. Als Überhang eben. CDU-Anhänger konnten also ziemlich gefahrlos ihre Zweitstimme der FDP „leihen“, weil sie mit ihrem christdemokratischen Direktabgeordneten das Gesamtergebnis der Koalition verbesserten (was auch für andere Koalitionskoalitionen galt).

Der Vorteil ist nun dahin. Ganz sicher profitiert vom Stimmensplitting nur die FDP. Verständlich, dass die Unionsparteien da die Geduld mit einem Partner verlieren, der ihnen in den letzten Jahren ohnehin ziemlich auf die Nerven gegangen ist. Oder wie Angela Merkel einmal schmunzelnd gesagt hat: „Gott hat die FDP nur erschaffen, um uns zu prüfen.“ Das Schmunzeln scheint ihr inzwischen vergangen zu sein.