Herbert Schirmer, Kulturminister der letzten DDR-Regierung, 30 Jahre später an seinem Haus in Lieberose, Brandenburg.
Foto:  Berliner Zeitung/Carsten Koall

Herbert Schirmer war der letzte Kulturminister der DDR-Regierung, aber nicht nur das: Er war auch der letzte deutsche Kulturminister überhaupt. Dieses Amt gibt es in der Bundesrepublik nicht. Schirmer wohnt in der schönen Stadt Lieberose im Spreewald, nicht weit von der Burg Beeskow entfernt, wo heute noch jene DDR-Kunst zu sehen ist, die er in der Anarchie der Wendezeit vor ihrer Vernichtung rettete. Seine Frau öffnet die Tür zum Haus der Familie und bittet auf die Terrasse. Herbert Schirmer kommt, setzt sich und fragt: Worum soll es eigentlich im Gespräch gehen?

Berliner Zeitung: Wir interviewen ehemalige Minister der letzten DDR-Regierung. Wir wollen wissen, wie ganz „normale“ Leute wie Sie in diese Rolle gekommen sind.

Herbert Schirmer: Ja. Ganz normale Leute, aus dem Stand. Das kam einem Schockerlebnis ziemlich nah.

Wie war das genau? Erzählen Sie!

Ich bin aus Potsdam zu einer Präsidiumssitzung am Platz der Akademie in Berlin gefahren. Ich kam zu spät, weil es an der Grenze immer noch ein bisschen haperte, betrat den Raum und fand auf meinem Platz einen Zettel, auf dem stand, Lothar de Maizière freue sich sehr, dass ich bereit bin, Minister für Kultur der DDR zu werden.

Und vorher hatte keiner mit Ihnen gesprochen?

Nein, nein. Und ich hätte mich auch in keinster Weise für dieses Amt beworben. Ich kam aus dem Neuen Forum und war trotzdem Mitglied der CDU geblieben. Am 3. März hatte ich gerade erst den Landesvorsitz der CDU in Brandenburg gewonnen. Ich habe mir dann zehn Minuten Zeit genommen, um zu überlegen. Ein kleiner Schwächeanfall war auch dabei.

Ein Schwächeanfall?

Das war die Überraschung, der Schock, die Verantwortung. Ich kam aus einem Kunstmuseum in Cottbus und hatte bis dahin eher mit Bildern zu tun als mit 500 Mitarbeitern im Ministerium für Kultur.

So war Lothar de Mazière auf Sie als Kulturminister gekommen?

Meine ganze Laufbahn hatte mit Kultur im weitesten Sinne zu tun. Und wir glaubten ja damals noch, dass man als Minister etwas von der Materie verstehen muss; zu wissen, wie ein Theater funktioniert, wie ein Bild entsteht, wie Museen arbeiten. Ich wusste nicht, dass das im politischen Amt eher sekundär ist und man in der nächsten Legislaturperiode auch Verteidigungsminister werden kann.

Sind Sie nicht auch mal Heizer und Maschinist gewesen?

Ja, nach der Schule. Ich war so ein Pseudoüberflieger, hatte mich zweimal an der Schauspielschule Berlin beworben, war durchgefallen und dachte, so ein richtiger Beruf gibt mir ein bisschen Bodenhaftung. So war es dann auch, im Grunde zehre ich bis heute von dieser Zeit.

War der Zettel auf dem Stuhl ein Trick von de Maizière, Sie vor vollendete Tatsachen zu stellen?

Also zumindest sind alle Vorbereitungen ohne mich abgelaufen, und keiner hat ein sonderlich solidarisches Grundgefühl mir gegenüber entwickelt, mir auf die Schulter geklopft oder ein paar aufmunternde Worte zugeflüstert. Nein. Dass ich es gemacht habe, hat sehr viel mit der Person von Lothar de Maizière zu tun und dieser Aufbruchssituation, dem Geist des Herbstes ’89. Deswegen habe ich Ja gesagt.

Woher kannten Sie Lothar de Maizière?

Ich war mit ihm am Tag des Mauerfalls in der Friedrichstadtkirche. Wir trafen uns mit Bürgerbewegten und wollten an jenem Abend Gerald Götting, den damaligen Vorsitzenden der CDU, aus dem Amt jagen. Plötzlich ging die Tür auf, ein Mann kam herein und sagte: „Die Mauer ist offen.“ Wir haben versucht, ihn zu beruhigen. Ich habe es nicht geglaubt, und ehrlich gesagt passte es auch nicht in unser politisches Programm. Nach der großen Alexanderplatz-Demonstration am 4. November war die Richtung eine ganz andere. Wir wollten nicht die Mauer einreißen und die Wiedervereinigung herbeiführen, sondern das System der DDR demokratisieren. Wir wussten vor allem, was wir nicht wollten, und haben den Herbst ’89 und das erste Quartal 1990 unendlich genossen. Dieses Gefühl, plötzlich Selbstbewusstsein zu bekommen, seine Meinung zu sagen und das mit Taten zu verbinden. Das hat dieses Maueröffnungserlebnis – bei mir jedenfalls – um einiges übertroffen.

Anfang 1990, als Sie dann Minister wurden, lief schon alles auf die Einheit zu.

Ja, da zählten eher materielle Bedürfnisse. Die Vorzüge des kapitalistischen Systems standen mehr im Mittelpunkt als die demokratischen Freiheiten. Es war ja nur eine Minderheit, die diese Veränderungen in der DDR wollte und auch was dafür getan hat. Die große Mehrheit hatte es sich in der DDR ziemlich gut eingerichtet, und keiner hat damit gerechnet, dass es irgendwann ein Ende findet.

Ich musste das erst mal alles meiner Frau beibringen, ihr gefiel es schon nicht, dass ich plötzlich Parteifunktionär wurde. Sie hat gedroht, sich scheiden zu lassen.

Herbert Schirmer, letzter DDR-Kulturminister

Lothar de Maizière hat auf Ihrer ersten Kabinettssitzung verkündet: Meine Damen und Herren, unser Auftrag ist es, uns abzuschaffen. Erinnern Sie sich daran?

Ja. Er hat auch gesagt, wir wollen den zweiten Osterfeiertag wieder einführen. Das war unsere allererste Regierungshandlung.

Den Ostermontag gab es in der DDR gar nicht als Feiertag?

Nein, die DDR hatte alle zweiten kirchlichen Feiertage abgeschafft, und wir haben an jenem Gründonnerstag den Beschluss gefasst, den zweiten Osterfeiertag wieder einzuführen. Wir saßen da alle an diesem Kabinettstisch wie bestellt und nicht abgeholt, vergessen irgendwie, haben uns gegenseitig gemustert, fanden uns alle ziemlich sympathisch und wussten, dass das eine irrsinnige Aufgabe wird, was da vor uns stand.

Wie haben Sie sich gefühlt?

Ich musste das erst mal alles meiner Frau beibringen, ihr gefiel es schon nicht, dass ich plötzlich Parteifunktionär wurde. Und dann noch Minister. Sie hat gedroht, sich scheiden zu lassen.

Ehrlich?

Ja, es war bei uns üblich, dass wir uns nicht mit Parteien einlassen. Ich bin erst im Winter 1986 Mitglied der CDU geworden, nicht weil ich so begeistert war, sondern weil wir dieses Haus hier in Lieberose zurückhaben wollten, das unserer Familie gehörte. Die hiesige Stadtverwaltung wollte uns zwingen, eine Wohnung für eine weitere Familie auszubauen. Wir wollten das nicht, und da hat uns die CDU Beeskow geholfen. So fing alles an.

Unsere Serie

Im 30. Jahr der Wiedervereinigung erleben wir erneut einen Umbruch in der Gesellschaft, ausgelöst durch die Corona-Krise. Die Berliner Zeitung begleitet diese Zeit, in der erneut viel Altgewohntes auf dem Prüfstand steht, mit Essays, Analysen, Interviews. Wir wollen Debatten führen und fragen, was wir aus dem Gestern für ein besseres Morgen lernen können.

Haben Sie eine Idee für die Serie „Zeitenwende“ oder wollen Sie uns Feedback geben? Schreiben Sie uns!

Sabine Rennefanz
Anja Reich

https://zeitenwende.berliner-zeitung.de/

Was macht man dann, wenn man plötzlich Minister ist?

Als Erstes habe ich eine Liste mit Empfehlungen bekommen, wen ich als Mitarbeiter in meinem Dunstkreis anstellen möge. Die meisten kannte ich aus der Kulturpolitik. Meine Begeisterung hielt sich in Grenzen. Ich habe von 15 Empfehlungen zwei genommen und mein restliches Leitungsteam aus der freien Kulturszene zusammengesetzt. Allerdings war einer von den beiden ein Stasi-Beamter. Ich habe es aber dabei belassen, ihn im Auge zu behalten.

Sie wussten, dass er bei der Stasi war, und haben ihn behalten?

Ja, ich habe auch stellvertretende Minister am Schreibtisch sitzen gehabt, die erklärten, sie wollen jetzt sofort aus der SED austreten. Ich habe zu ihnen gesagt: Wenn Sie bis jetzt keinen Anlass dazu hatten, dann können Sie gerne drinbleiben. Wo sollten diese Leute denn plötzlich alle hin? Hunderttausende alleine aus dem Kulturbereich! Schon in Brandenburg hatte ich kurz zuvor Mitarbeiter der CDU-Dienststellen entlassen müssen, Leute, die bis zur Rente geplant hatten, in diesen Ämtern zu bleiben. Ich habe Höllenqualen gelitten, hatte panische Angst, dass einer von diesen Kandidaten aus dem offenen Fenster springt.

Was war die schwierigste Aufgabe für Sie als Kulturminister?

Die Rettung der Defa. Ich hatte dem Boss in einem Gespräch neun Millionen Mark versprochen, damit die Defa weiterarbeiten kann, hatte die neun Millionen aber nicht. Der Herr hat das gleich an die Medien weitergegeben, ich konnte nicht mehr zurück. Wir haben das Geld dann gefunden. Diese Entscheidungen mussten aus dem Stand getroffen werden. Der ganze Betrieb lief ja weiter: In Athen habe ich eine Heinrich-Schliemann-Ausstellung eröffnet, in Polen ging es um die Rückgabe von Bibliotheksbeständen, im Kino International, wo ich meine Antrittsrede hielt, saßen Hunderte Mitarbeiter vor mir: aus der Akademie der Künste, dem Brecht-Zentrum, den Orchestern, den Rockgruppen, den Zirkussen ...

Sie waren auch für den Zirkus zuständig? Zirkus Busch und Berolina?

Ja, die gehörten auch zu den Kultureinrichtungen. Dann die Doppelungen der Theater in West- und Ost-Berlin, die Frage: Welches geben wir auf?

Es hat dann eher die West-Berliner Theater getroffen?

Ja, aber diese erniedrigende Arbeit hat der Berliner Senat ab dem 2. Oktober übernehmen müssen. Ich hatte noch kurz nach der Währungsunion im Juli 1990 eine Million D-Mark ins Deutsche Theater gebracht, weil das Ensemble auseinanderlief oder schon von anderen West-Theatern verpflichtet wurde. Ich habe auch den Intendanten eingesetzt, Thomas Langhoff, der gar nicht begeistert war. Das Erste, was der Berliner Senat nach dem 3. Oktober gemacht hat, war, diese Entscheidung rückgängig zu machen. Und ich meine, Langhoff war eine Persönlichkeit, gegen die man einfach nichts haben konnte.

Wie lange wollt ihr eigentlich diese Laienspielgruppe in Ost-Berlin noch agieren lassen?

Max Streibl, ehem. bayerischer Ministerpräsident

Als Sie ihn eingesetzt haben, wussten Sie da schon, dass Ihre Entscheidung möglicherweise wieder zurückgenommen wird?

Ich wusste es nicht, aber es gab so eine Ahnung, weil der Umgang mit uns immer rauer wurde, vor allem als Max Streibl, der bayerische Ministerpräsident, seinen berühmten Ausspruch tätigte: Wie lange wollt ihr eigentlich diese Laienspielgruppe in Ost-Berlin noch agieren lassen?

Die Laien waren Sie, die DDR-Minister?

Ja, wir haben uns später über diesen Ausspruch amüsiert, weil wir der Meinung waren: Er hatte ja irgendwo recht. Wir waren Laienspieler. Aber die Art und Weise, wie man mit diesen Laienspielern umging, die ja eine ungeheure Arbeit geleistet hatten – im Parlament oder in der Regierung –, eine Arbeit, die bis heute wenig gewürdigt wird. Ich glaube, es wendet sich jetzt ein bisschen, man hört andere Töne, und es tut ja auch niemandem mehr weh, ein spätes Lob nachzureichen. Als ich die ersten Male nach Bonn flog, wurden wir noch herumgereicht und begrüßt, als wären wir Außerirdische: Was für ein großes Glück, dass es euch gibt, und so weiter. Nach einer Weile sind die Sympathien von uns weggegangen, also von mir speziell, weil ich in ihren Augen nicht der typische Parteipolitiker war und aus dem Neuen Forum kam.

Und dann marschierte Kohl ein, ließ die Ossis zu sich kommen. Er nahm den einen rechts und den anderen links unter den Arm.

Herbert Schirmer

Wie war Ihr Verhältnis zu Helmut Kohl?

Nicht sehr eng, aber er hat mich einmal in seiner Armbeuge fünf Zentimeter über dem Erdboden gehoben. Das war in Neuss auf dem Parteitag der NRW-CDU, im Februar oder März 1990. Ich war designierter Landesvorsitzender und sollte an dem Parteitag teilnehmen. Und dann marschierte Kohl ein, kam ins Präsidium und ließ die Ossis zu sich kommen, mich und einen aus Eisenach. Er nahm den einen rechts und den anderen links unter den Arm.

Und hat Sie richtig angehoben?

Er wollte das vielleicht gar nicht, aber dadurch, dass er größer war als wir, spürte ich plötzlich so einen Schwebezustand unter der Sohle, und das machte dann das Absingen der dritten Strophe der Nationalhymne besonders pikant.

Apropos Hymne: Günther Krause sagte uns, es habe Bestrebungen gegeben, den DDR-Hymnentext in die deutsche Nationalhymne einzubringen? Haben Sie sich dafür eingesetzt?

Ernsthaft habe ich es nie betrieben. Eine neue gemeinsame Hymne hätte mich eher interessiert. Es gab den Vorschlag, die Kinderhymne von Brecht zu nehmen. Aber Johannes R. Bechers DDR-Hymnentext, so deutsch-national er auch klingen mag, danach war mir nicht. Das wäre eine Umkehr in die Vergangenheit gewesen.


Herbert Schirmer im Sommer 2020.
Foto: Berliner Zeitung/Carsten Koall

Wir haben gelesen, dass Sie in Ihrer Zeit als Minister den Pergamon-Altar verteidigen mussten.

Als ich die Schliemann-Ausstellung in Athen eröffnet habe, wurde die Debatte über die Rückgabe des Pergamon-Altars von Journalisten angeheizt. Das ist dasselbe wie mit der Nofretete, die ja auch immer mal wieder zurückverlangt wird.

Ging damals nicht auch die Suche nach dem Bernsteinzimmer los?

Ja, Peter-Michael Diestel tauchte eines Tages bei mir auf und sagte: Ich habe es jetzt. Es gibt einen See und da müssen wir tauchen. Was natürlich ein Flop war.

Spielte NS-Raubkunst überhaupt eine Rolle?

Eher nicht. Aber ich habe die Direktoren der Kunstmuseen der DDR nach Berlin eingeladen und sie gebeten, die Verlustlisten mitzubringen von Kunstwerken, die durch den Abtransport in die Sowjetunion verloren gegangen waren. Ich bin mit den Listen zum russischen Botschafter gegangen, habe gesagt, dass mir bewusst ist, warum das alles so gekommen ist, aber dass es doch an der Zeit ist, über eine Rückgabe nachzudenken. Der Botschafter saß in so einer operettenhaften Uniform à la Lukaschenko vor mir und ließ, weil er kein Deutsch sprach und mein Russisch auch sehr zu wünschen übrig ließ, seinen Kulturattaché reden. Natürlich ist die Sache im Sande verlaufen. Ein paar Tage später habe ich Nikolai Gubenko in Schönefeld abgeholt, den sowjetischen Kulturminister. Der hat gesagt: Wenn du etwas wiederhaben willst, musst du es kaufen. Und so ist es gekommen.

Gerade ist die Diskussion um Christa Wolf neu entfacht, wie regimetreu oder -kritisch sie war. Ging das damals in Ihrer Ministerzeit schon los?

Ja, das begann in Potsdam auf einer Diskussionsveranstaltung, einer deutsch-deutschen Begegnung von Künstlern, Literaten, Musikern, Politikern. Der damalige Moderator der „Aspekte“-Sendung war dabei, und Frank Schirrmacher von der FAZ war einer der Antreiber. Willy Brandt versuchte, das Ganze ein bisschen zu glätten.

War Christa Wolf auch dabei?

Ja, sie war sehr ruhig. Ich glaube, sie sah gar keine Möglichkeit, sich in dieser Tonlage verteidigen zu können. Dass sie das gekonnt hätte, steht außer Frage. Aber die Schirrmacher-Generation ist wenig rücksichtsvoll.


Von über 70 DDR-Verlagen haben drei überlebt – das muss man eigentlich nicht kommentieren.

Herbert Schirmer


Kurz zuvor war sie noch im Westen als Widerständlerin gefeiert worden. Woher kam dieser Stimmungsumschwung?

Diese Frage müssen Kulturpolitiker im Westen beantworten. Für mich ist es unerklärlich, warum die gefeierten oppositionellen Schriftsteller der DDR über Nacht abgeschafft gehörten.

Weil sie Konkurrenz waren?

Auch. Bei den Verlagen wurde es ja noch deutlicher, das Konkurrenzverhalten. Von über 70 DDR-Verlagen haben drei überlebt – das muss man eigentlich nicht kommentieren. Und dass jemand, der aus der Baubranche kam, in der Treuhand für die Verlage verantwortlich war, auch nicht.

Hat sich eigentlich später mal jemand für sein Verhalten damals entschuldigt?

Nein. Nach dem 3. Oktober war man weg, als wäre nichts gewesen.

Was heißt weg? Sie waren dann arbeitslos?

Ja. Am 4. Oktober. Wie die meisten anderen auch. Es gab noch ein Gespräch in Bonn, wie man eventuell mit mir weiter verfahren könnte, ein Posten in der Adenauer-Stiftung oder so – was ich abgelehnt habe. Das kratzte an meinem Selbstbewusstsein, ich habe denen geantwortet: Ich habe genug gelernt, ich komme schon durch.

Andere aus Ihrem Kabinett wurden Minister für besondere Aufgaben. Wie wurden diese Posten verteilt? Und hat Sie das auseinandergebracht, Ihre eingeschworene Truppe?

Es gibt dieses alte wunderbare Prinzip: Bevorzuge die einen, benachteilige die anderen, und die Sache erledigt sich von selbst. Ich muss allerdings auch sagen, ich war so was von vergnatzt, dass mich nichts mehr interessiert hat für eine Weile.

Warum?

Weil der Abgang so schmerzhaft war. Weil ich persönlich das Gefühl hatte: Jetzt, wo ich „drin bin“, die Materie einigermaßen beherrsche, das politische Geschäft weitgehend mitgestalten kann, kommt das Aus.

Sie wären gerne Minister geblieben?

Nicht unbedingt Minister, auch Abgeordneter. Endlich konnte ich was gestalten!

Und warum ging das nicht?

Als die Liste für den Bundestag festgezurrt wurde, haben einige Kollegen aus Cottbus, alte Funktionäre, dafür gesorgt, dass ich auf Platz 42 lande. Das war so was von aussichtslos, ein kleiner Rachefeldzug.

Die alten CDU-Funktionäre haben nicht aufgemuckt, sondern einfach weitergemacht, was man ihnen gesagt hat. Der vorauseilende Gehorsam als oberstes Prinzip. Hat weiter funktioniert.

Herbert Schirmer

Dafür, dass Sie CDU-Mitglieder in Brandenburg für Ihre Vergangenheit attackiert hatten?

Die alten CDU-Funktionäre waren für eine Weile abgetaucht oder hatten sich weggeduckt. Und dann erschienen sie plötzlich wieder mit einer solchen Selbstsicherheit, und wir, die Neuen, wurden von ihnen weggeschoben. Die CDU der DDR war eine Blockpartei der SED und bei Licht betrachtet eine Erfüllungsgehilfin. Alle, die nicht in die SED wollten, sind in die CDU oder eine andere Blockpartei ausgewichen, das war nur ein anders gefärbtes Politik-Modell der SED. Es gab keine Partei, die so gut wie die Ost-CDU strukturiert war. Die CDU-West hat die ganzen DDR-Strukturen übernommen und musste nur auf einen neuen Pfad setzen.

Und Sie haben sich geärgert, wie schnell die sich gewendet haben?

Naja, die haben die Rolle des Unterdrückten gespielt und plötzlich eine Rehabilitierung durch den Westen erfahren. Als Funktionäre aus dem alten System hatten sie viele Kenntnisse, die wir als Newcomer nicht haben konnten, waren aber willfähriger, haben nichts kritisiert, haben nicht aufgemuckt, sondern einfach weiter gemacht, was man ihnen gesagt hat. Der vorauseilende Gehorsam als oberstes Prinzip. Hat weiter funktioniert.

Haben Sie das auch bei Ihren Kollegen der letzten DDR-Regierung beobachtet, dieses anbiedernde Verhalten?

Die meisten von uns waren mit der Bürgerbewegung verbandelt oder mit der SPD-Gründung. Wir waren eine eingeschworene Truppe, die durch die Schwierigkeiten und diese maßlose Arbeit zusammengeschweißt war. Das ist heute noch so. Wenn wir uns irgendwo auf der Straße begegnen, wird sich umarmt.

Sie umarmen Peter-Michael Diestel, wenn er Ihnen auf der Straße entgegenkommt?

Das ist eine böse Frage.

Was ist mit Herrn Krause?

Mit Herrn Krause habe ich später mal ein Podiumsgespräch gemacht, und wir haben, ja, friedliche Koexistenz geschlossen.

Warum gab es so wenig Solidarität unter den Ostdeutschen, gibt es sie bis heute oft nicht?

Ich glaube, das ist eine Sache zwischen denen, die es angeblich geschafft haben, und denen, die auf der Strecke blieben.

Wie sind Sie eigentlich dazu gekommen, DDR-Kunst zu sammeln? Oder sagen wir mal: zu retten?

Das war so eine verrückte Idee, die schon im Mai entstand, also wenige Wochen nach der Wahl, als die meisten DDR-Bürger sich so was von schnell von ihren gewohnten Objekten – nicht nur Kunst – verabschiedeten und ganz schnell Westen werden wollten. Sie haben diese Dinge wirklich auf den Müll gebracht. Ich kam ja aus dem Museum und habe mit dem Generaldirektor des Kulturfonds der DDR vereinbart, dass wir die Kunstwerke in den öffentlichen Einrichtungen, Sportvereinen, der NVA, in den Gewerkschaften, den Urlaubshäusern, den Schulen und so weiter einsammeln und nach Berlin bringen. Ich wusste nicht, was ich damit machen werde. Aber erst mal retten und im Keller des Ministeriums am Molkenmarkt einlagern. Zukunft ungewiss.

Wissen Sie noch, was Sie als Erstes gerettet haben?

Nein, ich war nur derjenige, der grünes Licht erteilte. Organisiert hat das Ganze der Generaldirektor des Kulturfonds. Der hat die Autos losgeschickt. In den frühen 90er-Jahren haben wir die Museen der neuen Länder eingeladen, sich den Kunstbestand anzusehen, und haben die Werke in einer Auktion, die ich geleitet habe, versteigert. Ohne Geld. Am Ende habe ich gesagt: Wenn den Rest keiner will, nehme ich das mit. Ich war in Beeskow ja schon Direktor der Burg und habe dort das „Dokumentationszentrum Kunst in der DDR“ aufgebaut.

Es setzte damals gleich eine solche Denunziation von DDR-Künstlern ein. Wir wollten das Verschwinden verhindern.

Herbert Schirmer

Übrig blieb dann vor allem die Auftragskunst?

Aber auch vieles, was sehr gut war. Es setzte ja damals gleich eine solche Denunziation von DDR-Künstlern ein. Wir wollten das Verschwinden verhindern, haben Ausstellungen gemacht, Kataloge gedruckt. Und wen es interessierte, der konnte auf die Burg kommen und sich das ansehen.

Wie hat sich die Wertschätzung von DDR-Kunst seitdem geändert?

Jüngere Leute gehen heute viel unbefangener damit um und erkennen: Der Mensch ist fehlbar, aber die Kunst ist etwas anderes.

Was wäre passiert, wenn Sie die Kunst nicht gerettet hätten?

Leute haben die Bilder unter den Arm genommen und nach Hause getragen.

Und haben die jetzt zu Hause hängen?

Oder haben sie zerstört. Das haben wir auch erlebt. Bilder, die mit einem Messer zerschlitzt worden waren und in diesem Zustand zu uns nach Beeskow gekommen sind. Das waren Ersatzhandlungen aus Hass auf die DDR oder aus Trotz: Jetzt lassen wir das alles an den Bildern aus!

Was war Ihr wertvollstes Bild, aus heutiger Sicht? Ein Neo Rauch?

Der kam erst später zu uns, über die Auflösung der Magistratsbestände. Es gibt mehrere Konrad Knebels, wunderbare Stadtlandschaften, aber auch Johannes Heisig, Michael Hegewald aus Berlin – also Leute, die sich gesellschaftspolitisch als Künstler in ihren Bildern artikuliert haben, Porträts zum Beispiel aus den 80er-Jahren, der bleiernen Zeit der DDR, wo die eigene Resignation mitgemalt wurde.

Was haben Sie in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 gemacht?

Ich habe in der Nacht der Vereinigung das Titanic-Fest gefeiert. Wir haben mit den Bühnenbildern des Deutschen Theaters das ganze Ministerium zur Titanic umgerüstet und den Untergang gefeiert. Ich habe meine letzte Treppenrede gehalten, und die bolschewistische Kurkapelle aus Prenzlauer Berg hat das Ganze musikalisch begleitet. Ich hatte keine Lust auf diese ganzen Pathos-Veranstaltungen und diese Pseudo-Gesänge.

Was werden Sie an diesem 3. Oktober machen?

Ich glaube, arbeiten. Ich bin schon lange nicht mehr als Festredner eingeladen worden und habe damit kein Problem. Davon habe ich mein persönliches Befinden noch nie abhängig gemacht.

Würden Sie sagen, die Einheit ist geglückt?

Ja. Mit allen Macken, die sie hat.


Biografie

Herbert Schirmer, 1945 in Stadtlengsfeld bei Eisenach geboren, fiel nach dem Abitur bei der Aufnahmeprüfung für die Schauspielschule durch, arbeitete dann erst mal als Maschinist und Heizer, machte eine Ausbildung zum Buchhändler und studierte Journalistik in Leipzig. Er arbeitete im Bezirkskabinett für Kulturarbeit Dresden, war Chefredakteur des Kultur-Report Dresden und Abteilungsleiter im Verlag der Kunst. 1986 trat er in die Ost-CDU ein. Im Herbst 1989 war er Mitbegründer und Sprecher des Neuen Forums in Beeskow. Im März 1990 wurde er Vorsitzender des CDU-Landesverbandes, legte aber aus Frust über die alten Seilschaften bereits im August 1990 sein Amt nieder. Im Februar 1991 trat er aus der CDU aus und war von 1992 bis 1998 SPD-Mitglied. Heute ist er parteilos. Nach seiner Tätigkeit als Kulturminister der letzten DDR-Regierung von März bis Oktober 1990 wurde er arbeitslos. Von 1991 bis 1998 war er Direktor des Museums in der Wasserburg Beeskow, wo er das „Dokumentationszentrum Kunst in der DDR“ initiierte. Er lebt als Journalist in Lieberose.