Zur Eröffnung 1907 hatte der Bau eine sensationell gute Presse. Kritiker nannten das neue Grandhotel Adlon ein Symbol des Eintritts in das 20. Jahrhundert, einen Geniestreich der Baukunst und empfanden die üppigen Fresken in den Festsälen gar als Mischung aus Tiepolo und Jules Verne. Sofort ging der Riesenblock als Sehenswürdigkeit in den Baedeker ein, und die Adlon-Architekten namens Gause und Leibnitz sahen sich in der Öffentlichkeit mit Jahrhundertwende-Baustars wie Wallot, Hoffmann und Messel verglichen. Neunzig Jahre später jedoch ruft die Reprise des Adlon unter Fachleuten alles anderes als Begeisterung hervor. Der Berliner Kulturpolitiker Bernhard Schneider nennt das Hotel eine "Architektur der röhrenden Hirsche", der Architekt Stephan Braunfels empfindet es als "geschmacklos und primitiv", Wolf Jobst Siedler ärgert sich über derart "subalterne und banale Kopien", und die Senatsbaudirektorin Barbara Jakubeit sieht bloß einen "Renditebau mit historisierendem Mäntelchen".Nach soviel Schelte sind die Architekten des neuen Adlon überaus mißtrauisch geworden. Seit 25 Jahren arbeiten Rüdiger und Jürgen Patzschke und ihr Kompagnion Rainer-Michael Klotz in Berlin. Sie residieren fernab des Berliner Baulärms auf der Beletage einer großmächtigen Stadtvilla am Bahnhof Grunewald, haben überall in Deutschland große Wohn- und Bürohäuser entworfen und zielen auf einen "neuen Traditionalismus, der hinter die Bauhaus-Epoche zurückgreift". Ihre Arbeiten sind in keiner Galerie und keinem Architektur-Jahrbuch zu finden, und auf den unzähligen Podien des Berliner Baustreits waren sie nie zu sehen.So viel Unbekümmertheit, ja Teilnahmslosigkeit angesichts der europaweit lebhaftesten Stadtdebatte macht stutzig. Während andere Baumeister in der Gunst des zumeist jüngeren Publikums zu regelrechten Pop-Stars aufsteigen, bleibt es um Patzschke, Klotz & Partner deprimierend still. Wo in England oder Frankreich die neuen Traditionalisten mit offenem Visier um die Wiedereinführung geschichtlicher Formen in die Alltagsarchitektur kämpfen, verstecken sich die deutschen Historisten hinter der Marktmacht von Großinvestoren, die solche Großbauten ganz ohne Wettbewerbe und Diskussionen in die Stadt pflanzen. So entzieht sich der mit Abstand sichtbarste, vornehmste und provokanteste Neubau der Berliner Mitte jeder Diskussion. Ob die Kolossalordnung der Adlon-Fassade gelungen ist, die gegenüber dem Altbau fast die doppelte Breite aufweist, ob die Materialität des Rackwitzer Sandsteins mit den anderen Platzwänden am Brandenburger Tor künftig zusammenpaßt, und ob die Vervielfachung der Geschoßfläche noch eine Ahnung vom Raumluxus des einstigen Weltklasse-Hotels vermittelt, wird kaum ernsthaft diskutiert. Der Bau ist für die meisten deutschen Architekten ein Sündenfall, weil er gegen das Nachahmungsverbot der Moderne verstößt. Wenn schon Kopien, so heißt es neuerdings in der bröckelnden Front der Stadtschloß-Gegner, dann sollen es denkmalpflegerische Rekonstruktionen sein. Aber da es weder genügend Bauhandwerker, Konservatoren noch verschwendungssüchtige Investoren gibt, erledigt sich diese Forderung von selbst. Wenn dann zur Not Architektenbüros wie Patzschke dieses Geschäft mit Kompromiß-Entwürfen besorgen, entledigt sich der Berufsstand mit Empörung jeder kritischen Analyse.Natürlich hat das neue Adlon in seiner mühsam dreigeteilten Fassade ein Geschoß zuviel, und das nicht nur im Mittelbereich, wo die Vertikalfenster recht unordentliche Höhendifferenzen aufweisen. Das gilt auch für die Dach-Attika oberhalb des umlaufenden Balkons, wo ebenfalls hinter Gauben noch eine Etage eingeklemmt wurde. Aber angesichts einer Deckenhöhe von wenigstens drei Metern im Inneren kann man von einer gelungenen Vermittlung sprechen, weil eigentlich noch eine Etage mehr möglich gewesen wäre. In der Prachlobby geht es weniger vorbildgemäß neubarock als pseudosakral zu, weil hier ein Kleeblatt-artiger Grundriß mit vier "Chören" und vier Kanzeln entstanden ist. Die neon-befeuerte Moasaik-Kuppel mit Milchglas darüber, die trotzdem von oben Tageslicht bekommt, ist über die Köpfe der Architekten hinweg mit Phantasieornamenten zwischen Islam und Jugenstil verziert. Die gröbsten Widersinnigkeiten von wuchtigen Deckenkassetten aus Gips ohne Auflager, Schmucksäulen ohne Kapitell, Balkontüren ohne versenkte Bodenschwellen und überall falschen Fugenanschlüssen sind nicht den Architekten, sondern den selbständigen Hoteldesignern anzulasten, die noch mehr der öffentlichen Rechenschaft entzogen sind. Wenn das Adlon dazu dienen könnte, die Begriffe zu schärfen, welche Stimmigkeit und Sorgfalt im Detail für Traditionsarchitektur nötig ist, dann ist dieser Bau nicht bloß ein Trostpflaster für Stadtnostalgiker, sondern ein wichtiges Lehrstück öffentlicher Geschmacksbildung. +++