POTSDAM. Laut und vernehmlich hatte sich die Brandenburger Politik in den Urlaub verabschiedet, und einige der Beteiligten hegten die Hoffnung auf einen ruhigen Sommer. Doch der Streit über die Vergangenheit, der seit dem Regierungswechsel 2009 mit anschwellendem Ton ausgefochten wird, geht weiter: Es scheint zu früh zu sein für eine Atempause. Nur so lässt sich erklären, dass ein einziger Artikel eines ehemaligen Zeitungsherausgebers die Parteien in Potsdam derart in Rage bringt wie in den vergangenen Tagen geschehen.Es begann mit einer mittelgroßen Provokation und einem kleinen, aber hartnäckigen Missverständnis. Vorige Woche schrieb der konservative Publizist Alexander Gauland, der nach der Wende bis 2005 das größte Regionalblatt Märkische Allgemeine verantwortete, ein Essay über die Brandenburger und ihre Geschichte. Vorausgegangen waren hitzige Debatten in der und um die Enquete-Kommission, die der Landtag zum selben Thema eingesetzt hat und die just zu Ferienbeginn vor dem Ende stand: Mitglieder und Gutachter schmissen hin, Opposition und Koalition bedachten sich mit Verbalinjurien, die Kommissionsvorsitzende geriet unter Beschuss. Stolpe und Stasi, Brandenburger Weg und das Versagen der Eliten - es geht ums Ganze der letzten 21 Jahre, schon deshalb schlugen die Wogen hoch.Gauland fügte dem ein paar persönliche Noten hinzu. Er attestierte der märkischen SPD, sie habe - im Gegensatz zur CDU - begriffen, dass Brandenburg "keine bürgerliche Geschichte und also auch keine bürgerliche Tradition" habe. Das Land werde seit jeher "von ein paar Ackerbürgern, Kleinbauern und Landarbeitern dominiert". Schon immer hätten die Herrscher hier zwischen den Großmächten und Konfessionen lavieren müssen, so Gauland, bis diese vorsichtig tastende Politik von der "preußischen Dimension überschattet wurde". Der Brandenburger Weg unter Manfred Stolpe sei daher nichts weiter gewesen "als die Rückkehr zu den brandenburgischen Traditionen vor ihrer preußischen Inanspruchnahme".Der CDU, die Gauland bisher für einen der ihren gehalten hatte, weil er für sie mal Staatssekretär in Hessen war, ging das entschieden zu weit. Statt aber auf seinen Hauptvorwurf einzugehen, die Christdemokraten hätten das "Lebensgefühl der Mark" nicht verstanden und sich wegen "kultureller Differenz" in der Partei immer wieder selbst blockiert, ging die Partei- und Fraktionschefin Saskia Ludwig gleich zum Gegenangriff über. Gauland versuche, "seine eigenen Fehler in der Nachwendezeit auf eine vermeintlich proletarisierte, unmündige Bevölkerungsstruktur in Brandenburg abzuwälzen". In Grammatik und Zeichensetzung lässt Ludwigs Replik durchaus zu wünschen übrig, an Deutlichkeit nicht.Ludwig, achte CDU-Vorsitzende in 20 Jahren, rechnete mit Rot-Rot und vor allem mit der SPD ab. Stolpes Politik habe "den weit verzweigten Tentakeln der SED-Diktatur mit ihrer Stasi das Überleben" sichern sollen. Bis heute bedeute der "SPD-SED-Filz" eine "professionell organisierte Unterhöhlung der Demokratie in Brandenburg". Auch hier gebe es aber Bürger, denen Werte wie Familie, Heimat, Eigentum und Engagement stets wichtig waren. Sie seien "der Klassenfeind der Platzeck-Regierung". Der freie Geist indes sei nun wahrlich eine preußische Tugend, so Ludwig.Damit nahm das Missverständnis, Gauland ziehe eine Linie von Preußen zur heutigen Potsdamer Politik, seinen Lauf. Ex-CDU-Chef Jörg Schönbohm, der einst die "erzwungene Proletarisierung" im Osten für Gewalt gegen Kinder verantwortlich gemacht hatte, griff gestern in die Debatte ein: Der Preußen-Fan befand, der laxe Umgang des Landes mit Stasi-Leuten sei "keine Folge des preußischen Erbes".Auch die FDP-Hoffnung Linda Teuteberg und die Grüne Marie Luise von Halem kritisierten eine vermeintliche historische Gleichsetzung. Beide bemühten sich zudem, auf Distanz zu Ludwig zu gehen, ohne die Oppositionsführerin vor den Kopf zu stoßen. "Längst ist ein neues Bürgertum entstanden", fand von Halem, deren Partei sich neuerdings zur eigenen Bürgerlichkeit bekennt. Teuteberg warf Gauland Ignoranz vor, beklagte die "verwirrende Debatte" und behalf sich mit einem Kunstgriff: dem Hinweis auf die Helden der Anderen, in diesem Fall der SPD. "August Bebel, Ernst Reuter oder Kurt Schumacher würden sich befremdet abwenden", glaubt die Freidemokratin.Die SPD allerdings hat schon deutlich gemacht, warum und wie sie seit 1990 die politische Diskussion im Land prägt. Genüsslich warf ihr Fraktionschef Ralf Holzschuher der CDU-Kollegin vor, ihrer Partei seien "grundlegende bürgerliche Tugenden wie Augenmaß und Realitätssinn abhanden gekommen". Ludwig zeichne ein "extremistisches Zerrbild". Das untergrabe nicht nur "unsere politische Kultur", sondern gefährde die Existenz der CDU als Volkspartei. So macht sich jeder im Land Sorgen um die Anderen. Voltaire und Stolpe wären stolz.------------------------------"Die ersehnte Auslöschung alles Bürgerlichen ist und bleibt das Ziel linker Ideologien." Saskia Ludwig, CDU-Vorsitzende in Brandenburg