WASHINGTON, 9. Dezember. "Wir wussten es doch die ganze Zeit", sagt Dexter King nach dem Urteil der zwölf Geschworenen. Er wendet sich seiner Mutter Coretta Scott King zu, sie nickt zustimmend. Mit ruhiger Stimme beschreibt der jüngste Sohn des legendären schwarzen Bürgerrechtlers Martin Luther King, wie ihm an diesem Tag zu Mute ist.Seine Familie empfinde eine Mischung aus Genugtuung und Verzweiflung, sagt er. Genugtuung, weil eine zwölfköpfige Jury in Memphis den Verdacht der Angehörigen des Bürgerrechtlers einstimmig bestätigt hat das Attentat auf Martin Luther King war nicht der Alleingang eines Einzeltäters, wie es bislang im offiziellen Ermittlungsergebnis geheißen hatte. Vielmehr verbarg sich hinter der Tat, so das Gericht an diesem Mittwoch in seiner Begründung, eine komplexe Verschwörung."Ich kann es ehrlich gesagt nicht fassen, wie wenig es die Medien und die breite Öffentlichkeit interessiert, dass die amerikanische Regierung an dem Attentat auf den wichtigsten ,african American in unserer Geschichte beteiligt war", sagt Dexter King. Dann fügt er hinzu: "Es hat sich eben doch nichts geändert", und spricht damit wohl Millionen von schwarzen Amerikanern aus der Seele.Dexter Kings Interpretation des Urteils ist allerdings auch ein bisschen gewagt. Die aus sechs Schwarzen und sechs Weißen bestehende Jury hat lediglich befunden, dass James Earl Ray auf keinen Fall ein Einzeltäter war. Er mag zwar am 4. April 1968 vom Balkon des Lorraine Hotels in Memphis die tödlichen Schüsse auf den Bürgerrechtler abgefeuert haben. "Doch die Verstrickungen waren viel zu komplex", erklärt der Juror David Morphy. Die Beweise seien eben doch beeindruckend gewesen, "da steckten viele Menschen unter einer Decke".Geständnis und WiderrufÜber drei Jahrzehnte hatte sich die Öffentlichkeit mit einer simplen Erklärung für das Attentat auf Martin Luther King begnügt, für die meisten Amerikaner handelte es sich um ein "open and shut case", einen Fall, der zu Ende war, kaum dass er angefangen hatte. Demnach war James Earl Ray ein Gelegenheitsdieb und zudem Rassist. Womöglich habe der Arbeitslose im Auftrag des Ku-Klux-Klan gehandelt, doch Theorien von einer Teilnahme der Mafia, des FBI, der CIA, des Weißen Hauses und womöglich des Militärs erschienen zu abenteuerlich, um glaubhaft zu sein. Immerhin hatte Ray ja auch ein knappes Jahr nach dem Mord ein Geständnis abgelegt, das er allerdings drei Tage später widerrief.Am Vorabend des Mordes, am 3. April 1968, hatte sich Ray im Lorraine Hotel einquartiert. Ballistische Tests, die heute allerdings wieder angezweifelt werden, ergaben, dass die tödliche Kugel eindeutig aus seiner Waffe stammte. Er wurde zu 99 Jahren Haft verurteilt. Bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr hatte Ray seine Unschuld beteuert.1978 kam ein Sonderausschuss im amerikanischen Kongress zu dem Schluss, dass Rays Bruder womöglich der Drahtzieher war und an dem Kopfgeld, das eine Gruppe von weißen Rassisten in St. Louis ausgesetzt hatte, mitverdienen wollte. Doch die Untersuchungen fanden kaum Beachtung, der Fall wurde zu den Akten gelegt.Im vergangenen Jahr bildete sich dann eine ungewöhnliche Allianz: Die Familie Martin Luther Kings wusste, dass der mutmaßliche Attentäter im Sterben lag. Sie tat sich mit Ray und seinen Anwälten zusammen, um der Wahrheit auf den Grund zu gehen. Rays Anwalt William F. Pepper, nun auch Anwalt der Familie King, glaubt fest an eine Verschwörungstheorie und hat einige Bücher dazu geschrieben. Er lud mehr als siebzig Zeugen unter anderem den früheren UN-Botschafter und Bürgermeister von Atlanta Andrew Young. Pepper sagte vor Gericht, Martin Luther Kings wachsende Opposition gegen den Krieg in Vietnam habe zu seiner Ermordung geführt.Nicht gegen die Regierung oder den CIA oder das organisierte Verbrechen wurde nun jedoch verhandelt. Auf der Anklagebank in Memphis saß vielmehr der frühere Geschäftsmann Lloyd Jowers, der seinerzeit in Memphis ein Café besaß, das nicht weit von dem Motel gelegen war, vor dem King erschossen wurde. Vor sechs Jahren wandte sich Jowers mit einer sensationellen Geschichte an die Polizei. Er gab zu, "mit mehreren anderen Leuten" an einer Verschwörung gegen King beteiligt gewesen zu sein. Seine freiwillige Aussage brachte den Stein wieder ins Rollen. Obwohl die Ausführungen des schwer kranken 73-Jährigen nicht immer schlüssig waren bis heute ist unklar, mit wem er genau konspiriert haben will griff die Staatsanwaltschaft den Fall wieder auf, wenn auch ein wenig halbherzig. Der Jury-Spruch vom Mittwoch erging gegen Jowers, doch es bleiben weiterhin viele Fragen offen. In der Tat bemerkenswert ist jedoch, wie wenig Aufmerksamkeit die amerikanischen Medien dem historischen Urteil schenkten. Dexter Kings Verzweiflung über das Desinteresse und die allgemeine Gleichgültigkeit ist verständlich. Für ihn und seine Mutter Coretta Scott King, die seit dem 4. April 1968 unermüdlich versucht, das Vermächtnis des Bürgerrechtlers zu bewahren, überwiegen an diesem Tag dennoch positive Gefühle. "Uns interessiert kein Geld" sagt Coretta King. Das Gericht hatte der Familie ein symbolisches Schmerzensgeld von 100 Dollar zuerkannt. "Uns interessiert die Wahrheit, und die haben wir jetzt." Zumindest einen Teil davon.