Die junge Christa Wolf in ihrem Arbeitszimmer.
Foto: bpk/Kiesling Gerhard

Im Juni 1990, da existierte die DDR noch, wenn auch nur noch auf Abruf, erscheint eine 76 Seiten schmale Erzählung, eher ein Bericht, von Christa Wolf mit dem Titel „Was bleibt“. Ohne Fragezeichen ist dies eine simple Feststellung. Das westdeutsche Feuilleton von Ulrich Greiner bis Frank Schirrmacher stürzt sich mit Häme, in der böse Vernichtungslust funkelt, auf „Was bleibt“. Für sie soll selbstverständlich nichts von der verhassten DDR bleiben, am wenigsten ihre wichtigsten intellektuellen Repräsentanten von Stephan Hermlin und Stefan Heym bis Heiner Müller und Christa Wolf, die man bis eben als kritische Reformstimmen eines demokratischen Sozialismus aus der DDR zumindest achtungsvoll behandelt hatte.

1989 wurde Christa Wolf sogar als Nobelpreiskandidatin ins Gespräch gebracht – 1990 hatten sich die Koordinaten der Welt schlagartig verändert. Das Schicksal der DDR war besiegelt, der Osten Anschlussgebiet – und kritische Intellektuelle galten nur noch als „Staatsdichter“, die zudem fast alle irgendwie – jedenfalls zeitweise – einmal Kontakte mit dem Ministerium für Staatssicherheit hatten. Man hielt es jetzt mit den lupenreinen Dissidenten, oft ohne Werk, aber wenn sie in der DDR immer ihren Feind erblickt hatten, vielleicht sogar im Gefängnis gewesen waren (und sei es nur für einige Tage) und immer so schnell wie möglich rauswollten aus der DDR, in „die Freiheit“, wie es so hinreißend naiv hieß, dann bekamen sie nun die große Bühne. Es war wieder wie bei den dogmatischen SED-Funktionären, die meinten, ob jemand was kann oder nicht, ist zweitrangig, Hauptsache, die Gesinnung stimmt. Die Hoffnungsträger auf eine andere DDR wurden ab Anfang 1990 schlicht kaltgestellt, sollten ihrer moralischen Integrität beraubt werden.

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