Beate Zschäpe hängt Wäsche auf und plauscht mit dem Nachbarn, Uwe Mundlos trägt ein gläsernes Terrarium aus der Wohnung und reinigt es an einer Mülltonne, Uwe Böhnhardt kommt vom Einkaufen zurück und sammelt Kastanien auf. Über allem strahlt eine freundliche Herbstsonne. Am 23. und 24. September 2010, als diese Aufnahmen an der Zwickauer Frühlingsstraße entstanden sind, waren die drei auf den Bildern so harmlos und normal wirkenden Menschen unter der Bezeichnung NSU schon jahrelang mordend und raubend durch die Republik gezogen.

Die Aufnahmen stammen aus Computerdateien mit fast 30 Stunden Videomaterial. Experten des Bundeskriminalamtes hatten die Dateien auf einer schwer beschädigten Festplatte aus der Wohnung des NSU-Trios wiederherstellen können. Aufgenommen wurden die Bilder durch vier Überwachungskameras, die Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe an ihrer Wohnung angebracht hatten, um das Umfeld des Hauses im Blick zu haben.

Im April 2008 war das Trio in die Frühlingsstraße 26 umgezogen, in eine gutbürgerliche Einfamilienhausgegend im Norden der sächsischen Kreisstadt. Auf ihren Wunsch hin waren bei der Sanierung des Hauses zwei kleinere Wohnungen im ersten Geschoss zu einer 125 Quadratmeter großen Etagenwohnung zusammengelegt worden. Dafür bezahlten sie monatlich 740 Euro Miete.

Auf eigene Rechnung montierten die drei mehrere Sicherheitsschlösser in ihrer speziell verstärkten Wohnungstür, ließen in einem Zimmer einen Safe in die Wand ein und bauten doppelt abgehängte Decken als Schallschutz ein. Eine Verbindungstür in einen abgetrennten Bereich der Wohnung tarnten sie geschickt, sodass Besucher den Zugang nicht erkennen konnten. An drei Fenstern und im Türspion der Wohnungstür installierten sie zudem Überwachungskameras.

Wäschekorb und Briefkasten

Die Mitschnitte der Überwachungskameras erlauben einen, wenn auch kleinen Einblick in den bislang weitgehend im Dunkeln liegenden Lebensalltag des Trios in Zwickau. Damit kehrt sich der eigentliche Zweck der Kameras auf absurde Weise um: Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt, die damit eigentlich ihre Umgebung überwachen wollten, sind jetzt, da das Videomaterial in die Hände der Ermittler gelangt ist, zum Objekt der (eigenen) Ausspähung geworden.

Überraschende Erkenntnisse liefern die Mitschnitte aus den Jahren 2009 bis 2011 gleichwohl nicht. Selten einmal gerät die Kameraaufnahme des Treppenhauses in Bewegung, wenn sich drei, vier Mal am Tag die Wohnungstür öffnet. Meist ist es dann Zschäpe, die mit einem Wäschekorb das Haus verlässt oder zum Briefkasten geht. Manchmal ist Böhnhardt mit ihr zu sehen, wenn sie gemeinsam einkaufen gehen oder hinunter in den Keller, um Fahrrad zu fahren. Noch seltener gerät Mundlos ins Bild, was die These der Ermittler stützt, dass er in den letzten Jahren nicht mehr ständig in der Frühlingsstraße wohnte und wahrscheinlich einen eigenen, bis heute unbekannten Unterschlupf in der Nähe hatte.

Kleinigkeiten fallen auf: Etwa, dass alle drei, bevor sie die Wohnung betreten, ihre Schuhe ausziehen und vor der Tür abstellen. Als sie einen Freund verabschieden, der sie besucht und die Straßenschuhe dabei anbehalten hat, greift Mundlos anschließend zu einem Besen und fegt den Flur. In einer anderen Szene geht Zschäpe mit zwei Tüten zu den Mülltonnen im Hof, eine für Plastikmüll, eine für Hausmüll. Ordentliche Mieter, so vermitteln es diese Bilder, die für Sauberkeit sorgen und den Müll trennen.

Für das Münchener Oberlandesgericht, das im NSU-Prozess herausfinden muss, ob Beate Zschäpe in die Morde und Banküberfälle ihrer beiden Freunde eingeweiht war, sind die Kameras und aufwendigen Sicherheitseinbauten in der Wohnung wichtige Indizien. Sie belegen den gemeinsamen Willen des Trios zur Konspiration und zur Tarnung ihrer kriminellen Aktivitäten.

2012 ist das teilweise zerstörte Gebäude in der Frühlingsstraße abgerissen worden. Wo einst die Kameras des Trios die Umgebung überwachten, ist heute eine große Rasenfläche.