Wenn auf der Leinwand Anna Karina den Zigarettenrauch inhaliert und ihrem Gegenüber lange und intensiv in die Augen schaut, kreuzt sich ihr Blick mit dem von Hanna. Fast wirkt es, als signalisierten sich zwei Verschwörerinnen ihr stilles Einverständnis. Oder ist es Liebe auf den ersten Blick? Jedenfalls zieht es Hanna, die Anfang der Sechziger in einem Montrealer Arbeiterviertel aufwächst, wieder und wieder ins Kino, um Anna Karina als Nana in Jean-Luc Godards "Vivre sa vie" zu sehen. Ihre Blicke verfolgen im Dunkeln, wie die Heldin sich lustlos von einem Kerl begrapschen lässt. Wenn Nana in einer abgeranzten Kneipe die Jukebox anschmeißt und ekstatisch um eine Säule herum wirbelt, sieht die 13-Jährige sich selbst durch den Probenkeller ihres Bruders Paul tanzen. Und wenn Nana einer Freundin erklärt, dass man, auch wenn man es oft vergesse, immer für seine Taten verantwortlich sei, wiederholt Hanna die Worte, als handele es sich um die Formel, um mit dem Leben draußen vor der Kinotür zurechtzukommen: "Ich bin verantwortlich."Imitieren oder nach eigenen Ausdrücken suchen? Sich treiben lassen oder Verantwortung für sich selbst übernehmen - allein schon, weil es sonst niemand tut? In Léa Pools Film "Emporte-moi" kommen die real existierenden Erwachsenen mit Ausnahme von Hannas Englischlehrerin als Psychowracks daher. Die fragile Mutter bringt zwischen Depressionsschüben und Selbstmordversuchen keine Energie für ihre beiden Kinder auf. Im Gegenteil: Fast ist es, als hätten sie die Rollen getauscht. So versucht Hanna verzweifelt, die Frau mit dem abwesenden Blick und den fahrigen Bewegungen zu bemuttern. Hannas Vater hingegen laboriert an einem inneren Schmerz, der sich in Aggressionen entlädt. Wenn die Kinder es wagen, sich zu rühren, während im Radio die neuesten Nachrichten über Israel verlesen werden, herrscht er sie an: "Was wisst ihr schon vom Land eurer Vorfahren?" Der Mann, der als Jude in Frankreich den Holocaust überlebte, malträtiert sich und die Familie mit seinen erfolglosen Ambitionen als Schriftsteller. Wenn er in der beengten Wohnung auf und ab läuft und seiner übernächtigten Frau Formulierungen in die Schreibmaschine diktiert, um sie im nächsten Moment wieder zu verwerfen, liegt eine unerträgliche Spannung im Raum. Erst wenn die Eltern endlich zu Bett sind, reißt Hanna die Fenster auf, zündet sich eine Kippe des Vaters an und betrachtet mit stiller Genugtuung, wie ein Lufthauch dessen welke Manuskripte zerzaust.Kein Ort nirgends - oder etwa doch? "Emporte-moi" bedeutet so viel wie "reiß mich mit", "schwemm mich davon." Léa Pools Film lebt von dem permanenten Widerspruch zwischen der versteinerten Tristesse der Außenwelt und Hannas leidenschaftlichem (Auf-)Begehren. Wo andere bei einer derart pathologischen Beziehungskonstellation in Sozialkitsch oder psychologischen Determinismus verfallen, bricht "Emporte-moi" immer wieder aus, lässt Fluchtpunkte aufblitzen. Zum Beispiel, wenn Hanna bei einer Party die gleichaltrige Laura sieht, deren Blick so provozierend offen ist wie der von Anna Karina. Wie die beiden sich aneinander herantänzeln und verstohlen Händchen halten, während sie diverse Verehrer abwimmeln, ist einfach hinreißend. Der Zauber des Augenblicks, der süße Triumph der Grenzüberschreitung wird auch dadurch nicht gemindert, dass sich schon bald jemand zwischen Laura und Hanna drängt. Denn - und das verbindet die Heldinnen von "Vivre sa vie" und "Emporte-moi" in existenzialistischer Weise - ohne Risiko gibt es kein Leben, das der Rede wert wäre.Emporte-moi Kanada/ Schweiz/ Frankreich 1999, 94 Minuten. Regie & Drehbuch: Léa Pool; Darsteller: Karine Vanasse, Pascale Bussières, Miki Manojlovic.