Ob sie sich insgeheim doch geschmeichelt fühlte? Oder war sie bloß verärgert darüber, wie Christopher Isherwood sie in "Leb wohl, Berlin" beschrieb und wie sie später Liza Minnelli in der Verfilmung von "Cabaret" darstellte? Niemand weiß genau, was Jean Ross über Sally Bowles dachte. Denn als die Britin 1982, erst 62-jährig, starb, da hatte Isherwood das Geheimnis noch nicht gelüftet: nämlich dass Jean Ross sein Vorbild für diese mittlerweile weltberühmte Bühnenfigur gewesen ist.Wie im Roman beschrieben, beziehungsweise: in der Musicaladaption erzählt, haben sich Isherwood und die damals 19 Jahre junge, aus reichem Elternhaus stammende Engländern als Mieter in der Pension in der Nollendorfstraße kennen gelernt. In Berlin hoffte die extravagante, schwarzhaarige Gelegenheitsschauspielerin Jean Ross entdeckt und berühmt zu werden. In erster Linie aber suchte sie, wie so viele junge Ausländer zu dieser Zeit, das Abenteuer der Bohème in einer wilden, aufregenden Stadt, in der fast alles möglich war.Isherwood und Ross waren ein fast unzertrennliches Paar, wie sich der Schriftsteller und Komponist Paul Bowles ("Der Himmel über der Wüste") erinnerte. Zusammen mit dem Komponisten Aaron Copland war Bowles für einige Zeit nach Berlin gekommen, um unter anderem auch Isherwood zu besuchen. "Sie war sehr gut aussehend und außerordentlich amüsant. Christopher verbrachte jeden Tag mit ihr gemeinsam. Während meines Berlinaufenthaltes aßen wir jeden Mittag zusammen zu Mittag." Und ihre zahlreichen deutschen Liebhaber soll sie stets mit "Du Schwein!" angesprochen haben - den einzigen deutschen Wörtern, die sie angeblich konnte. Damals ahnte Paul Bowles noch nicht, dass Isherwood später seiner Romanfigur Sally seinen Nachnamen geben würde.Es ist nicht unbedingt ein schmeichelhaftes Porträt, das dieser im Buch von Jean Ross zeichnet: Eine berechnende, überkandidelte Frau, die sich allenthalben in ihre eigenen Lebenslügen verstrickt. "Alles Erfindung!" protestiert denn auch Alexander Cockburn. Der New Yorker Theaterkritiker ist der Sohn des kommunistischen Politikjournalisten Patrick Claud Cockburn, welchen Jean Ross in dritter Ehe geheiratet hatte. "Sie war völlig anders: eine freundliche, kultivierte und gebildete Frau, und nicht der vulgäre Vamp, wie Liza Minnelli sie darstellte", gibt Cockburn zu Protokoll - ziemlich desillusioniert, denn er weiß, dass seine Bemühungen, das Image seiner Stiefmutter zu verändern, einem Kampf gegen Windmühlen gleichen."Meine Mutter war nicht zuletzt talentiert genug, um sich ihren Lebensunterhalt als Drehbuchautorin und Journalistin verdienen zu können", erklärt wiederum Jean Ross' Tochter, die unter dem Künstlernamen Sarah Caudwell recht erfolgreich Kriminalromane veröffentlichte. Ihre Mutter habe "Leb wohl, Berlin" nie gemocht und sich mit der Figur der Sally Bowles absolut nicht identifizieren können.Mag sein, dass jene Jean Ross, die von Berlin aus nach London ging und dort durch den deutschen Emigranten Berthold Viertel zumindest kurzzeitig einmal einen Fuß ins Filmgeschäft bekam, eine ganz Andere, Seriösere geworden war. Die wenigen Spuren und Berichte von Zeitzeugen, die über ihre Berliner Jahre zu finden sind, bestätigen allerdings eher das Bild, wie Christopher Isherwood es gezeichnet hat. Allerdings lässt sich in dem wenigen, das von ihr aus dieser Zeit bekannt ist, nur schwer Wahrheit und gezielte Übertreibung auseinander halten. Eine große oder gar erfolgreiche Künstlerin ist sie in Berlin jedenfalls nicht geworden. Es stimmt zwar, dass sie 1931 in Max Reinhardts skandalträchtiger Inszenierung von "Hoffmanns Erzählungen" im Großen Schauspielhaus mitwirkte. Ihre Rolle war aber zu klein, um im Programmzettel überhaupt vermerkt zu werden. Jean Ross allerdings wusste ihren Kurzauftritt dennoch gegenüber ihren Freunden spektakulärer aufzumachen, als er tatsächlich war. Während man sie in einer Sänfte sitzend über die Bühne trug, will sie allabendlich in dem schaukelnden Tragstuhl Sex mit ihrem Bühnenpartner gehabt haben. Christopher Isherwood hatte eigens einen Feldstecher mit in die Vorstellung genommen, um das vermeintlich sündige Treiben zu beobachten, doch konnte er leider nichts Anstößiges ausmachen.Für seine Romanfigur Sally war ohnehin ein anderer Job von Jean Ross wesentlich bedeutsamer: ihr Engagement als Tänzerin in dem Revuetheater "Himmel und Hölle". Dieser Nachtclub, der sich im Erdgeschoss des großen Geschäftshauses an der Ecke Tauentzien/Rankestraße befand (heute residiert hier eine Filiale von Hennes & Mauritz), muss als Vorbild für das Etablissement "Lady Windermere's" gelten, der dann in Bob Fosses Film-Musicalversion der "Kit-Kat-Klub" heißt.Der unscheinbare Eingang des Theaterrestaurants lag direkt neben dem Marmorhaus. An der Türe wurden die Gäste gleich von zwei Portiers in Empfang genommen: der eine war als Teufel, der andere als Petrus ausstaffiert. Je nachdem, in wessen Obhut man sich begab, wurde man im "Himmel" oder in der "Hölle" platziert. Doch ganz gleich, ob man sich unschuldig wie ein Engel oder sündig wie Luzifer fühlte und im entsprechenden Bereich des Zuschauersaales saß, blickte man dennoch auf die gleiche Bühne. Dort war man bemüht, das erotische Flair des "Moulin Rouge" nach Charlottenburg zu holen. Die Titel dieser Nacktrevuen beschworen einen letzten Rest an Hochkultur, genau genommen ging es aber in Programmen wie "Das nackte Weib im Spiegel der Kunst" oder bei den "25 Akt-Bilder aus dem Leben des Marquis" (de Sade) einzig und allein darum, dass die Tänzerinnen kunstvoll ihre Hüllen fallen lasse konnten.Gerade mal ein Jahr hielt sich der Nachtclub. Solange dauerte es auch, bis die Behörden endlich die Erlaubnis erteilten, eine Leuchtreklame an die Hausfassade anbringen zu dürfen, mit das Publikum angelockt werden sollte. Doch als die Genehmigung im Mai 1932 endlich erteilt wurde, hatten die Betreiber längst das Handtuch geworfen und die Schließung ihres Etablissements beschlossen.Heute erinnert am Tauentzien nichts mehr an die Existenz dieses Nachtlokals. Auch in den Berliner Archiven hat das Etablissement so gut wie keine Spuren hinterlassen. "Cabaret"-Touristen hingegen pilgern bisweilen in den "Kit Kat Club" in der Schöneberger Bessemerstraße und sind einerseits überrascht, andererseits aber auch in ihren Erwartungen bestätigt, wenn sie dort einen zügellosen Sexclub vorfinden - auch wenn dieser mit Christopher Isherwood und Jean Ross so rein gar nichts zu tun hat.------------------------------Foto: "So viel Schalk im Sinn und so viel unerschütterliches Selbstvertrauen .": So erinnert sich Isherwood an die echte Sally Bowles, Jean Ross - hier anno 1929.------------------------------Foto: Jill Haworth war die Erste: Sie spielte die Sally Bowles in der Musical-Uraufführung - ab dem 20. November 1966 am Broadway.------------------------------Foto: Liza Minnelli ist die Sally aller Sallys: Sie spielte die Glückssucherin in Bob Fosses "Cabaret"-Film, der 1972 uraufgeführt wurde.------------------------------Foto: Anna Loos-Liefers wollte gern mal wieder was mit Gesang machen. Also ging sie zum Casting in der Bar jeder Vernunft und bekam sofort die Rolle der Sally.------------------------------Foto: Rechts die Pensionswirtin Fräulein Schneider (Angela Winkler), an den Rand ihrer eigenen Verlobungsfeier gedrängt.